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nachDRUCK # 6

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Neue Stücke

Zwei

beklemmende

Stücke über

staatliche

Gewalt



Bewertung:    



Das Festival für Internationale Neue Dramatik (FIND) in der Schaubühne am Lehniner Platz hat für diese Ausgabe einen Amerika-Schwerpunkt gesetzt, der zu Beginn gleich mit zwei bemerkenswerten Produktionen aufwartet. Is This A Room? ist eine in den USA bereits erfolgreich am New Yorker Off-Broadway gelaufene Produktion der Regisseurin Tina Satter und ihrer Theatergruppe Half Straddle über die in Deutschland weniger bekannte US-amerikanische Whistleblowerin Reality Winner. Oasis de la Impunidad ist eine Performance des chilenischen Regisseurs Marco Layera mit dem Ensemble des Teatro La Resentida, die sich mit staatlich ausgeübter Poilzeigewalt beschäftigt. Das Stück ist übrigens eine Koproduktion mit den Münchner Kammerspielen und der Berliner Schaubühne, die am 1. April auf der dortigen Studiobühne ihre internationale Uraufführung erlebte.

* *

Die aus Texas stammende 25jähriger Reality Winner hatte bereits einen 6jährigen Dienst als kryptologische Sprachanalystin in der U.S. Air Force absolviert, bevor sie 2017 bei einem Nachrichten-Dienstleister für den US-amerikanischen Geheimdienst NSA in Georgia eingesetzt wurde. Winner stieß während dieser Tätigkeit auf Informationen, die Beweise über russische Eingriffe in den US-Wahlkampf 2016 enthielten. Die bekennende Trump-Kritikerin leakte das ausgedruckte Dokument per Post an die Nachrichtenwebseite The Intercept, die einen Scan der Seite im Internet veröffentlichte. Durch die von Lesern entdeckten Farbdruckermarkierungen auf diesem Papier konnte das eingeschalteten FBI die Spur zu Winner zurückzuverfolgen. 2018 wurde sie auf Grundlage des Espionage Acts aus dem Jahr 1917 zu fünf Jahren und drei Monaten Haft verurteil. Reality Winner hat drei Jahre ihrer Haftstrafe abgesessen, bevor sie 2021 auf Bewährung entlassen wurde.

Das Doku-Stück Is This A Room? ist ein Reenactment der originalen Verhörmitschnitte der ersten Vernehmung Winners durch das FBI 2017 in ihrem Haus in Augusta, Georgia. Das FBI tauchte damals mit einem ganzen Kommando von Polizeibeamten auf ihrem Grundstück auf. Im Stück sind es lediglich drei, die von Becca Blackwall, Will Cobbs und Pete Simpson gespielt werden. Zwei mimen die netten Kerls von nebenan, während einer mit einem Walkie-Talkie Kontakt zu offensichtlich in Fahrzeugen wartenden Kollegen hält. Auch so wird aber schnell klar, wie hier die Kräfteverhältnisse gelagert sind, obwohl die junge Winner, gespielt von Katherine Romans, zunächst noch recht souverän der Situation und den Fragen der Ermittler begegnet. Ein Schlagabtausch in Worten, der mit allen Räusperern und Hustern der Beamten zunächst einen recht unbeholfen und sogar komisch wirkenden Small Talk über Einkäufe, Wohnung, Haustiere und Fitness darstellt. Die gerade vom Einkauf zurückgekehrte Winner in weißem Hemd, kurzen Hosen und Turnschuhen ist nebenbei noch Yogalehrerin und besitzt eine Katze und eine Hündin, die, wie sie sagt, keine Männer mag.

Der lockere Plausch, bei dem die Beamten aber immer wieder ihren Durchsuchungsbefehl erwähnen und Fragen nach der Wohnung und eventuell darin befindlicher Waffen stellen, zielt aber mit der Zeit immer direkter auf Winners Tätigkeit für die Air Force und den NSA. Die Schlinge zieht sich langsam zu und schließlich legt sie doch ein Geständnis über das von ihr ausgedruckte und aus dem Gebäude geschmuggelte Papier ab. Das Publikum, das in der Schaubühne auf zwei gegenüberliegenden Tribünen vor der kleinen, nur mit zwei Podesten bestückten Bühne sitzt, erfährt allerdings kaum etwas über den wahren Grund der Vernehmung, da im veröffentlichten Transcript des FBI-Mitschnitts die Stellen, wo es um den Inhalt des Papiers geht, geschwärzt sind. Die Lehrstellen werden mit einem elektronischen Ton und dem Aufblitzen von Scheinwerfern überbrückt. Das wird mit der Zeit immer bizarrer, wenn außerdem die Beamten sich teils wie in Zeitlupe bewegen und sprechen. Das recht minimalistische Setting und Spiel hinterlässt dabei einen zunehmend beklemmenden Eindruck.

*

Recht beklemmend ist auch die Uraufführung des Stücks Oasis de la Impunidad (Oase der Straflosigkeit) von Marco Layera im Studio der Schaubühne. Die recht körperliche Performance ist inspiriert von der anhaltenden Polizeigewalt gegen die revolutionäre Bewegung in Chile im Jahr 2019, bei der vor allem junge ChilenInnen gegen soziale Ungerechtigkeit im Land auf die Straße gingen. Den Regisseur interessiert aber vor allem die Wirkung von Gewalt auf der Straße und deren Reproduktion auf der Bühne. Die Verbrechen der Pinochet-Diktatur in Chile sind bis heute nicht vollends aufgearbeitet, was ein andauerndes gesellschaftliches Problem darstellt.

Zunächst ist es aber vollständig dunkel auf der kleinen Studiobühne. Nur ein leerer Schaukasten aus Glas und ein großes Bild eines mit Bettlaken bedeckten Gespensterkopfes sind angeleuchtet. Ein Mann in Museumswärteruniform begrüßt das Publikum mit einer schrillen aus dem Off tönenden Stimme und legt strenge Regeln fest, die nicht nur rauchen und essen verbieten, sondern auch das Demonstrieren. Der Performer bewegt sich dabei zuckend und wirkt wie eine fremdbewegte Puppe. Es folgt ein Akt der Selbstfolterung, der nur schwer erträglich ist. Ein nackter Performer zeigt an sich, was mit einer Kneifzange so alles zu machen ist. Beim Ziehen und Zerknacken von Zähnen verlässt eine Zuschauerin den Saal. Diese Art der körperlichen Selbstpein wird sich noch wiederholen. Dazu wird das Instrumental des Elvis-Klassiker Blue-Moon eingespielt.

Das Ensemble bewegt sich in blauen Ballerina-Kostümen zu lateinamerikanischen Klängen ebenso so abgehackt wie der Museumswärter. Die klassischen Ballettposen gehen aber bald in Paartänze körperlicher Gewalt über, bei denen sich die PerformerInnen an den Haaren ziehen oder in den Schwitzkasten nehmen. Sehr künstlich ist auch ein Picknick mit Grill und Saufgelage, das wieder in Gewaltszenen mündet. Die bizarren Gestalten mit blauen Kleidern und verlängerten Ohren wirken wie fremdbestimmte Zombies, Untote eines Systems der Gewalt, dem sie in Gestalt des Gespensterbildes huldigen. Ein nackter Performer, der einen Toten spielt, wird von ihnen wie ein gekreuzigter Christus zu immer wieder neuen Tableaus aufgerichtet und schließlich unter den Teppich gekehrt.

Im Glaskasten taucht dann der nur mit Unterhose bekleidete Schaubühnenschauspieler David Ruland auf. Ein Büttel des Systems, der das Gewaltmonopol des Staates preist, stolz seinen Einsatz für Ordnung und Demokratie hervorhebt und den Einsatz von Gewalt gegen Chaoten rechtfertigt. Das Ensemble wird der Reihe nach durch den Kasten ziehen und seinen Mund küssen. So wiederholen sich die kunstvoll choreografierten Bilder der Gewalt bis zu einem Begräbnis bei dem eine trauernde Frau erst den Sarg mit einem Feuerlöscher zerschlägt und dann von den Zombies ruhiggestellt und nackt ins Publikum gesetzt wird. Ein nicht enden wollender Totentanz, aus dem sie zu befreien einer der Horrorgestalten das Publikum bittet. Zum Applaus verbeugt sich das Ensemble ohne die Frau. Sie sitzt weiter nackt im Publikum, das sich zwischen Abscheu oder Empathie entscheiden muss.



Teatro La Resentida: Oasis de la Impunidad | Foto (C) Maglio Pérez

Stefan Bock - 3. April 2022
ID 13555
Is This A Room? (Schaubühne am Lehniner Platz, 01.04.2022)
Bühne: Parker Lutz
Kostüme: Enver Chakartash
Musik: Sanae Yamada
Licht: Thomas Dunn
Requisite: Amanda Villalobos
Produktion und Inspizienz: Randi Rivera
Produktionsleitung: Mariana Catalina
Technik: Jørgen Skjaervold
Produktion: Half Straddle
Mit: Becca Blackwall, Will Cobbs, Katherine Romans und Pete Simpson
UA im The Kitchen in New York war im Januat 2019.
Weitere Termine: 13., 14., 15., 16.06.2022 (bei den Wiener Festwochen)

Oasis de la Impunidad (Studio, 01.04.2022)
Regie: Marco Layera
Dramaturgie: Elisa Leroy und Martín Valdés-Stauber
Bühne: Sebastián Escalona und Cristian Reyes
Kostüm: Daniel Bagnara
Musik: Tomás Gonzales und Andrés Quezada
Mit: Diego Acuña, Nicolás Cancino, Lucas Carter, Mónica Casanueva, Carolina Fredes, Imanol Ibarra, Carolina de la Maza, Pedro Muñoz und David Ruland
Premiere an der Schaubühne Berlin: 1. April 2022
Weitere Termine: 02., 03.04.2022 / 07., 08.04.2022 (in den Münchener Kammerspielen)


Weitere Infos siehe auch: https://www.schaubuehne.de


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