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Roman

Ein seltsamer

Vogel





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„Und was sagte der Vogel, in seiner feinen Sprache? Für Mattis gab es keinen Zweifel. Es ging um große Freundschaft. Pick, pick, pick. Unendliche Freundschaft, bedeutete das. Er nahm das Zweiglein und pickte feierlich daneben, dass es ihm ebenso ging. Es war einfach, Vogelschrift zu schreiben. Sie würden einander viel mitteilen.“ (Tarjei Vesaas, Die Vögel, S. 91)

*

Vögel spielen in allen Religionen und biblischen Schriften eine Rolle. Da Vögel dem Irdischen enthoben sind, wird ihnen eine besondere Verbindung zum Göttlichen nachgesagt. Viele jüngere literarische Werke widmen sich auf die eine oder andere Weise dem Geheimnisvollen der gefiederten Freunde; etwa Das Schöne, Schäbige, Schwankende (2019) von Brigitte Kronauer, Der Vogelgott (2018) von Susanne Röckel oder Der Distelfink (2014) von Donna Tartt. Auch Die Vögel von Tarjei Vesaas ist ein meisterhafter Roman über einen Vogelliebhaber. Der Hauptprotagonist kommt sich und seiner Gefühlswelt näher, indem er sich mit einem wiederkehrenden Vogel über seinem Haus beschäftigt, einer Schnepfe.

Vogelfedern der Schnepfe locken prachtvoll auf dem Buchcover. Hinrich Schmidt-Henkel übersetzte Vesaas norwegisches Meisterwerk (Originaltitel: Fuglane, ersterschienen 1957) über die Weltsicht eines Sonderlings, der in seinem Heimatdorf als geistig zurückgeblieben gilt. Der 37jährige Mattis lebt abgeschieden alleine mit seiner älteren Schwester Hege an einem See. Mattis gibt sich regelmäßig scheinbar sinnentleerten oder kindlich naiven Grübeleien hin, wenn er etwa das Tun anderer Menschen stets einzuordnen und zu bewerten versucht: „War sie jetzt klug oder doch nicht?“ (S. 166) Hier hinterfragt er das Tun seiner Schwester, die das Haushaltseinkommen der beiden mit Strickarbeiten besorgt. Beide Geschwister leben seit dem Tod der Eltern sehr aufeinander bezogen.

Mattis Blick auf die Welt ist naturverbunden, so tauchen auf den ersten Seiten Assoziationen zu Vögeln in den Beobachtungen seiner Schwester auf: „Rasch richtete er seine Augen auf die Schwester. Seltsame Augen. Immer verschreckt, scheu wie Vögel.“ (S. 12) Auch der Protagonist setzt bei sich Bezüge zu Vögeln: „Habe ich heute Habichtsaugen?, wunderte er sich freudig, das ist mir noch nie aufgefallen.“ (S. 13) Alles erscheint Mattis bedeutungsvoll, etwa auch Naturereignisse, wie ein Schnepfenflug oder ein Gewitter. Er versucht stets Hege an seinen Beobachtungen teilhaben zu lassen. Sie scheint mit diesen Sinneseindrücken und manchmal unzusammenhängenden Gedanken überfordert und wird ihrem Bruder gegenüber oft abweisend. Hege schickt Mattis wiederholt in das nahegelegene Dorf, damit er die Bauern um Arbeit bittet. Diese Versuche des Tagelohnerwerbs sind für Mattis eine große Herausforderung. Er versucht alles, um auf möglichen Broterwerb bezogene Gänge in das Dorf hinauszuzögern oder zu umgehen. So überlässt er die Entscheidung für einen Bauernhofbesuch in dieser Sache schon einmal seinen Füßen:


„'Wenn ihr da hochwollt, dann zuckt ihr doch sicher', sagte er zu seinen Füßen und wartete. Nein, kein Zucken zu diesem Hof hinüber, die Füße sind zu klug dazu. Mal um Mal versuchte er es heute – und bei jedem Abzweig war es wieder dasselbe. Aber ob Hege es gut findet, dass ich das so mache? Von der Fußprobe wusste Hege nämlich nichts, die war sein Geheimnis. Sie war nicht leicht von so was zu überzeugen.“ (S. 79)


Heute ist ein ähnliches Vorgehen in der Alternativmedizin unter dem Begriff kinesiologischer Selbsttest bekannt.

Auch die geduldigen und dem Außenseiter meist wohlgesonnenen Bauern tun sich schwer mit Mattis. Er arbeitet unkonzentriert, unbeholfen und unsicher. Er ist auch mitunter ungestüm. Mattis weiß, dass über ihn gespottet wird und man ihn im Dorf „Dussel“ nennt. Er versteht, dass er den anderen Dorfbewohnern in vielerlei Hinsicht nicht ebenbürtig ist und leidet darunter. Gleichzeitig erfasst er auch, dass er etwa in der Natur tiefere Erfahrungen macht als möglicherweise andere. Er stellt Hege und anderen Protagonisten aus seiner Sicht existentielle Fragen, die diese nicht verstehen. Er versucht sich stets zu verorten, eingeschlossen in seine mitunter verworrene Sicht der Dinge. Weil er auf andere Menschen wie Hege angewiesen ist, wird er von großen Verlustängsten geplagt.

Es ist Tarjei Vesaas Verdienst, schon in den 50er Jahren in Die Vögel feinfühlig und sensibel das autonome, sehr lebendige Innenleben eines Menschen mit geistigen Einschränkungen zu bebildern. In kurzen und einfachen Sätzen schwingt atmosphärisch viel mit, gerade weil vieles Unausgesprochen bleibt. Die Vögel vermag einen Lese-Sog oder -Strudel auszulösen, insbesondere wegen vieler lichter Momente und berührender Begegnungen, etwa wenn Hege ihrem Bruder in einer Umarmung vermittelt, dass sein Dasein und Tun als selbsternannter Fährmann durchaus sinnstiftend war und noch ist:


„'Wenn ich bloß nie…' Weiter kam er nicht, Hege griff ein, bevor er etwas verurteilen und kaputtmachen konnte. Sie ging unvermittelt auf ihren Bruder zu und tat etwas, das sie noch nie getan hatte, soweit er zurückdenken konnte: Sie umarmte ihn, sie legte die Arme so um ihn, dass er sie spürte. Ihr Gesicht war ganz fremd. Und dann sagte sie: 'Gott segne dich, Mattis, dass du Fährmann geworden bist.'“ (S. 201)


Ansgar Skoda - 1. Februar 2021
ID 12724
Verlagslink zum Roman Die Vögel von Tarjei Vesaas


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