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Der Film hat von seiner Erfindung an zwei Funktionen erfüllt, die sich nur selten vereinbaren ließen: als Ware und als Kunstgattung. Über Jahrzehnte hinweg verstand sich die Filmkritik als Anwalt des Film als Kunst gegen die Zumutungen des Kommerzes. Inzwischen ist eine Generation herangewachsen, die ein zynisches Verhältnis zu allem hat, was mehr anstrebt als Profitvermehrung. Sie hat zur PR ein intimeres Verhältnis als zur Kritik und besitzt nicht genügend Selbstachtung, um sich nicht zu Bütteln der größten Idiotie und des widerwärtigsten Schmarren machen zu lassen, wenn sie nur Pressekarten und DVDs erhält und von den Berufs-PR-Leuten, die hinter ihrem Rücken nur Spott und Verachtung für sie übrig haben, umworben wird.

Die Kritiker der vorausgegangenen Generationen kannte man noch beim Namen. Sie wurden respektiert oder sogar bewundert, und man wusste, dass sie integer und nicht käuflich waren. Einige versammelten sich um die Zeitschrift Filmkritik (1957-1984), das deutsche Gegenstück zu den französischen Cahiers du cinéma und dem britischen Sight & Sound. Einer von ihnen war Ulrich Gregor, der zusammen mit seiner Frau Erika Gregor, die nur selten von seiner Seite weicht, als Heroe der deutschen Kinogeschichte gelten kann, wie es selbst in seiner Generation nur wenige gibt. Über viele Jahre hinweg haben der eher introvertierte Ulrich und die lebhafte Erika Gregor das Internationale Forum des Jungen Films bei der BERLINALE geleitet und geprägt. Zugleich gründeten sie das aus dem Verein der Freunde der Deutschen Kinemathek hervorgegangene Berliner Arsenal, das als allerdings niemals erreichtes Modell für alle deutschen Programmkinos gelten kann und auch als Archiv eine bedeutende Position einnimmt. Zudem war Ulrich Gregor zusammen mit Enno Patalas Autor einer Filmgeschichte, die zu einer Zeit, als man noch nicht gegoogelt hat (können sich jüngere Menschen das überhaupt vorstellen?), für den deutschsprachigen Raum den gleichen Status hatte wie die Standardwerke von Georges Sadoul in Frankreich und von Jerzy Toeplitz in Polen.

*

Im Schüren Verlag, der auf Filmliteratur spezialisiert ist, haben Claudia Lenssen und Maike Mia Höhne jetzt ein schönes Buch mit zahlreichen Fotos herausgebracht, das sich Erika und Ulrich Gregor widmet. Es besteht größtenteils aus Gesprächen mit dem Paar, die durch Statements von Weggefährten und Zeitzeugen ergänzt werden. Da erfährt man auch allerlei Persönliches und Biographisches, das für die berufliche Entwicklung von Bedeutung ist, ohne eine Kammerdienerperspektive zu befriedigen.

Erika und Ulrich Gregor sind keine Ideologen. Aber aus den Gesprächen wird deutlich, dass sie das leidenschaftliche Interesse für den Film und seine Erscheinungsformen jenseits der westdeutschen Grenzen notwendig in ein politisches Umfeld führte, das man wohl als mehr oder weniger „links“ klassifizieren darf. Zu einer Zeit, als die DDR, auch von der offiziellen BERLINALE, nur als Unrechtsstaat wahrgenommen wurde, betrieben die Gregors bereits ihre eigene Ostpolitik. Zugleich hatten sie ein ausgeprägtes Gespür für den Dokumentarfilm und den Experimentalfilm. Zwischen diesen und dem dominierenden Spielfilm zogen sie, ganz im Geist von Jean-Luc Godard, keine Grenzen. Welcher Filmkritiker erwähnt heute auch nur Experimentalfilme? Welcher Kritiker kennt sie überhaupt?

Wer sich für Film interessiert, für Film als Kunst, sollte dieses Buch nicht versäumen. Aber man kann es auch lesen als Porträt zweier exemplarischer Intellektueller, die zur Zeit der nationalsozialistischen Machtergreifung geboren wurden und ihren Weg in den wechselvollen Nachkriegsjahren gegangen sind, ohne sich zu verkrümmen.


Thomas Rothschild – 4. November 2022
ID 13894
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