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„Eines Tages, wenn die Geschichte vorbei sein wird, denn sie wird vorbeigehen, wird niemand bezeugen können, dass es sie je gab. Einer ihrer Darsteller (er) wird sie sogar leugnen können und bei Bedarf gegen solch erfundenes Geschwätz auf die Barrikaden gehen. Der andere (ich) wird nur sein Wort haben, es würde nicht schwer wiegen. Dieses Wort wird niemals fallen. Ich habe nie darüber gesprochen. Außer heute. In diesem Buch. Zum ersten Mal.“ (Philippe Besson, Hör auf zu lügen, S. 85)

*

Bei schwulen Bestseller-Autoren aus Paris scheinen autobiographische Romane derzeit en vogue zu sein, denke man an Édouard Louis (Im Herzen der Gewalt, 2017; Das Ende von Eddy, 2015) oder Didier Eribon (Rückkehr nach Reims, 2016).

Auch der französische Schriftsteller Philippe Besson beschäftigt sich in seinem jüngsten Roman Hör auf zu lügen (2018) mit der eigenen Vergangenheit. Seiner autobiographisch grundierten Erzählung ist die Widmung „In Erinnerung an Thomas Andrieu (1966-2016)“ vorangestellt. Man erinnere sich: Auch in Bessons vielleicht bekanntestem Werk Sein Bruder (2005) heißt der Protagonist, dem sich Son frére (Originaltitel) titelgebend widmet, Thomas Andrieu. Besson verarbeitet in seinem jüngsten Werk also die Beziehung zu einem Mann, die ihn ein Leben lang verfolgte; auch literarisch verarbeitet in eigenen Romanen. 2016 verstarb Andrieu nun. Der französische Romancier legt seine autobiographisch geprägte Erzählung bereits in den ersten Zeilen als Erinnerungsbericht an:

1984 begann zwischen den beiden Gymnasiasten Philippe, Sohn eines Schuldirektors, und Thomas, Sohn eines Winzers, eine heimliche Affäre, die bis zum Abitur anhielt. 2007 trifft Philippe, inzwischen prominenter Schriftsteller, zufällig auf Thomas Sohn Lucas, der seinen Vater in jüngeren Jahren zum Verwechseln ähnlich sieht. Sie unterhalten sich über Thomas. 2016 verabreden sich Lucas und Philippe wieder zu einem Treffen in einem Café in Paris. Philippe erfährt durch Lucas, dass sich Thomas, der zeitlebens die eigene Homosexualität geheim hielt, das Leben genommen hat.

Mit aller Kraft wird Philippe noch einmal von der gemeinsamen Vergangenheit als Heranwachsende heimgesucht. Vorwegnahmen und ein Springen zwischen unterschiedlichen Handlungsebenen deuten stets darauf hin, dass die Stunden intimer Zweisamkeit gezählt sind. Anschaulich und behutsam werden das Innenleben der Erzählfigur, aber auch Gespräche und Annäherungen zwischen Philippe und Thomas respektive Philippe und Lucas beschrieben. Die tagebuchartig durchgehend aus der Ich-Perspektive erzählte Handlung schwelgt in teils sensibel-gefühlvollen, teils aber auch pathetischen Erinnerungen, die auch eine insgeheime Überlegenheit des Erzählers gegenüber Thomas andeuten:


„Und schließlich, langsam, hebe ich meinen Kopf, stütze mich auf meine Ellbogen, und ich betrachte ihn, kann seine Gier kaum glauben, man würde meinen, ein verhungerndes Kind, das an seinem Futter ersticken möchte. Ich weiß nicht, aus welchen Tiefen diese Gier nach einem Männerschwanz bei ihm rührt, ich schätze, dass Verdrängen, Selbstbeherrschung solchem Furor vorausgegangen sind.“ (S. 61)


Niveau und sensibler Charme des Buches werden nicht durchgehalten. Einige Passagen erscheinen rührselig oder betulich. Besson beschäftigt sich etwa zu selbstgefällig mit dem eigenen Werk. Des Öfteren versucht er so verheißungsvoll auf besondere Schwerpunkte in seinem Oeuvre hinzudeuten:


„All mein Staunen von damals bin ich nie losgeworden, es berauscht mich noch, wenn ich die Erinnerung daran niederschreibe. Es erklärt die Besessenheit vom Meer, von der all meine Romane zeugen.“ (S. 97)


Zuweilen gewinnt man den Eindruck, dass Philippes Vorstellung von Thomas vielleicht doch etwas zu sehr von der Realität abgewichen haben könnte. Immerhin vermag das Ringen um Worte, dass der Roman in einer teils recht gelungenen Übersetzung aus dem Französischen von Hans Pleschinski (selbst Bestseller-Autor von u.a. Wiesenstein, 2018) wiederholt in der Hommage an die erste große Liebe thematisiert, über weite Strecken zu fesseln:


„Und ich habe übrigens lange versucht, einige Worte für sein Verschwinden zu finden. Ich stieß auf viele, einen ganzen Haufen, ich habe sie sogar alphabetisch geordnet, wenn Sie denn alles erfahren wollen: Abwesenheit, Aufbruch, Auflösung, Auslöschung, Ende, Entweichen, Entwischen, Entzug, Flucht, Fortsein, Rückzug, Tod, Verlassen, Verlust. Und noch einige, die ich vergessen habe.“ (S. 144)


Ansgar Skoda - 3. November 2018
ID 11013
Link zum Roman: https://www.randomhouse.de/Buch/Hoer-auf-zu-luegen/Philippe-Besson/C-Bertelsmann/e530554.rhd


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