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Autobiografie

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„Die genaue Beschreibung der Einzigartigkeit jedes Einzelnen von uns bewahrt uns vor der Vorstellung, dass die Dinge klar und einfach sind. Sind sie nicht. Sie in all ihrer Widersprüchlichkeit zu beschreiben ist Waffe gegen Dogmatismus und Ausgrenzung. Allein deshalb sollten wir uns erinnern. Und schreiben.“ (Doris Dörrie, Leben, schreiben, atmen; Seite 66)

*

Hinter Doris Dörries schlichten, reizarmen Buchcover versteckt sich eine höchst unterhaltsame Mischung aus Autobiografie und Schreibratgeber. Auf 271 Seiten denkt die mittlerweile 64jährige über das autobiografische Schreiben nach und erzählt zugleich aus ihrem eigenen Leben. Das im vergangenen August erschiene Buch schaffte es laut dem Börsenblatt für den deutschen Buchhandel auf die Jahresbestenliste in den Sachbuchcharts für 2019 (Platz 22) – als einziges Sachbuch eines komplett unabhängigen, nicht mit anderen Verlagen verbandelten Verlages (Diogenes).

Dörrie ist zweifelsohne eine phantasiebegabte und mitreißende Autorin. Als Regisseurin schrieb sie so die meisten ihrer Drehbücher selbst. Sie schuf emotional eindringliche, künstlerisch anspruchsvolle und sehenswerte Filme, wie zuletzt Kirschblüten & Dämonen (2019) und Grüße aus Fukushima (2016). Nicht nur ihre Filme erzählen authentisch von Begegnungen, Verlusten und vermeintlichen Alltäglichkeiten. Die Münchnerin veröffentlichte zahlreiche beachtliche Romane, Kurzgeschichten und Kinderbücher. Sie unterrichtet seit 1997 als Professorin für Angewandte Dramaturgie und Stoffentwicklung an der Filmhochschule München Creative Writing.

Lesen, schreiben, atmen gliedert sich in 54 kurze Kapitel mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten. Dörrie benutzt unterschiedliche Erzählperspektiven und Zeitformen (mal erste, mal dritte Person; mal Vergangenheit oder Gegenwart). Recht assoziativ erzählt sie über prägende Erfahrungen aus ihrem Leben. Am Ende jedes dieser Kapitel gibt sie ihren Lesern gleichzeitig Schreibaufgaben auf. Dies kann durchaus charmant und witzig sein:


„Die zweite Übung: flanieren und notieren. Von einem Ort zum anderen wandern, anhalten, zehn Minuten schreiben, weitergehen. Ich bezeichne mich als Flaneuse. Nicht Fritteuse, sondern Flaneuse. Das war immer eine Männerbeschäftigung: die Welt durchstreifen, sie betrachten und über sie berichten, während die Frauen zu Hause die Unterhosen der Flaneure wuschen, Socken stopften und auf sie warteten.“ (S. 135)


Unterhaltsam ist auch eine stets liebevoll eingeflochtene, augenzwinkernde Selbstkritik. So erzählt sie mal ganz nebenbei von einer Wochenend-Ausbildung zur „Hot-Stone-Therapeutin“ aus purer Neugier: „Der Vampir in mir bekam reichlich Material. Schriftsteller sind Diebe und Vampire.“ In ein schönes Bild fasst sie das Erlebnis der Geburt ihres ersten und einzigen Kindes:


„In der ersten Nacht als Mutter fühle ich mich mit der ganzen Menschheit verbunden, als hätte man mich eingereiht in eine endlose Perlenkette von Geburt und Tod. Vorher sind die Perlen lose herumgerollt, jetzt sind sie aufgefädelt. Ich habe mich eingefädelt. Bin mit einem mal nicht mehr außen vor, sondern mittendrin.“ (S. 187)


Es sind witzige Momentaufnahmen und Beobachtungen, in die Dörrie auch kleine Dinge in ihrer Umgebung pointiert fasst:


„Der Blutmond wird nicht größer und auch nicht röter. Wie eine mickrige Apfelsine versinkt er bereits wieder hinter den Baumwipfeln. Auf einer Decke vor uns sitzen Eltern mit ihrem Kind. Die Mutter sagt zum Kind: Schau gut hin. Die nächste Mondfinsternis kommt erst in hundert Jahren, du wirst sie nie wieder sehen. Du nicht, sagt das Kind, ich schon.“ (S. 225)

* *

Leben, schreiben, atmen möchte eine Einladung zum Schreiben sein, so der Untertitel zum Buch. Die kreativen Aufgaben (z.B. „Schreiben ohne Erwartungen“, „Schreib über einen Geruch“, „Schreib übers Sterben“) werden am Ende noch einmal gesammelt kursiv hervorgehoben. So kann man das Buch auch erst einmal als ungewöhnliche, sehr bewegende Autobiografie Dörries lesen und sich die Schreibübungen für später aufheben, zum Beispiel für den nächsten Urlaub.


Ansgar Skoda - 2. Februar 2020
ID 11972
Verlagslink zum Buch von Doris Dörrie


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