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„Was ich erzähle, wird in deinem Kopf sowieso zu einer anderen Geschichte. Und wenn du sie erzählst, verändert sie sich wieder. Und wenn sie jemand hört oder liest, wieder. Die Wahrheit über mich verschwindet wie ein Tropfen Tinte in einem Glas Wasser.“ (Doris Dörrie, Die Heldin reist, S. 82)

*

Doris Dörrie fragt ihre japanische Freundin Tatsu, ob sich eine Geschichte wahrheitsgemäß wiedergeben lässt. Diese seufzt und überlegt, wie viel in der Erinnerung an ihrer eigenen Geschichte stimmt und wie viel bloße Einbildung ist. Dörrie betrachtet in ihren Schreibstudien das Sein selbst oft als fluid und selten wirklich greifbar. Es sind scheinbar nebensächliche Alltagsbeobachtungen und ungeschönte, überraschende Momente, welche die heute 67-Jährige gerne festhält. Sie selbst lobt bemerkenswerterweise „durchsichtige Sätze“ in kokoro (1914), einem Roman von Natsume Soseki, „einem meiner japanischen Lieblingsautoren“:


„Die Dinge existieren eher in der Luft als am Boden, man kann sie nicht dingfest machen, sie entziehen sich, sie schillern und verändern sich, nichts ist ganz eindeutig.“ (S. 45)


Die bekannte Regisseurin und Drehbuchautorin Dörrie ist Professorin für Creative Writing an der HFF München. Zuletzt hatte sie nach ihrem Bestseller Leben, Schreiben, Atmen das Schreibjournal Einladung zum Schreiben (2021) mit zahlreichen inspirierenden Motiven und Sinnsprüchen veröffentlicht. Nun publizierte sie bei Diogenes endlich wieder einen autobiografisch grundierten Roman. Ausschlag für dieses neue Werk gab scheinbar eine gewisse Sinnsuche aufgrund der Coronakrise:


„Als ich wegen der Pandemie nicht mehr reisen darf, werde ich im Handumdrehen zum Gespenst. Ich sehe niemanden – und niemand sieht mich. Ich sehe, höre, rieche nichts Neues mehr und staune nicht mehr.“ (S. 171)


In Zeiten der Pandemie erinnert sie sich an vergangene Reiseaufenthalte in San Francisco, Marokko und Japan, wobei der mit Abstand größte Teil des Romans Japan gewidmet ist, wo sie auch mehrere Filme drehte, zuletzt Kirschblüten & Dämonen (2019).

Ähnlich wie bei vielen anderen Menschen erzeugte die Pandemie bei Dörrie große Unruhe:


„Meine Verbindung zur Außenwelt ist abgerissen. Noch im selben Augenblick dehnt sich die Zeit in alle Richtungen wie eine auslaufende Flüssigkeit. Mit einem Mal gibt es alle Zeit der Welt. Und nun? Was machst du nun, wo du alle Zeit hast?“ (S. 221)


Diese Unruhe inspiriert zu hochfliegenden Erinnerungen an das jüngst Zurückliegende, das sie in kultivierter Beiläufigkeit beschreibt.

* *

In Die Heldin reist denkt Dörrie über die Quest oder Âventiure seit der Heldenepik des Mittelalters nach und hinterfragt, warum diese eigentlich bis heute männlich konnotiert ist. Eine feministische Umdeutung ist hier nicht besonders neu oder originell. So hat bereits Virginia Woolf in ihrem lesenswerten Debütroman The Voyage Out (1915) eine Quest aus weiblicher Perspektive mit allem Konfliktpotenzial geschildert.

Doris Dörrie betrachtet sich durchaus augenzwinkernd als reisende Heldin, schildert außergewöhnliche Reiseerlebnisse und Begegnungen. Dabei springt sie zwischen Zeiten, Orten, schildert mal aus der Perspektive einer Freundin oder erzählt auch eigene Träume nach. Ein über mehrere Seiten kursiv abgedruckter Tagebucheintrag Dörries von 1982 handeln davon, wie sie sich über Jahre von einem Mann hat unterdrücken lassen. Es geht demgemäß auch um starke Gefühle, Lebenserkenntnisse, Mut, die erschreckende Endlichkeit des Lebens und das Wunder allen Seins.

Aber auch die kleinen Dinge werden gewürdigt, wenn es etwa um Gewohnheiten in anderen Kulturkreisen geht. So erinnert sich Dörrie an eine schlecht isolierte, eiskalte Wohnung in Japan:


„In einem fort jammerte ich und war damit die Einzige. Niemand sonst schien sich an der Kälte zu stören. In Japan heizt man sich selbst, wenn man friert. Man versucht gar nicht erst, die Umgebung zu verändern.“ (S. 42)


Bis heute ist für sie das Eintopfgericht Nahe, das traditionell auf einem Campingkocher zubereitet wird, von großer Bedeutung, weil sie sich damals daran wenigstens die Hände erwärmen konnte.

Der Campingkocher stand stets mitten auf dem Tisch. Da zieht Dörrie gerne einen Vergleich, wenn sie an Zeichnungen eines gedeckten Tisches denkt, die sie als Kind gemacht hat:


„Die Stimmung ist still und gesammelt, Vorfreude und eine gewisse Anspannung liegen in der Luft. Ein gedeckter Tisch ist wie ein Versprechen, die Ankündigung einer Geschichte. Eine Geschichte schreiben ist wie einen Tisch decken.“ (S. 41)


Ansgar Skoda - 1. August 2022
ID 13735
Diogenes-Link zu Die Heldin reist von Doris Dörrie


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