Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 2

KULTURA-EXTRA durchsuchen...

Roman

Die Suche

nach dem

Beginn





Bewertung:    



Wer sprach das erste Wort? Folgt man der Schöpfungsgeschichte, so war es Gott. Wenn wir seine Sprache sprächen, so sahen es Kirchenvertreter in der Vergangenheit, so stünde uns, also jedem Einzelnen von uns, der Schöpfungsmythos zur Verfügung. Wer die Ursprache beherrschen würde, könnte mit Worten Menschen und andere Kreaturen erschaffen, aber auch pekuniäre Werte wie Gold – und die damit verbundene Macht ergreifen.

Im 16. Jahrhundert stehen sich die verfeindeten Lager der Calvinisten und die der Katholischen Liga gegenüber. Sie verfolgen und bekämpfen sich bis aufs Blut, u.a. in den Pyrenäen in Béarn. In diese Scharmützel und Intrigen gerät Jacob Greve aus Leipzig. Der ehemalige Lehrer ist weltfremd, beherrscht unzählige Sprachen und scheint nach den Schilderungen der Autorin hyperbegabt und Synästhetiker zu sein. Zahlen, Buchstaben und eben Sprachen erzeugen in seinem Kopf einen bunten Lichterreigen. Er ist besessen von Sprachen, will ständig neue begreifen und erlernen, was sein Weggefährte, der Alchemist und Filou Edward Kelley, zu nutzen weiß.


"Edward blickte um sich. 'John Dee ist auf der Suche nach der Sprache der Schöpfung, mit der Gott die Welt erschuf. Und die einst Adam und Eva im Paradies benutzten.'
Jacobs Augen blitzten auf, er beugte sich vor. 'Ich habe schon gehört, dass einige große Gelehrte diese Sprache suchen.'
'John Dee erhofft sich sehr viel davon', fuhr Edward fort, während sein gegenüber nickte und sich straffte, 'er will mithilfe der Sprache Gottes die Schöpfung verstehen. Das, was er mit seinen Quadranten, seiner Mathematik und seinen alchemistischen Versuchen nicht erfassen kann, möchte er durch die Sprache Gottes und der Engel begreifen. Er möchte eine Abkürzung auf dem Weg der Erkenntnis finden, jetzt, wo er alt wird.'"


(Katharina Kramer, Die Sprache des Lichts, S. 63)




Edward entfacht in Jacob die Begierde, die Ursprache zu finden und zu erlernen. Tatsächlich stiehlt Jacob dem englischen Hofastronomen John Dee ein Buch, das diese Ursprache in codierter Form enthalten soll. Eine abenteuerliche Reise zu den Hirten in Béarn beginnt. Hier hofft er weitere Informationen über die Ursprache zu erhalten, gerät jedoch zwischen die Fronten der verschiedenen Kirchenvertreter und verliebt sich in Margarète Labé, eine Spionin der Katholischen Liga. Bald wird er auffällig und wegen seiner Umtriebe als Hexenmeister zum Tode verurteilt. Seine Weggefährten wollen ihn retten.

John Dee ist eine reale historische Figur. Jacob, Margarète und auch der Alchemist Edward sind an historische Personen angelehnt. Katharina Kramer versäumt es nicht, diese Hintergründe, wie auch einen kurzen politischen Abriss dieser Zeit mitzuliefern. So sind die spannenden Abenteuer von Jacob, Edward und Margarète auch ein historisches Dokument, ein Fenster in eine Zeit, von der ich bisher wenig wusste. Gleichzeitig kommen philosophische Fragen auf den Tisch: Kann es eine Ursprache überhaupt geben, und wie mag sie geklungen haben? Die Pfeifsprache der Hirten von Aas, die diese bis in die 1950er Jahre benutzten, gilt als eine der ursprünglichsten Sprachen der Welt. Sie spielt in dem Buch eine wichtige Rolle, doch ob sie als Initialzündung der Sprachentstehung gelten darf, ist auch in der Wissenschaft umstritten.

Anders als die Vertreter der behavioristischen Theorie, die annehmen, dass die Aneignung von Sprache ausschließlich über einen Lernprozess erfolgt, besagt die Theorie des wohl bekanntesten Linguisten Noam Chomsky, dass man eine Sprache mittels der Entfaltung angeborener Fähigkeiten erlernt. Und diese angeborene Fähigkeit entwickelte sich für ihn nicht langsam, sondern entstand in einem Ereignis, das unsere Vorfahren vor vielleicht 50.000 bis 80.000 Jahren erfuhren, als sie Afrika verließen.

Weder Katharina Kramer noch die moderne Wissenschaft können also die Frage nach einer ursprünglichen Sprache klären. Doch der Diskurs darum und die spannende Abenteuergeschichte, die dieser historische Roman liefert, machen Die Sprache des Lichts zu einer anspruchsvollen und wirklich aufregenden Lektüre.


Ellen Norten - 26. Oktober 2021
ID 13245
Verlagslink zur Sprache des Lichts


Post an Dr. Ellen Norten

Buchkritiken



Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!



Vielen Dank.



  Anzeige:


LITERATUR Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Rothschilds Kolumnen

AUTORENLESUNGEN

BUCHKRITIKEN

DEBATTEN

ETYMOLOGISCHES
von Professor Gutknecht

INTERVIEWS

KURZGESCHICHTEN-
WETTBEWERB
[Archiv]

LESEN IM URLAUB

PORTRÄTS
Autoren, Bibliotheken, Verlage

UNSERE NEUE GESCHICHTE


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal





Home     Datenschutz     Impressum     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2021 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de