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Krimi

Die rechte

Gesinnung





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Das Journalistenehepaar Kirsten Bertram und Andreas Rönn traut seinen Ohren nicht, was es bei der Kundgebung der rechtsradikalen Bedecha, den „Bewahrern des christlichen Abendlandes“, zu hören bekommt. Sie stehen mit anderen ReporterInnen am Rande des berühmten Theaterplatzes in der Dresdner Altstadt, der voll mit rechten Demonstrierenden ist, während unweit davon die Polizei eine Gegendemonstration aufhält. Die Redner von Bedecha schüren gerade Hass gegen die Hilfsorganisation Mission Humanity, die mithilft, im Mittelmeer Flüchtlinge vor dem Ertrinken zu retten. „Absaufen!“ skandiert die Menge. Als Kirsten Fotos macht, wird sie von Bedecha-eigenen Ordnern attackiert und von Umstehenden als Lügenpresse beschimpft. Andreas macht sich später in der Nacht noch auf, denn es ist zu gewalttätigen Ausschreitungen zwischen Rechten und Linken gekommen, über die er berichten will. Neben Verwüstungen gibt es am nächsten Morgen auch ein Mordopfer, Ronnie Hölpert, ein gemäßigtes Mitglied von Bedecha, und schon bald zaubert die Polizei einen Flüchtlingshelfer aus dem linken Lager als Täter aus dem Hut. Das ist die Ausgangsposition in Dresden rechts außen, dem achten Kirsten-Bertram-Krimi von Beate Baum.

*

Baum betont am Anfang, dass es sich um keine wahren Begebenheiten, sondern um reine Fiktion handelt. Sie schrieb zwischen 2001 und 2013 schon sieben Krimis mit Kirsten Bertram als Protagonistin, die nun allmählich in die Jahre kommt, mit ihrem Mann Andreas aber mit ungeschmälertem Engagement ihrem Beruf nachgeht. Die beiden unterschätzen das Gewaltpotential und geraten durch ihre Recherchen im rechten Milieu in deren Fadenkreuz. Schmierereien an ihrer Häuserwand, ihr demoliertes Auto und tätliche Angriffe sind das Resultat. Da sie sich in Gefahr befindet, ruft das Kirstens Verflossenen, den US-Amerikaner Dale Ingram, auf den Plan, der in den USA als Privatdetektiv und Personenschützer arbeitet. Der kommt kurzerhand nach Dresden, um Kirsten und Andreas zu schützen, denn mittlerweile haben amerikanische Rechtsextremisten das Sagen, die Dresden zu einer Hochburg der rechten Avantgarde machen und die Interessen des deutschen Volkes bis in die höchsten Parlamente tragen wollen. Ein großes internationales Treffen in der Elbmetropole steht kurz bevor und entsprechend angespannt ist die Lage.

Dale ist mit einem überbordenden Beschützerinstinkt ausgestattet und will Kirsten und Andreas an ihren Recherchen hindern, und er geht der kompetent ermittelnden Hauptkommissarin Franziska Stolpner zur Hand. Doch je mehr er die beiden Freunde einschränkt, desto riskanter werden deren Einsätze, insbesondere die von Andreas, der in einschlägigen Treffpunkten ermittelt und sich ständig in Gefahr begibt. Kirsten nimmt an einem Treffen des „Dresdner Kreises“ teil, wo sie zwei der amerikanischen Chefideologen kennenlernt und auf Intellektuelle trifft, die vom rechten Gedankengut überzeugt sind. Sie halten die massenhafte Immigration nach Deutschland für einen Versuch der Machtergreifung und fühlen sich von der Bundeskanzlerin im Stich gelassen. „Das islamische Weltbild ist vormodern und hat die Dominanz der eigenen Religion als Basis“, doziert Professor Kressin. „Eine Durchmischung mit jenen Völkern ist de facto nicht möglich, ohne die Hegemonie unseres eigenen Volkes aufzugeben.“ Bei einem späteren Treffen erklärt der smarte Amerikaner Josh Ogden Kirsten das amerikanische Vorbild „White Intellectuals“: „Allgemein gesprochen sind wir eine Vereinigung von Wissenschaftlern, Publizisten und Schriftstellern, die die kulturelle Hegemonie nicht den Linken überlassen wollen.“

Bei ihren Interviews im linken Milieu heißt es dagegen: „Widerstand gegen Faschos ist Bürgerpflicht“. Auf Kirstens Einwand, dass sie als Journalistin über beide Seiten berichten müsse, heißt es lapidar, dass Faschismus keine Seite sei. Die Gegensätze sind unvereinbar.

* *

Beate Baum ist nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Journalistin und schildert das Dilemma der heutigen Presse aus Insider-Sicht. Welches ist denn nun die rechte Gesinnung? Im fiktiven Buch sind es die Abonnenten, die das Sagen haben. Sind die Artikel zu rechtslastig, kündigen sie ihr Abo, sind sie zu linkslastig auch. Objektive Berichterstattung wird dadurch erschwert. Baum gewährt einen Einblick in die Recherche- bzw. Ermittlungsarbeit von JournalistInnen und der Polizei. Gespräche vor Ort, Pressekonferenzen der Polizei und die Konversationen der JournalistInnen untereinander geben ein lebendiges Bild; sie zeigen eine Presse und eine Polizei, die unter schwierigen Bedingungen ihrer Arbeit zwischen zwei gewaltbereiten Gegenpolen erfolgreich nachgehen: Das Ganze garniert mit viel Lokalkolorit und unterschiedlichen Menschen, die mit dieser Gemengelage zurecht kommen müssen. Baum geht auch auf die Zeit vor und nach der Wende ein, die Auseinandersetzungen danach und dass ein Wessie wie sie und ihr Alter ego Kirsten, die erst seit 20 Jahren im Osten leben, sich das nicht vorstellen könnten.

Baum ist auch Reisejournalistin und geht mit entsprechendem Blick durch die Welt. Ihre Beschreibungen von Dresden sind treffend, sie tragen der Schönheit der Stadt Rechnung, aber auch deren Probleme. Daneben hat Baum weitere Leidenschaften, die Musik und Sherlock Holmes. Wir haben über ihren Musiker-Roman Niemand kennt dich, wenn du am Boden liegst geschrieben. Baum hat keine Scheu vor großen Themen, s. ihren Sherlock-Holmes-Krimi Mycrofts Auftrag.


Helga Fitzner - 19. April 2020
ID 12171
BoD-Link zu
Dresden rechts außen von Beate Baum


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