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Hollywood

An den

Rändern



Bewertung:    



Müssen Filme über Menschen in prekären, deprimierenden Situationen farblos und düster aussehen? Nicht unbedingt, aber dieser Film ist es – und zwar konsequent. Kaum zu glauben, dass es eine amerikanische Produktion ist, denn selbst die niedrig budgetierten Independent-Filme aus den USA bemühen sich ja meistens um eine attraktive Optik, um Zuschauer nicht zu verschrecken. Dieser Film hat in dieser Hinsicht keine Hemmungen: Die Gestaltung von Kameramann Bradford Young, der auch schon große und sehr große Produktionen wie Selma (2014) oder Solo: A Star Wars Story (2018) fotografiert hat, erinnert eher an die dunklen Bilder seines deutschen Kollegen Xaver Schwarzenbergers für Rainer Werner Fassbinders Fernsehserie Berlin-Alexanderplatz von 1979/80. Die teils so heruntergedimmte Beleuchtung, dass nurmehr Schemen anstelle der Schauspieler zu erkennen waren, sorgte damals für viele verärgerte Zuschauerreaktionen und einen entsprechenden medialen Wirbel.

Auch im Film des afro-amerikanischen Regisseurs Andrew Dosunmu sind die Akteure vom ewigen Schatten ihres tristen Daseins umfangen als seien sie bereits lebendig begraben. Die großartige, sonst strahlende Michelle Pfeiffer ist immerhin in einigen Großaufnahmen zu erkennen. Ihr Filmpartner Kiefer Sutherland könnte hingegen auch irgendein x-beliebiger Schauspieler sein. Beim Betrachten ("sehen" wäre wohl schon zu viel gesagt) des auch sonst minimalistisch gestalteten Films ist mir die ständige Düsternis ebenso wie die karge Dramaturgie ziemlich auf die Nerven gegangen. Unwillkürlich sehnt man sich einen Lichtschalter zum Aufhellen der Leinwand herbei, schließlich möchte man den Schauspielern gerne bei ihrem Handwerk zusehen. Und dennoch muss ich sagen, dass die visuelle Strenge und der völlige Verzicht auf Nebenhandlungen und Ablenkungen bei der Handlung mir bei diesem Film im Nachhinein sehr imponiert haben.

Der in New York lebende Filmemacher Andrew Dosunmu, dessen frühere Familiendramen ich leider nicht gesehen habe, ist keine Kompromisse eingegangen. Hier ist ein Amerikaner, dessen Radikalität in Sachen Low-Key-Stil allenfalls mit der des Ungarn Belá Tarr (Das Turiner Pferd, 2010) zu messen ist, der wiederum einer der eigensinnigsten der eigensinnigen europäischen Arthaus-Regisseure ist. Dosunmu erzählt von einer Frau mittleren Alters (Pfeiffer), Kyra, die in einem etwas heruntergekommenen Altbau im New Yorker Stadtteil Brooklyn ohne festen Job bereits ein kärgliches Dasein fristet und in Armut gerät, als ihre betagte Mutter stirbt. Offenkundig hielt deren Rente den bescheidenen Lebensstatus in der gemeinsamen Wohnung gerade noch aufrecht, führte aber auch dazu, dass sich Kyra fast ausschließlich um ihre Mutter gekümmert und ein geregeltes Arbeitsleben darüber vernachlässigen musste. Bei der Beerdigung und der Zeit danach wird deutlich, dass Kyra durch die teils erzwungene Isolation bereits große Mühe hat, soziale Kontakte mit entsprechender Kommunikation zu pflegen. Stattdessen gleitet sie immer tiefer in eine Verschuldung und soziale Abwärtsspirale.

Dazwischen zeigt Dosunmu merkwürdige Bilder einer gebrechlichen Frau, die sich durch die Straßen der Großstadt schleppt, von blecherner Musik unterlegt. Eine Rückblende oder eine düstere Vision in die Zukunft, die Kyra droht? Jedenfalls gelingt es dem Regisseur, das zu diesem Zeitpunkt schon erlahmende Interesse an seiner Story noch einmal zu beleben. Und dann kommt auch noch ein Mann ins Spiel: der ebenfalls einsame, gutmütige Doug (Sutherland), der zaghaft mit Kyra anbändelt, die nun immerhin ein wenig Unterstützung erfährt. Und doch vermag auch die Beziehung zu Doug Kyra nicht von ihrem Hauptproblem zu erlösen: der Verschuldung und Verzweiflung.

Dosunmu vermeidet grobe Klischees: Seine Anti-Heldin Kyra ist zwar sozial nicht besonders kompetent, aber auch keine Arbeitsverweigerin. Außerdem sind ihre Lebensverhältnisse nicht die schlimmsten und ihre Probleme gänzlich ausweglos. Gerade diese Normalität lässt die Fragilität der Zustände umso bedrückender aussehen. Der Film macht es den Zuschauern sicher nicht leicht und erfordert ein gewisses Maß an Geduld, sich auf seine Optik einzulassen. Wer sie aufbringt, wird mit einer eindringlich radikalen Parabel über die Ohnmacht der Armut belohnt.



Michelle Pfeiffer und Kiefer Sutherland in Wo ist Kyra? | (C) Kinostar Filmverleih GmbH


Eine Woche später kommt übrigens mit der schwarzhumorigen italienischen Komödie Nonna Mia! ein Film mit demselben Thema, aber gänzlich anderer Machart in die deutschen Kinos – schräger Zufall!
Max-Peter Heyne - 26. Juni 2019
ID 11528
Weitere Infos siehe auch: https://www.kinostar.com/filmverleih/wo-ist-kyra/


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