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Liebesfilm

Verborgenes

Leben



Bewertung:    



„Von Anfang an wollte ich diese Liebesgeschichte wie eine Art Thriller drehen: ein Auge, das durch einen Türspion schaut, ein Eindringling in der Nacht“, erzählt der italienische Regisseur Filippo Meneghetti über seinen ersten Langspielfilm Wir beide. Die Geschichte zweier älterer Frauen, die offiziell Nachbarinnen sind, aber in Wahrheit als Paar zusammen leben, geht auf eine Idee Meneghettis zurück, die er zusammen mit den Autorinnen Malysone Bovorasmy und Florence Vignon in ein Drehbuch verwandelte. Nina (Barbara Sukowa; s. Hannah Arendt oder Die Entdeckung der Curryurst) und Madeleine (Martine Chevallier) leben im Obergeschoss eines Hauses in Frankreich, und seit Madeleines Ehemann gestorben ist, sind sie fast ständig zusammen.

Madeleine schafft es aber nicht, ihren erwachsenen Kindern die Wahrheit zu sagen: Sie hat zwar eine inniges Verhältnis zu ihrer Tochter Anne (Léa Drucker), aber ihr Sohn Frédéric (Jérôme Varanfrain) ist ein narzisstischer, rücksichtsloser Egoist, der nur auf sein Erbe wartet und die Geburtstagsfeier für seine Mutter frühzeitig verlässt, weil ihm widersprochen wurde. In dieser Atmosphäre schafft die sanftmütige und zartbesaitete Mutter es nicht, ihren Kindern zu eröffnen, dass sie lesbisch ist, die Wohnung verkaufen und mit ihrer Geliebten nach Rom ziehen will, wo sie sich vor vielen Jahren kennen gelernt haben. Sie lässt Nina in dem Glauben, dass die Kinder es wüssten, aber Nina erfährt durch Zufall, dass sie belogen wurde und es kommt zum Streit.

Eine Weile später erleidet Madeleine einen Schlaganfall, und mit einem Mal wird Nina aus ihrem Leben ausradiert. Die Tochter kümmert sich im Krankenhaus um sie, und später zieht die ausgebildete Pflegerin Muriel (Muriel Benazeraf) ganztägig bei der Patientin ein, sodass Nina nicht zu ihr kann. Sie hat den Wohnungsschlüssel und besucht Madeleine heimlich nachts, aber das ist riskant. Es ist aber so, dass die kurzen Begegnungen der beiden Liebenden helfen, Madeleine aus ihrer Lethargie erwachen zu lassen. Dann geht es abenteuerlich zu, wie Nina mit allen Tricks versucht, sich einen größeren Anteil an dem Leben ihrer Lebensgefährtin zu erkämpfen. Das Drehbuch ist gespickt mit guten Ideen, manchmal skurril, manchmal traurig, und der Schluss ist einfach genial und herzerwärmend.

Nina ist die aktivere und entschlossenere von beiden, und Sukowa kann ihr schauspielerisches Repertoire ausleben. Madeleine spricht wenig, leidet viel und kann seit dem Schlaganfall gar nicht mehr sprechen. Chevallier ist in großen Teilen auf ihre Mimik und ihre Blicke angewiesen und bewältigt das meisterhaft. Die Kamera von Aurélien Marra hält am Anfang die Innigkeit der beiden Frauen in ihrem Umgang miteinander fest, die Zärtlichkeit und die Erotik der um die 70-Jährigen. Die Türen sind offen, die Zimmer großzügig angelegt, Ninas Anwesenheit in Madeleines Wohnung selbstverständlich. Danach sind die Türen verschlossen, es wird durch Türspione und Fensterscheiben beobachtet, und auf einmal besteht eine fast völlige Trennung. Das wird oft ohne Worte an kleinen Dingen gezeigt, wenn Nina in ihrer nur provisorisch eingerichteten Wohnung erst einmal ihr Bett beziehen und den Kühlschrank anmachen muss. Der Etagenflur wird zum Hoffnungsträger und gleichzeitig zur Kampfzone, wenn Nina versucht, mit Madeleine Kontakt aufzunehmen.

Der Blick des Regisseurs ist ein respektvoller, der melodramatische Momente, Komödienhaftes und Thriller-Komponenten in sich vereint. Es ist fast quälend anzuschauen, wie wenig Madeleine für sich einstehen kann, wie sehr sie sich in der Opferrolle als Mutter eingerichtet hat. Doch als der endgültige Verlust ihrer wahren Liebe droht, kämpft sie darum, egal wie eingeschränkt sie seit dem Schlaganfall ist und wie gering ihre Chancen sind.

Es ist selten genug, dass es gute Rollen für ältere und alte Frauen gibt, schon gar, wenn es sich um zwei Hauptrollen handelt. Um die beiden schart sich ein jüngeres Ensemble, das ausgezeichnet und nuanciert agiert. Der Regisseur, die Drehbuchautorin Bovorasmy und der Kameramann Marra sind noch am Beginn ihrer vielversprechenden Karrieren und haben für ihre jungen Jahre reife Leistungen abgelegt. Mit dem Thema der Sexualität im Alter und dann noch lesbischer, haben sie sich eine große Aufgabe gestellt und dabei sogar Spannung und komödiantische Elemente erzeugt. Einfach klasse.



Ihre Liebe blüht im Geheimen, Nina (Barbara Sukowa) und Madeleine (Martine Chevallier) | © Weltkino Filmverleih

Helga Fitzner - 4. August 2020
ID 12382
Weitere Infos siehe auch: https://www.weltkino.de/wir-beide


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