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Filmkritik

Chronik der

Chancenlosigkeit



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Der britische Altmeister Ken Loach (Jahrgang 1936) hat sich einen Namen als filmischer Anwalt der kleinen Leute gemacht und wollte sich vor ein paar Jahren verdient zur Ruhe setzen. Die verschärfte politisch-gesellschaftliche Lage im Vereinigten Königreich ließ ihn aber nicht ruhen, und so schufen Loach und sein Lieblings-Drehbuchautor Paul Laverty die filmische Anklage an das Wohlfahrtssystem I, Daniel Blake, mit der der mehrfach preisgekrönte Filmemacher 2016 auch noch die Goldene Palme in Cannes gewann. Das Sozialdrama über den alten Arbeiter Daniel Blake, der nach einem Herzinfarkt weiter nach Arbeit suchen muss und abstrusen Schikanen ausgesetzt wird, weil er sonst keine Unterstützung bekommt und obdachlos würde, rührte auch ein internationales Publikum. Da die Auswirkungen des Raubtier-Kapitalismus immer grausamere Auswüchse zeigen, legten Loach und Laverty den Film Sorry We Missed You nach. Die Idee zu dem Film kam ihnen bei den Recherchen zu I, Daniel Blake, als sie herausfanden, dass viele Menschen, die zu den Tafeln gehen, tatsächlich Arbeit haben, aber nicht davon leben können. Der mittlerweile 83-jährige Loach hat weder in Sachen Engagement noch Filmhandwerk nachgelassen und inszeniert das Scheitern an einem entmenschlichten System in berührender und kritischer Weise. Loach und Laverty haben sich zweier Berufsstände angenommen, die in besonders dramatischer Weise betroffen sind:

*

Im Zentrum stehen der Familienvater Ricky (Kris Hitchen) und seine Frau Abby (Debbie Honeywood), die während der Finanzkrise 2008 alles bisher Gesparte verloren haben und danach wieder von vorne anfingen. Abby ist Altenpflegerin mit einem Null-Stunden-Vertrag in der häuslichen Pflege. Sie besucht gebrechliche Menschen in einem relativ weiten Umkreis und wird nur für die reine Pflegezeit mit einem Mindestlohn bezahlt. Die Anfahrt und die Zeit für menschliche Zuwendung gehen zu ihren eigenen Lasten. Sie ist eine liebevolle Ehefrau und Mutter und ein großartiges Organisationstalent, das trotz häufiger Abwesenheit den Haushalt managt und die Familie zusammenhält. Ihr Mann Ricky bekommt keine Arbeit mehr und will den Sprung in die Selbständigkeit wagen, indem er Paketfahrer wird. Um den Transporter dafür zu bezahlen, willigt Abby ein ihren kleinen PKW zu verkaufen, obwohl der für ihren Job unverzichtbar ist. Nun hat sie noch weniger Zeit für die Familie, weil sie auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen ist.

Schon bei Rickys Einstellungsgespräch wird den Zuschauern klar, dass das nicht gut gehen kann. Alle Verantwortung wird von der Firma auf den Fahrer abgewälzt, der pünktlich zu liefern hat. Krankheit oder jegliche Art von höherer Gewalt gehen zu seinen Lasten. Nur Pflichten, schließlich ist Ricky jetzt selbständig und eigenverantwortlich. Als er eines Tages seine Tochter Liza Jane (Katie Proctor) mit auf Fahrt nimmt, wird er anschließend abgemahnt. Spätestens da dämmert ihm, dass er gar keine Rechte hat. Der Druck, unter dem die Fahrer stehen, wirkt sich bis auf die Blase aus. Hatte Ricky es zu Anfang empört abgelehnt, eine leere Plastikflasche zum Wasserlassen mitzunehmen, benutzt er sie jetzt. Sobald er länger als zwei Minuten innehält, piept sein Scanner, der neue Taktgeber seines Lebens, denn die Kunden und Kundinnen wollen pünktlich beliefert werden.

Das Familienleben leidet, und Ricky wird immer aggressiver, denn der Haussegen hängt schief, weil der pubertierende Sohn Seb (Rhys Stone) gegen den Vater rebelliert. Doch der ist im Strudel der Schulden und der schonungslosen Arbeitsbedingungen gefangen und kann die Lage gar nicht verbessern. Als er eines Tages nicht fahren kann, weil er verhindern muss, dass Seb von der Schule fliegt, türmen sich noch mehr Schulden auf, weil Ricky hohe Strafen für seine Abwesenheit von der Arbeit zahlen muss. Von jetzt an ist klar, dass Ricky auf eine Katastrophe zusteuert, doch er kann nichts dagegen tun außer fahren, fahren und fahren...

Die Härte der Arbeitswelt wird kontrastiert durch den prinzipiell liebevollen Umgang der Familie miteinander. Abby versucht immer wieder, die aus der Hoffnungslosigkeit entstandene Aggression ihres Mannes zu neutralisieren. Aber mit dem wachsenden Druck schafft sie das nicht mehr. Der Raubtier-Kapitalismus infiltriert das Familienleben und droht es zu zerstören. Manchmal gibt es kleine Silberstreifen am Horizont, denn Abbys Liebe zu ihrem Mann und ihren Kindern ist unverwüstlich, und auch die Kinder verstehen allmählich, dass die Notlage nicht auf einem Versagen ihres Vaters entstanden ist, sondern der Auswuchs eines menschenverachtenden Systems. Ob man dem mit Liebe und Familienzusammenhalt gewachsen ist, lässt Loach offen. Auf den Zetteln, die die Fahrer hinterlassen, wenn sie jemanden nicht erreichen steht: „Sorry we missed you“, das heißt, „Es tut uns leid, dass wir Sie verpasst haben“, in einer Doppelbedeutung kann es aber auch lauten: „Es tut uns leid, dass wir Sie übersehen haben“. Das ist eine feine Ironie, denn dem System tut gar nichts leid, weil es dessen Absicht ist, Menschen am Rande des Abgrunds zu halten, weil sie dann keine Kraft mehr haben, sich dagegen aufzulehnen. Schön, dass Ken Loach diese Kraft trotz seines Alters immer noch hat.



Die Turner-Familie beim Abendessen (v.l.): Ricky (Kris Hitchen), Liza Jane (Katie Proctor), Abby (Debbie Honeywood) und Seb (Rhys Stone) | © Joss Barratt

Helga Fitzner - 29. Januar 2020
ID 11964
Weitere Infos siehe auch: http://www.sorrywemissedyou-derfilm.de/


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