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Bewertung:    



Regisseur Sönke Wortmann hat mit unterschiedlichsten Filmen wie seinem Erstling Kleine Haie von 1992, der Comicverfilmung Der bewegte Mann (1994), dem Historiendrama Das Wunder von Bern (2003) der WM-Dokumentation Deutschland. Ein Sommermärchen von 2006 und der Bestsellerverfilmung Die Päpstin von 2009 die Herzen vieler Zuschauer und Zuschauerinnen erobert. Die unvollständige Aufzählung ruft bereits in Erinnerung, dass der Grad an Inspiration und Originalität in seinen Filmen höchst verschieden ausfällt. Ich persönlich hatte jedenfalls nach Wortmanns dramaturgisch allzu lauen Adaption des autobiografischen Romans von Charlotte Roche, Schoßgebete von 2014, nicht mehr allzu viele Erwartungen an ihn als dass er jeweils routinierte Leistungen abliefern würde. Dann die Überraschung: Ausgerechnet mit der Verfilmung von Theaterstücken wie Frau Müller muss weg! (2015) und Der Vorname (2018), die einen relativ engen inszenatorischen Rahmen setzen, aber auch mit der sentimentalen Reise zu den eigenen biografischen Wurzeln in der Tragikomödie Sommerfest (2017), findet Wortmann zu einer unbekümmerten Frische und dem frechen, bissigen Humor seiner frühen Filme zurück.

*

Die inszenatorische Routine wirkt seitdem nicht mehr als Blutleere, sondern hilfreich bei der kompakten Zuspitzung der Themen der Bühnenvorlagen. Vor allem das sichere Gespür, aus seinem jeweiligen Darstellerensemble das Beste herauszuholen, wirkt sich sehr positiv bei der Konzentration auf die Konstellationen und der Psychologie der Figuren aus. So ist es auch bei Contra, der neuesten Adaption Wortmanns eines französischen Theaterstücks – dessen französische Verfilmung Le Brio von Yves Attal mit Daniel Auteuil als Rhetorikprofessor und Camélia Jordana als seine Studentin vor fünf Jahren unter dem Titel Die brillante Mademoiselle Neïla auch in deutschen Kinos zu sehen war. Die Frage, ob es einer deutschen Variante noch bedurft hätte, stellt sich insofern nicht, als es Wortmann und Drehbuchautor Doron Wisotzky sehr gut gelingt, die Vorlage an deutsche Verhältnisse anzupassen und damit auch einen interessanten Beitrag zum Thema Alltagsrassismus in bürgerlichen, gebildeten Kreisen beizusteuern.

Allerdings: Der durch seine arrogant-hochnäsige Attitüde und seine verletzenden, machohaften Sprüche als unerträgliches Ars… ausgewiesene Rhetorikprofessor Richard Pohl ist kein komplett unzugänglicher oder unreflektierter Vertreter des berüchtigten, auf seinen politischen Positionen und beruflichen Privilegien beharrenden alten weißen Mannes. Zwar ein Misanthrop reinsten Wassers, wird dem Publikum schnell klar, dass bei Pohl zwar die Schale rau ist, er aber trotz einiger Vorurteile das Herz auf dem rechten Fleck hat. Und keiner kann so eine Mischung unnachahmlicher vermitteln als Christoph Maria Herbst, der seinen aus Stromberg bekannten Sarkasmus in Contra zusätzlich mit der Überheblichkeit des Gebildeten und Belesenen garniert.

Schon in der ersten Vorlesung demütigt er die zu späte kommende Studentin Naima (Nilam Farooq) mit gehässigen Bemerkungen darüber, dass in „seinem Kulturkreis Pünktlichkeit noch etwas gelte“ und lässt keine peinigende Gelegenheit aus, auf Naimas Migrationshintergrund herumzuhacken. Im Zeitalter von Social Media verlässt die ungehemmte, an AFD- und Pegida-Tiraden erinnernde Suada des Professors blitzschnell die Mauern der ehrwürdigen Universität und löst einen digitalen Shitstorm gegen ihn aus. Sein Direktor (Ernst Stötzner) lässt ihm keine Wahl: Entweder bringt er ausgerechnet Nilam die rhetorischen Tricks bei, die es ihr ermöglichen, bei einem universitären Wettbewerb in Sachen öffentlichen Debattenstreit zu bestehen - oder Pohl fliegt.

Pohl, aber natürlich auch die in ihrer proletarisch geprägten Familie mächtig unter Druck stehende Naima, muss sich zusammenreißen. Und das ist auch wörtlich zu verstehen, denn neben der Eloquenz des Debattierens mangelt es Naima auch daran, in sich ruhend vor großem Publikum ihre Frau zu stehen.

Natürlich kann weder das rund eineinhalbstündige Theaterstück noch Wortmanns Verfilmung die Untiefen der Themen Rassismus und Intoleranz innerhalb der einzelnen und zwischen den sozialen Schichten ausgiebig ausloten. Aber dem Film gelingt es zumindest, klarzustellen, dass im sozialen Miteinander am Beispiel des Mikrokosmus Universität eine destruktive Haltung, die andere bewusst auszuschließen versucht, verletzt und herabwürdigt, nichts Positives und schon gar nichts Produktives herauskommen kann. Die selbstbewusste Naima, die fachlich und persönlich immer mehr an Souveränität gewinnt, zeigt ihrem Mentor schließlich, welche erkennbare Grenze zwischen Ansporn und Gängelung, zwischen Mantra und Mobbing, zwischen Impulsivität und Aggression besteht.

Es mag wohl niemanden wirklich überraschen, dass der Professor und seine Studentin nach ersten Kabbeleien die Abneigungen überwinden und sich zu schätzen beginnen, bis sie tatsächlich ein (beinahe) unschlagbares Gespann werden. Gegen solche ins (unblutig-)märchenhafte gedrehte Geschichten mit positiver Botschaft habe ich nichts, wenn sie darüber nicht völlig unrealistisch werden. Und Wortmann verliert den Blick auf die verschiedenen Lebensrealitäten und -Hintergründe seiner Figuren nicht, auch wenn diese nur angerissen werden können. Umgekehrt lässt sich sagen, dass die Kompaktheit der Inszenierung auch dieses Mal ein Zerfasern der Dramaturgie verhindert. Nicht zuletzt ist die Handlung dank der enorm spielfreudigen Schauspieler durchweg vergnüglich anzuschauen – und hier muss Nilam Farooqs Talent, gegenüber Christoph Maria Herbsts schneidend gespielter Arroganz zu bestehen, ausdrücklich gelobt werden.



Contra von Sönke Wortmann | (C) Constantin Film

Max-Peter Heyne - 28. Oktober 2021
ID 13252
https://www.constantin-film.de/news/contra-startet-am-28-oktober-2021/


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