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Französisches Kino

Kleiner Junge,

große Gefühle



Bewertung:    



Remi – Sein größtes Abenteuer hat alles, was man sich für einen Kinofilm mit der ganzen Familie wünschen kann und lief Ende 2018 sehr erfolgreich in Frankreich. Er basiert auf dem seit 1914 immer wieder verfilmten Roman Sans famille von Hector Malot und handelt von einem Findelkind, das mit 10 Jahren an einen Wandermusiker „vermietet“ wird, zahlreiche Abenteuer zu bestehen hat und am Ende seine Identität herausfindet.

Über den Drehbuchautor und Regisseur Antoine Blossier ist sehr wenig bekannt, Remi ist sein erster Kinofilm mit Starbesetzung. Blossier hat die Handlung des Films konsequent in der Zeit der Entstehung des Romans 1878 belassen und keine Modernisierungen vorgenommen. In einer Gewitternacht können eine Reihe von Kindern nicht schlafen, und so erzählt ihnen ein alter Mann (Schauspiel-Ikone Jacques Perrin) die Geschichte von dem Findelkind Remi (Maleaume Paquin), die wir in Rückblenden miterleben. Die ZuschauerInnen erfahren erst zum Schluss, um wen es sich beim gütigen Herrn handelt. Der tobende Sturm draußen passt gut zu den stürmischen Herausforderungen, die auf den jungen Remi auf seiner Wanderschaft mit Signor Vitalis (Kult-Mime Daniel Auteuil) warten.

Der Meister, wie Remi ihn nennt, verdrängt Geschehnisse aus seiner Vergangenheit, die ihn immer noch verfolgen, behandelt Remi aber gut. Er bringt ihm lesen und schreiben bei und trainiert seine einzigartige Singstimme. Die hatte Signor Vitalis vor dem „Erwerb“ von Remi schon gehört und hofft auf gute Einnahmen bei seinen öffentlichen Auftritten, die er mit Dressuren von einem kleinen Äffchen und einem Hund bestreitet. Mit dabei hat er auch ein Multifunktions-Musikgerät, ein Konstrukt aus Pfeifen, Saiten- und Tasteninstrumenten. Signor Vitalis war einmal ein berühmter Musiker und ist mit Remi sehr erfolgreich. Doch irgendwann greift die Obrigkeit ein, die in den Künstlern nur bettelnde Vagabunden sieht, und Remis Meister muss ins...

Man sieht dem Film schon am Vorspann an, mit wie viel Hingabe und hochwertigem Filmkunsthandwerk er hergestellt wurde. Von Beginn an stimmt Blossier im Hintergrund schon mit gemalten, symbolhaften Bildern und dem exzellenten Soundtrack von Romaric Laurence auf die Geschichte ein. Das wird heutzutage seltener gemacht. Eine kleine Melodie, die Remi immer aus seinem Herzen heraus singt, ist das Leitmotiv von Anfang an bis zum Abspann. Der Chefkameramann Romain Lacourbas zaubert herrliche Bilder von Menschen und Landschaften auf die Leinwand und so wurde eine cineastische Perle geschaffen. Sie ist allerdings traditionell, die Kunststücke der Tiere entsprechen zum Beispiel nicht unseren heutigen Erwartungen und Remi ist auch kein Wunderknabe, er lernt und übt eifrig. Diese Historizität erlaubt einen Einblick in das Leben der Menschen vor rund 150 Jahren und den heutigen Kindern wird zugetraut, das auch ohne „Übersetzung“ verstehen zu können. Die Verletzlichkeit und das Ausgesetztsein von Kindern ist zu jeder Zeit gleich, die in jungen Jahren auf verantwortungsvolle Erwachsene angewiesen sind. Blossier setzt stark auf Gefühle und die kennt jedes Kind.

Findel- oder Waisenkinder waren in der Literatur des 19. Jahrhunderts sehr beliebt, einer der bekanntesten Vertreter ist Charles Dickens mit Oliver Twist (1837-39) und anderen seiner Schriften, auch Jane Eyre von Charlotte Brontë aus dem Jahr 1847, wie auch Kiplings Dschungelbücher (1894-95) gehören dazu. Im deutschsprachigen Raum ist bis heute Johanna Spyris Heidi (1880-81) sehr beliebt. Diese Bücher waren teilweise eine offene Kritik an den Zuständen in Waisenhäusern und den Umgang mit ungeschützten Kindern insgesamt. Sie sind noch weit entfernt von der Einführung von Kinderrechten, aber schaffen schon mal ein Bewusstsein dafür. Insbesondere Dickens machte auf soziale Missstände sowie die grassierende Armut im Zeitalter der sich ausweitenden Industrialisierung aufmerksam.

Auch der Film Remi schildert die sozialen Umstände sehr anschaulich. Remi wusste nicht, dass er ein Findelkind ist und seine Ziehmutter ihn ins Waisenhaus hätte geben sollen; sein vermeintlicher Vater Jérôme Barberin (Jonathan Zaccaï) hatte einen Arbeitsunfall, kehrt nach 10 Jahren Arbeit in Paris heim in die Provinz und ist nun invalide. Er sieht sich nicht imstande, Remi zu ernähren. Der Dorfpfarrer, der tatenlos mit ansieht, wie der Junge von Signor Vitalis aus dem Dorf geführt wird, ist nicht wirklich bösartig, nur schwach, er liest später Remis Ziehmutter Barberin (Ludivine Sagnier) die Briefe vor, die der Kleine mittlerweile schreiben kann. Remi ist ein grundguter Junge, er schickt Geld an seine ehemalige Familie, die davon ihre einzige Kuh zurückkaufen kann.

Aber bald ist es mit der Idylle vorbei. Eine wohlmeinende reiche Frau hat Hinweise auf Remis Herkunft gefunden und nun geraten Signor Vitalis und Remi sogar in Lebensgefahr, denn da sind böse Menschen am Werk, mit denen sie nicht gerechnet haben.

Auch wenn der Film in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts angelegt ist, sind uns heute Themen wie Armut und Heimatlosigkeit vieler Menschen auf der Erde durchaus geläufig. Selbst die in Wohlstand Lebenden sind vor Krankheit und Katastrophen nicht geschützt. Um so wichtiger ist die kindgerechte Botschaft von Güte, Menschlichkeit und dem Mut, seine Persönlichkeit zu entfalten und sein inneres Licht leuchten zu lassen.



Der Waisenjunge Remi (Maleaume Paquin) zieht mit dem mysteriösen Wandermusiker Signor Vitalis (Daniel Auteuil) durch die Lande | © Der Filmverleih GmbH

Helga Fitzner - 3. November 2021
ID 13270
https://remi.der-filmverleih.de/


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