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Filmkritik

Schwanengesang

auf das alte

Hollywood



Bewertung:    



Der US-amerikanische Kult-Regisseur Quentin Tarantino kündigte an, dass er nur zehn Filme in seinem Leben drehen werde und Once Upon a Time... In Hollywood ist schon der neunte. Da er sich für seine Drehbücher und Filme viel Zeit nimmt und sie zur Reife kommen lässt, wird es mit der Nummer zehn wohl noch eine Weile dauern, und dann bleibt es abzuwarten, wie ernst es ihm damit ist. Die erfolgreichen letzten zwei Streifen The Hateful 8 (2015) und Django Unchained (2012) haben hohe Erwartungen an den neunten Film im Bunde geweckt, doch dieses Mal gab es im Vorfeld Zweifel, ob Tarantino sich nicht vergaloppieren würde. Er ist bekannt für exzessive Gewaltszenen, und es war durchgesickert, dass die realen, grausamen Morde, die der Sektenführer Charles Manson 1969 an der Schauspielerin Sharon Tate und sechs weiteren Personen verüben ließ, im Film thematisiert würden. Diese Morde entwickelten sich zu einem ziemlichen Trauma in Hollywood, wobei Manson selber keine Hand anlegte, aber seine AnhängerInnen dazu brachte, sie für ihn zu begehen. Sharon Tate war damals mit Roman Polanski verheiratet und hochschwanger. Sie soll gefleht haben, erst ihr Kind austragen zu dürfen, sie und ihr Ungeborenes wurden trotzdem bestialisch ermordet. Dieser fanatische Gewaltakt fand in der Realität statt und war von einer Grausamkeit, wie man sie aus der übertriebenen Fiktion von Tarantino-Filmen kennt.

Der Kinoverrückte Tarantino lässt sich 2 Stunden und 41 Minuten Zeit, das Hollywood Ende der 1960er Jahre auferstehen zu lassen, das ihn in seiner Kindheit geprägt hat. Im Zentrum stehen der abgehalfterte Schauspieler Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) und sein Stunt-Double sowie „Mädchen für alles“ Cliff Booth (Brad Pitt). Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein, und DiCaprio und Pitt haben sichtlichen Spaß daran ein so schräges Paar abzugeben. Cliff wohnt etwas außerhalb in einem ärmlichen Wohnwagen und ist sonnigen Gemüts, Rick lebt dagegen (noch) in relativem Prunk in unmittelbarer Nähe vom Prominentenviertel Beverly Hills, kann aber an seine Erfolge als TV-Actionheld nicht mehr anschließen und wird von Selbstzweifeln geplagt. Im Hause nebenan ist derweil das „Neue Hollywood“ eingezogen, der derzeitige Star am Regie-Himmel Roman Polanski (Rafal Zawierucha) mit seiner jungen Ehefrau Sharon Tate (Margot Robbie). Doch diese Nachbarn trennen Welten und ein überwachtes Eingangstor, so dass sich die Polanskis physisch und metaphorisch außerhalb von Ricks Reichweite befinden. Der Regisseur von Rosemarys Baby und Tanz der Vampire hatte in Hollywood neue Impulse gesetzt, während Rick sich der neuen Zeit nicht anpassen kann.

Der erfahrene Filmproduzent Marvin Shwarz (Al Pacino) rät ihm, Spaghetti-Western in Italien zu drehen, doch Rick lehnt das erst einmal ab. Er will sich lieber als Schurke im Hollywood-Kino etablieren. Marvin meint lakonisch, dass er als Bösewicht immer wieder auf die Nase bekommen würde, damit die Guten am Ende siegen können – sehr zur Freude von seinem Stunt-Double Cliff, der damit seinen Job gesichert sieht. Trotzdem muss ein Image-Wechsel her, und Rick dreht in einer Hippie-Version von Westernbösewicht mit langen schmierigen Haaren und entsprechender Kleidung, dabei hasst er die Hippies auf Tiefste. Dann muss er sich vom achtjährigen Kinderstar Trudie (Julia Butters) auch noch seinen Beruf erklären lassen. Er trinkt zu viel und vergisst häufig seinen Text, so dass sich der Abwärtstrend beschleunigt.

Tarantino führt uns durch die Filmkulissen der Hollywood-Studios, es gibt ein Wiedersehen mit Bruce Lee (Mike Moh), der sich mit Cliff anlegt, und Steve McQueen (Damian Lewis) sinniert über das Beuteschema von Sharon Tate, die auf europäische Intellektuelle steht. Einige wunderbare Szenen hat Sharon Tate, die gerade ihre ersten Filmerfolge feiert, frisch verheiratet ist und ihr erstes Kind erwartet. Die Unschuld dieses Glücks steht im Kontrast zum drohenden Unheil, denn auf der Spahn-Ranch hausen Charles Manson (Damon Herriman) und seine JüngerInnen und die planen eine Bluttat.

Bei aller Liebe zum Kino schlägt Tarantino auch kritische Töne an, wenn er die Hippies erklären lässt, dass man selbst schuld an der eskalierenden Gewalt sei, schließlich würde im Fernsehen und Kino fast nicht anderes gezeigt. (In dieser Zeit führten die USA zudem auch Krieg in Vietnam.) Tarantinos Spezialität ist es ja, durch exzessive Darstellung die Gewalt ad absurdum zu führen. Das geschieht auch hier wieder – sonst wäre es wahrscheinlich kein Tarantino-Film – aber... Ähnlich wie Pedro Almodóvar mit dem Heroin-Hype in Leid und Herrlichkeit führt uns auch dieser Meister-Regisseur mit der Manson-Geschichte ein Stück weit an der Nase herum und spielt geschickt mit entsprechenden Erwartungshaltungen. Aber Tarantino ist immer für Überraschungen gut; und um Spoiler zu vermeiden, sei nur so viel gesagt, dass die meisten ZuschauerInnen wohl mit einem Lächeln aus dem Film herauskommen werden. Denn die Liebe zum Kino, seine Helden und Anti-Helden, die erschaffenen und zerstörten Träume, die vielen Menschen, die für das Kino leben, und eine gehörige Portion Nostalgie machen den Reiz von „Nummer 9“ aus, von der wunderbaren Besetzung vor und hinter der Kamera ganz zu schweigen.



Der Stuntman Cliff Booth (Brad Pitt) und Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) treffen auf den erfahrenen Filmproduzenten Marvin Shwarz (Al Pacino) | © Sony Pictures

Helga Fitzner - 14. August 2019
ID 11618
Weitere Infos siehe auch: https://www.sonypictures.de/#once


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