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Filmkritik

Lieber sterben,

als nach solchen

Regeln zu leben



Bewertung:    



Enfant terrible und Ausnahmetalent: Rudolf Nurejew (Oleg Ivenko) schert sich nicht um die Restriktionen des sowjetischen Regimes. Der Film Nurejew – Die weiße Krähe geht auf die erste Hälfte der Lebensgeschichte des legendären Balletttänzers ein, der die Rolle männlicher Tänzer im klassischen Ballett aufwertete und neu definierte. Der Sturkopf setzte sich rücksichtslos durch und galt als weiße Krähe, als Außenseiter, jemand der aus dem Rahmen fällt. Nurejew ist die dritte Regiearbeit des britischen Schauspielers Ralph Fiennes, der oft nur auf seine Filmrolle als Lord Voldemort in den Harry Potter-Filmen reduziert wird, aber zu den erlesenen Mimen des Vereinigten Königreichs zählt und der Shakespeare genauso virtuos interpretieren kann wie russische Dichter, für die er ein Faible hat, und immer wieder ein Händchen für Klassiker beweist.

Mit seinem detaillierten und manchmal absichtlich sperrigen Regie-Stil nähert sich Fiennes einem komplizierten und facettenreichen Mann an, der wie kaum ein anderer Tänzer gefeiert wurde, dessen Sozialverhalten aber viele Wünsche offen ließ. Fiennes urteilt nicht, er zeigt nur, gibt dem Kinopublikum genug Impressionen, sich selbst ein Bild zu machen. Der britische Autor David Hare hat ein Drehbuch mit drei Ebenen entwickelt. Im Mai 1961 in einer der schlimmsten Phasen des Kalten Krieges (der im August 1961 im Mauerbau einen seiner Höhepunkte erreichte) wird das berühmte Leningrader Kirow-Ballett nach Paris geschickt, zu dem Nurejew sich heraufgearbeitet hatte. Hungrig nach allem, was mit Kultur zu tun hat, sieht er sich Paris an, geht in Museen und saugt diese neue Welt in sich auf, sehr zum Leidwesen seiner Bewacher, die akribisch über seine Aktivitäten und Westkontakte Buch führen. Der teilweise aggressive und äußerst selbstbewusste Tänzer hat gar nicht vor, die Sowjetunion im Ausland zu repräsentieren, er freundet sich vielmehr mit seinem französischen Kollegen Pierre Lacotte (Raphaël Personnaz) an und verbringt viel Zeit mit der Chilenin Clara Saint (Adèle Exarchopoulos), die ihm entscheidend helfen wird in Frankreich politisches Asyl zu beantragen. In einem leidenschaftlichen Ausbruch sagt er, dass er lieber sterben wolle als nach solchen Regeln zu leben, wie das Sowetregime sie ihm vorschrieb.

Eine zweite Zeitebene ist seine Kindheit. Der kleine Rudik wurde in der Transsibirischen Eisenbahn geboren und wuchs in Armut in der baschkirischen Provinz auf. Er war das Kind tartarischer Eltern, und das Ballett war ihm nicht in die Wiege gelegt worden, er musste darum kämpfen. Er war schon 17 Jahre alt, als er an der Schule des Kirow- Balletts angenommen wurde und ärgerte sich, weil ihm seine MitschülerInnen um Jahre voraus waren. Das machte er durch Ehrgeiz, Einsatz und mit Hilfe seines Lehrer Alexander Puschkin (Ralph Fiennes) wieder wett. Er bekam immer wieder Ärger, weil er sich nicht unterordnen und sein herrisches Temperament steuern konnte. Dankbarkeit dafür, dass man ihm seine Ausbildung finanzierte, empfand er keine. Ohne Puschkin, der seine schützende Hand über ihn hielt, hätte er vielleicht nie Karriere machen können. Die Zeit in den 1950ern dort sind die dritte Ebene.

Man muss kein Ballettkenner sein, um nachvollziehen zu können, dass Nurejew die Rolle männlicher Balletttänzer verachtete. Die fungierten vorrangig als Hebehelfer der Ballerinas, standen entweder in heroischer Pose da oder liefen mit ihr und dann auch noch um die Dame herum. Insgesamt waren die TänzerInnen Marionetten der Choreografen wie auch ihres Regimes. Beides lehnte Nurejew kompromisslos und ohne Rücksicht auf zu befürchtende Repressalien ab.

Fiennes stellte gründliche Überlegungen an, ob er einen Schauspieler mit der Hauptrolle besetzen soll, denn er wollte das, was Nurejew ausmachte: gute Tanzsequenzen. Er entschied sich für einen professionellen Tänzer und hatte am Ende die Wahl zwischen dem berühmteren Sergei Polunin und dem unbekannteren Ukrainer Oleg Ivenko. Da Ivenko eine gewisse Ähnlichkeit mit Nurejew hat und sich als talentiert erwies, Schauspieltechniken zu erlernen, fiel die Wahl auf ihn. Da man einen Weltklassetänzer wie Polunin aber nicht einfach so gehen lässt, bekam er die Rolle von Nurejews Kollegen Juri Solowjew.

Gedreht wurde auf 16 mm, was dem Filmmaterial das Zeitkolorit verleiht, und mit russisch-ukrainischen Tänzern und Tänzerinnen, was zur Authentizität beiträgt. Auch wenn Ivenko nicht ganz über die sensationelle Bühnenpräsenz Nurejews verfügt, schafft der frisch gebackene Schauspieler es aber, einen sensiblen und hochbegabten Künstler darzustellen, der sich durch sein wüstes und oft grausames Benehmen anderen gegenüber wohl nur abschottet. Ballettfreunde kommen allemal auf ihre Kosten in einem atmosphärisch sehr dichten und feinfühligen Film.



Nurejew (Oleg Ivenko) mit seiner Freundin und Retterin Clara Saint (Adèle Exarchopoulos) | © Alamode Film

Helga Fitzner - 26. September 2019
ID 11700
Weitere Infos siehe auch: https://www.alamodefilm.de/kino/detail/nurejew-the-white-crow.html


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