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Neues deutsches Kino

Seelenbilder



Bewertung:    



Die philosophischen Erzählungen von Hermann Hesse galten praktisch als unverfilmbar: bis jetzt. Mit Narziss und Goldmund hat der österreichische Regisseur Stefan Ruzowitzky bewiesen, dass das sehr wohl geht. Dabei ist nicht etwa ein Arthouse-Film entstanden, sondern ein fulminantes Filmspektakel mit einem hohen Potential, ein großes Publikum neu für Hesse zu begeistern. Die Geschichte spielt im Mittelalter und basiert auf einer Art Planspiel des Literaturnobelpreisträgers Hermann Hesse (1877-1962). Jeder Mensch trägt Geist und Gefühl in unterschiedlichen Anteilen in sich. Mit Narziss (Sabin Tambrea) schuf Hesse jemanden, der sich die Vervollkommnung ausschließlich des Geistes zum Ziel gesetzt hat, indem er Mönch wird. Goldmund (Jannis Niewöhner) ist dagegen ein reiner Gefühlsmensch, der alles am eigenen Leibe erleben muss und das Geistige ablehnt.

Die beiden haben sich als Kinder im fiktiven Kloster Mariabronn kennengelernt, und obwohl Narziss nur unwesentlich älter als Goldmund ist, wird er zu seinem Mentor. Narziss ist ein Erwachter und Sehender, der erkennt, dass Goldmund nicht fürs Klosterleben geschaffen ist. Goldmund hat früh seine Mutter verloren und alles verdrängt, lernt aber durch Narziss, sich dieses Teils seiner Persönlichkeit bewusst zu werden. Mit dem Erwachen der gefühlvollen und triebhaften Seite seiner Natur zieht es ihn als Jüngling schließlich in die Welt hinaus.

Während sich Narziss im Kloster kasteit und an der Meisterschaft seines Geistes arbeitet, geht Goldmund ungeniert seinen Trieben nach, und die Frauen lassen sich gern mit ihm ein. Er ist ein Lernender, versucht, jeder Frau das zu sein, was sie begehrt und kommt selbst auf seine Kosten. Dabei vervollkommnet er seine Fähigkeiten als Liebhaber und ist auch für edle Damen aus höheren Schichten begehrenswert. Jannis Niewöhner schauspielert schon seit Kindertagen und hat aufgrund seines Charmes und guten Aussehens eine große Fangemeinde. Als Goldmund kann er alle Register seiner Schauspielkunst ziehen, inklusive viel Haut zeigen, da er Begegnungen mit etlichen Frauen hat, aber auch auf seiner Wanderschaft viel erlebt. Er lernt Entbehrungen aller Art kennen, Hunger, Hitze, Kälte, Einsamkeit, Verzweiflung, genießt aber auch seine Freiheit und Unabhängigkeit und erlebt eigentlich viel mehr, als in ein einzelnes Menschenleben hineinpasst. Als er eines Tages vor einer besonderen Marienstatue steht, erkennt er seine Bestimmung. Er muss Künstler werden, um all die Bilder der vielen Frauen in seinem Leben in eine Urgestalt der Menschenmutter umsetzen zu können. So geht er bei Meister Niklaus (Uwe Ochsenknecht), dem Erschaffer dieser Marienstatue, in die Lehre, an deren Ende er selbst ein Werk erschafft, das nicht nur Schnitzkunst, sondern ein Seelenbild ist. Diese Fähigkeit ist nur wenigen Bildhauern gegeben. Meister Niklaus will ihn als Nachfolger und Schwiegersohn ins gemachte Nest setzen, aber Goldmund flieht regelrecht und geht wieder auf Wanderschaft. Während dieser Zeit muss er das Massensterben an der Pest und dessen Auswirkungen erleben, was ihn nachhaltig prägt. Eines Tages wird er im Gemach der Geliebten einer höhergestellten Persönlichkeit entdeckt und zum Tode verurteilt. Durch einen Zufall ist Narziss, der inzwischen Abt von Mariabronn geworden ist, mit einer Delegation vor Ort...

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Der Film hat ein bemerkenswertes Aufgebot an weiteren Stars: Emilia Schüle, Henriette Confurius, Matthias Habich, Sunnyi Mellies, André M. Hennicke, Jessica Schwarz, Kida Khodr Ramadan, Branko Samarovski und viele mehr, die teilweise in sehr schillernden Rollen brillieren können. Sabin Tambrea dagegen sind als vergeistigtem Narziss fast alle schauspielerischen Ausdrucksmöglichkeiten genommen, und es ist einfach sensationell, wie er es schafft, diesem verinnerlichten Menschen Würde, Größe und Überzeugung zu verleihen. Wie sich Tambrea und Niewöhner als Gegensatzpaar gegenseitig anspornen und ergänzen, ist ganz großes Kino. Auch die Drehorte, die Landschaften, die Ausstattung und die Kostüme tragen zum visuellen Augenschmaus bei.

Ruzowitzky (Auslands-Oscar für Die Fälscher, 2008) hat zusammen mit Robert Gold das Drehbuch selbst geschrieben. Er schätzt Hesse sehr, doch Hesse-Puristen müssen tapfer sein. Ruzowitzky nimmt sich einige Freiheiten heraus, um aus dem theoretisch-philosophischen Stoff einen richtigen Kinofilm zu machen, wozu Dramatisierungen notwendig sind, wie sie bei Hesse nicht vorkommen. Das Leben von Narziss ist ein innerer Vorgang, ein unablässiger Kampf, ein Leben in strenger Selbstdisziplin zu führen und nach Erkenntnis und Gerechtigkeit zu streben. Er hat sein Leben auf eine beständige Beziehung zu Gott ausgerichtet und den Leidenschaften abgeschworen. Das hat seinen Preis, und Ruzowitzky setzt das z.B. in Bilder der Selbstgeißelung als sichtbaren inneren Kampf um.

Goldmunds Leben ist ein äußerer Vorgang, und für ihn ist die Kunst der Weg zu Erkenntnis, die er durch seine Skulpturen sichtbar werden lässt. Nach all den katastrophalen Erlebnissen gerade während der Pest verkündet er „den Sinn der Welt gerade im Vergänglichen“, wie es bei Hesse heißt. Narziss bewundert an Goldmund, dass er diese Ereignisse überleben konnte, „ohne daß im Heiligtum seiner Seele das göttliche Licht und die Schöpferkraft erlosch“, und Narziss kann den diametral entgegengesetzten Weg Goldmunds zu dem seinen gutheißen: „Denn indem ein Mensch mit den ihm von der Natur gegebenen Gaben sich zu verwirklichen sucht, tut er das Höchste und einzig Sinnvolle, was er kann.“

Das relativ ruhige Ende bei Hesse wird im Film nicht übernommen, es gibt ein sehr dramatisches Finale. Den Film kann man nachwirken lassen, indem man das 1930 erschienene Buch, das der Suhrkamp Verlag neu herausgebracht hat, nochmal liest. Der Film ist ab 12 Jahren freigegeben und ein guter Einstieg für Jugendliche, sich die zeitlose Ideenwelt Hesses mal anzuschauen und mit der heutigen Gegenwart zu vergleichen.



Goldmund (Jannis Niewöhner) und Narziss (Sabin Tambrea) sind nach vielen Jahren wieder zusammengekommen. | © 2019 Jürgen Olczyk / Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Helga Fitzner - 12. März 2020
ID 12074
Weitere Infos siehe auch: https://www.sonypictures.de/#narziss


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