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Neues deutsches Kino

„Wie wollen

wir leben?“



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So richtig im Leben angekommen ist der Kieler Universitäts-Dozent Ingwer Feddersen (Charly Hübner) eher nicht. Er lebt emotional distanziert in einer Menage-à-trois mit einer Frau und einem anderen Mann zusammen und hat in seinem Geburtsort noch unerledigte Aufgaben vor sich. Daher nimmt er sich ein Jahr Auszeit, um in sein Heimatdorf im hohen Norden zurückzukehren und sich um seine hochbetagten Eltern zu kümmern. Doch den Ort seiner Jugend gibt es nicht mehr, die Läden und die Schule sind geschlossen, auch der elterliche Gasthof hat nur noch einen Stammgast. So schlimm hatte Ingwer sich die Öde dort nicht vorgestellt, obwohl er als Heranwachsender die Flurbereinigung und ihre verheerenden Folgen mitbekommen hatte. Das hat er mit dem Regisseur des Films Mittagsstunde gemeinsam. Lars Jessen erklärt:


„Die Flurbereinigung, die Asphaltierung der Dorfstraße, die immer größer werdenden Felder und Landmaschinen, die Neubaugebiete, der Niedergang der Höfe und des Gasthofs habe ich als Kind und Jugendlicher hingenommen ohne damals schon zu spüren, wie tiefgreifend der Wandel sich vollzog. Das wird erst in der Rückschau und im Blick desjenigen fassbar, der sich entfernt und nach der Schule einen nach Süden fahrenden Zug bestiegen hat.“



Der Gasthof von Ingwers Eltern wurde nie modernisiert und sieht noch wie früher aus. Sein Vater Sönke (Peter Franke) ist körperlich sehr hinfällig, geistig aber hellwach, während seine Mutter Ella (Hildegard Schmahl) mobil ist, aber unter fortgeschrittener Demenz leidet. Ingwer weiß, dass Sönke und Ella genau genommen seine Großeltern sind. Deren Tochter Marret (Gro Swantje Kohlhof) lebte in ihrer ganz eigenen Welt und konnte sich nicht richtig um ihr Kind kümmern. Irgendwann verließ sie dann das Dorf und ließ nie wieder von sich hören. Während Ingwers Aufenthalt erfährt er noch von anderen Familiengeheimnissen, die ihn betreffen.

Der ehemalige Bürgermeister Paule (Dieter Schaad) ist desillusionierter Stammgast von Sönke. Ingwer erinnert sich an die Zeit, als die Teams zur Flurbereinigung ins Dorf kamen und Paule sie unterstützt hat. Er glaubte, das Beste für sein Dorf zu tun, indem er die „Modernisierung“ zuließ, von der er heute weiß, dass sie die Landschaft durch Monokulturen und Massentierhaltung und die Dorfgemeinschaft nachhaltig zerstört hat. Einzig der Dorflehrer Christian Steensen (Jörg Pose) hatte sich den Baggern in den Weg gestellt und verhindert, dass ein denkmalgeschütztes Hügelgrab zerstört wurde. Die allgemeine und weit um sich greifende Vernichtung der Landschaft konnte er nicht aufhalten. Mit der Flurbereinigung ging auch die Dorfkultur, die Gemütlichkeit verloren und die Mittagsstunde, in der man sich ausruhen oder der ein oder anderen Heimlichkeit nachgehen konnte.

Dies alles wich einer schnelllebigen „modernen“ Gesellschaft, die in ihren Traditionen und ihrer Verwurzelung beeinträchtigt wurde, aber Dörte Hansen hat mit ihrem gleichnamigen Erfolgsroman ein Stück dieser alten Welt festgehalten, die von Regisseur Lars Jessen und seinem Team in wunderbaren Bildern wiederbelebt wurde. Lars Jessen sagt dazu:


„Wenn wir mit dem Film etwas richtig gemacht haben sollten, dann spüren die ZuschauerInnen diesen Verlust und Schmerz. Sie gewinnen aber zugleich die Zuversicht, dass Vieles, was unwiederbringlich verloren zu sein scheint, auch wieder neu erfunden werden kann. Im günstigen Fall liefert Mittagsstunde einen kleinen Beitrag zur Beantwortung der großen gesellschaftlichen Frage, die uns die zahllosen Krisen unserer Zeit abverlangt. Wie wollen wir leben?“


Für Ingwer stehen noch einige Entscheidungen an. Er ist Sönke und Ella sehr dankbar, dass sie ihn wie einen eigenen Sohn aufgezogen haben. Er hätte den Gasthof übernehmen sollen, der seit Generationen ein Familienbetrieb ist, und hat ein entsprechend schlechtes Gewissen, dass er die akademische Laufbahn gewählt hat. - Mit der Aufdeckung der Familiengeheimnisse nähert er sich seinen eigenen Wurzeln wieder an, weiß, wer er ist, weil er erfährt, wo er herkommt. Das führt zur Aussöhnung mit sich selbst und zu einem Aufbruch, indem er seine Mitte findet und sein Leben neu sortiert.

*

Lars Jessen hat zwei Versionen des Films erstellt und in einer davon sprechen die Leute im Dorf plattdeutsch. Es lohnt sich auf jeden Fall, die plattdeutsche Version zu schauen und sich auf die Untertitel einzulassen. Die Figuren sind mit viel Hingabe gezeichnet und von fantastischen SchauspielerInnen gespielt, in den Rückblenden von Rainer Bock als Sönke, Gabriela Maria Schmeide als Ella und Lennard Conrad als jugendlicher Ingwer. Allen voran brilliert Charly Hübner, ein Mann wie ein Baum, der sich aber von seiner empfindsamen Seite zeigt. Jedes Mal, wenn er eine Tür öffnet, hält er kurz inne, um sich zu sammeln, weil er nicht weiß, was sich dahinter abspielt. Dabei verzichtet Jessen, auf spannungssteigernde Elemente, verlässt sich voll auf seine Cast und Crew und erzielt ein Ergebnis, das sich sehen lassen kann.



Ingwer Feddersen (Charly Hübner, re.) hat der Stadt den Rücken gekehrt und kommt wieder nach Hause: Nur einer der alten Stammgäste, der ehemalige Bürgermeister Paule Bahnsen (Dieter Schaad), ist Sönke Feddersen (Peter Franke, Mi) und seinem Dorfkrug treu geblieben. | (C) Majestic / Christine Schroeder

Helga Fitzner - 22. September 2022
ID 13814
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