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Filmkritik

Beifall für ein Massaker

"MIR IST ES EGAL, WENN WIR ALS BARBAREN IN DIE GESCHICHTE EINGEHEN" von Radu Jude
Bewertung:    



Was für ein ungewöhnlicher Film! Thematisch, formell, inszenatorisch, sogar der Titel und die Länge von 2 Stunden 20 Minuten. Sehr zu Recht gewann die rumänisch-tschechisch-französisch-deutsch-bulgarische Koproduktion im vergangenen Jahr beim 53. internationalen Filmfestival in Karlsbad (Karlovy Vary) den mit 25.000 US-Dollar dotierten Kristallglobus als Hauptpreis des Spielfilmwettbewerbs. Von deutscher Seite waren neben dem ZDF/Arte die Produzentin Janine Jackowski von der Berliner Firma Komplizenfilm (Toni Erdmann) an dem Gewinnerfilm beteiligt, weswegen das anspruchsvolle Werk wohl auch einen Verleih gefunden hat. Den Nürnberger Grandfilm-Team gehört dafür großes Lob, den einfach hat ein solcher, dialogreicher, vielschichtiger Film, auf den man sich einlassen muss, es im Kinoalltag gewiss nicht.

*

Der rumänische Regisseur und Drehbuchautor Radu Jude wendet sich mit dem Film gegen den perfiden Nationalismus und Revisionismus, der in seinem Heimatland nach dem Ende des Sozialismus in Teilen der Bevölkerung, den politischen Akteuren und den Medien grassierte. Im Rausch dieser Geschichtsverklitterung wurde ausgerechnet einer der aktivsten Kollaborateure Adolf Hitlers, der rumänische Diktator Ion Antonescu (1882-1946 durch Hinrichtung) von national gesinnten, politischen Gruppierungen als vermeintlicher Kriegsheld verklärt, der durch seine Unterstützung der Nazis Schlimmeres für Rumänien verhindert hat. Ein Zitat von Antonescu ist der Filmtitel.

Um dröge Geschichtsbelehrung zu vermeiden, bedient sich Regisseur Radu Jude eines originellen Tricks: Er erfindet eine Protagonistin – eine Künstlerin, die sich am Anfang des Films als fiktive Figur Mariana dem Publikum vorstellt –, die quasi Judes eigene Intention stellvertretend durchspielt: Diese Mariana (gespielt von Ioana Iacob) will auf einem großen Platz im Zentrum der rumänischen Hauptstadt Bukarest das Massaker der rumänischen Armee im ukrainischen Odessa vom Herbst 1041 nachstellen, um so auf die verhängnisvolle Rolle Rumäniens im Zweiten Weltkrieg zu erinnern, das keineswegs nur Opfer der faschistischen Wehrmacht war.

Zwar will Mariana "nur" ein Open Air-Spektakel und keinen Film über rumänische Geschichtsverdrängung inszenieren. Aber das Stück ausgerechnet auf dem Platz vor dem symbolträchtigen Geschichts- und Kriegsmuseums Rumäniens aufzuführen, ist womöglich eine noch kontroversere Aktion als Judes Film. Der Regisseur illustriert jedenfalls ein Stück weit sein eigenes Schicksal, indem er anhand eines weiblichen Alter Egos die Probleme aufblättert, die damit verbunden sind, wenn jemand an das bis heute in der rumänischen Gesellschaft verdrängte Massaker von 1941 erinnern will: Die humanistisch denkende Regisseurin Mariana muss sich unentwegt für die politische Dimension ihres geplanten Projekts rechtfertigen, z.B. gegenüber ihrem Freund, dem Bukarester Produzenten (der sie halb gewähren lässt, weil sie ihm als Frau gefällt) und ihren Kleindarstellern, die sie aus der rumänischen Bevölkerung rekrutiert. Dort gibt es nämlich noch stärkere Vorbehalte als unter den politischen Bürokraten, sich ernsthaft mit der rumänischen Verantwortung am Holocaust zu beschäftigen. Dabei wurden vermutlich mehr als 40.000 Juden in Odessa und den von der Wehrmacht besetzten ukrainischen Gebieten ermordet.

Im Verlauf des Films verwischen die Grenzen zwischen den gescriptet-inszenierten und den dokumentarischen Teilen, denn ob den Statisten anfänglich überhaupt bewusst war, dass sie nicht nur Teil einer Performance, sondern auch von Dreharbeiten zu einem Spielfilm sind (wie am Schluss der deutschen Satire Er ist wieder da), wird nicht klar. Insofern bleibt auch offen, ob die Ignoranz, Borniertheit und der Rassismus einiger rumänischer Statisten womöglich echte Äußerungen gegenüber Mariana sind. Wahrhaft gespenstisch mutet der Schluss an, wenn während der Performance vor dem Kriegsmuseum die rumänische Zuschauerschaft hinter den Absperrungen dem nachgestellten Massaker johlend applaudiert: Einige Puppen werden gehängt, ein Teil der Mitwirkenden wird als vermeintliche Juden des Jahres 1941 in eine Baracke getrieben, die von uniformierten Schauspielern in Brand gesetzt wird. Die progressiv-doppelbödige Erzählweise lässt es offen, ob die Zuschauer das als pures Action-Spektakel genossen haben und sie die Schauspieler in den rumänischen Uniformen oder die Opfer-Darsteller anfeuern wollten oder ob sie die antisemitischen, nationalistischen Parolen der Vergangenheit tatsächlich unterstützen. Damit wäre die Absicht der Mariana-Inszenierung innerhalb der Jude-Inszenierung gescheitert.

Radu Jude schlägt also nicht nur einen weiten Bogen von einem teils vergessenen, teils verdrängten historischen Ereignis zu den politischen Wirrungen der post-sozialistischen Ära, sondern hinterfragt zugleich die künstlerischen Möglichkeiten, diesem Ereignis angemessen und sinnvoll beizukommen. Auch die enorme Veränderung der medialen Vermittlung von hochkomplexen Geschichtskontexten spricht Radu Jude mehrfach an, außerdem zeitgenössische Generationen- und Geschlechterfragen sowie das Verhältnis zwischen provinziellem und großstädtischem Erleben und Denken. Dabei wirkt sein Film aber nicht überfrachtet (er lässt sich ja auch Zeit), sondern durch den doppelten inszenatorischen Boden oft spielerisch, ironisch und teils sogar absurd-humorvoll. Naturgemäß ist der Film dialog-dominiert und schweift aus. Wie gesagt, man muss sich drauf einlassen.



"Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen" | (C) Mihai Chitu

Max-Peter Heyne - 7. Juni 2019
ID 11480
Weitere Infos siehe auch: http://grandfilm.de/mir-ist-es-egal-wenn-wir-als-barbaren-in-die-geschichte-eingehen/


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