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Filmkritik

Seelen-

Striptease



Bewertung:    



Es ist schon hart, wenn man sich in seinem Körper nicht zu Hause fühlt. Die pensionierte Religionslehrerin Nancy Stokes (Emma Thompson) tut sich da besonders schwer, denn nach zwei Schwangerschaften und dem Erschlaffen ihres Leibes durch das fortschreitende Alter ist sie sehr unglücklich: vor allem, weil sie noch nie einen Orgasmus hatte. Die Pädagogin geht die Sache systematisch an, bucht ein Hotelzimmer und verabredet sich mit dem jungen Sexarbeiter Leo Grande (Daryl McCormack), der innerhalb der zwei gebuchten Stunden Abhilfe schaffen soll. Übernervös und gehemmt diskutiert sie zunächst, ob sich der junge Mann denn nicht erniedrigt fühle und präsentiert einiges von dem, was sie im Ethikunterricht mit ihren SchülerInnen durchgenommen hat. Doch Leo merkt schnell, dass sie nur von ihrer eigenen Unsicherheit und ihren Hemmungen ablenken will.

Nancy war 31 Jahre lang verheiratet und hatte nie erfüllenden Sex mit ihrem verstorbenen Ehemann. Sex war etwas, das man hinter sich brachte. Aber sie war ihm treu, und er war – bis Leo – ihr einziger Sexualpartner. Emma Thompson definiert ihre Rolle so: „Nancy hat die Regeln ihr ganzes Leben lang befolgt. Sie ist das, was man als eine Säule der Gesellschaft bezeichnen würde... Doch langsam erkennt man, dass diese vermeintlich so perfekte Konstruktion in Wirklichkeit ganz anders aussieht. Es gibt eine Leere, welche Nancy daran gehindert hat, wirklich ein menschliches Wesen zu sein. Wir sind so konditioniert.“ Leo ist Profi und kann recht gut mit ihren inneren Widerständen, der Scham vor ihrem Körper und dem Alter, umgehen. Er will ihr schöne sexuelle Erfahrungen ermöglichen, indem er versucht, sie zu entspannen, damit sich die Lust überhaupt entfalten kann.

Doch Nancy kann die Kontrolle nicht aufgeben und verhindert damit, dass sich ein Orgasmus entwickelt. Sie trifft sich dann doch mehrfach mit Leo, der es schafft, dass sie ihren Leib nicht mehr als einen „Klumpen Fleisch“ empfindet, aber von einer „Spielwiese der Lust“ ist er noch ein ganzes Stück entfernt. Dann begeht Nancy den Fehler, die Beziehung zu intensivieren und nicht mehr auf professionellem Niveau belassen zu wollen, was zum Eklat führt. Dem Erwachen ihrer sexuellen Lust ist ein seelisches Erwachen vorangestellt und die Hinterfragung unserer Konditionierungen insbesondere in Sachen Sexualität. „Da ist eine Stimme in unseren Köpfen, die eine ganze Menge Müll erzählt“, erklärt Leo ihr, der als Sexarbeiter irgendwie auch Sexualtherapeut ist und seine Kundinnen dazu bringen will, durch die Sexualität ihre Kraft wiederzuentdecken.

*

Ein Drehbuch über Körperscham zu schreiben, ist schon eine schwierige Aufgabe, dieses aber noch als Komödie zu gestalten, steckt voller Gefahren. Wie leicht kann man da in Übertreibungen und Geschmacklosigkeiten abdriften. Die britische Drehbuchautorin Katy Brand schrieb das Skript 2020 und reichte es schon mal zum Gegenlesen herum, um Meinungen einzuholen. Ihr war anfangs nicht klar, dass das Thema einschlug. Die australische Regisseurin Sophie Hyde kam ins Boot, die sich in ihren Filmen schon mit der gesellschaftlichen Stellung von Frauen befasst hatte. Emma Thompson sagte umgehend zu; Brand hatte sie beim Schreiben als Protagonistin auch im Sinn gehabt.

So waren es drei erfahrene Frauen, die auf möglichst heitere Art die Blockaden und Hemmnisse auflösten, die ein als unschön empfundener Frauenkörper verursacht. Damit sprechen sie vielen Frauen aus der Seele, die sich an einem teilweise utopischen Schönheitsideal ausrichten. Der Gegensatz von Emma Thompsons Körper zu dem von Daryl McCormack als Leo ist schon auffällig. Daryl ist jung, makellos, athletisch, ein wahrer Adonis, der aber in erster Linie ein so fantastischer Mime ist, dass er mit der Schauspiel-Ikone Thompson mithalten kann. Die 1959 geborene Emma Thompson ist physisch in Topform und in Würde gealtert, aber der Zahn der Zeit hat auch an ihr genagt. Viele Frauen in ihrem Alter vertuschen das eher, Thompson zieht sich aus und präsentiert sich ungeschützt und verletzlich so, wie sie ist. Chapeau!

Wer aufgrund des Themas erwartet, dass etwas Voyeuristisches oder Pornografisches herausgekommen sein mag, ist im falschen Film. Leos Sexarbeit besteht gerade zu Anfang in Gesprächen, im Vermitteln von Vertrauen und Sicherheit. Nancys reflexartige Kontrollversuche nimmt er eingangs noch gelassen. Die vereinsamte Witwe ist nach Jahrzehnten tristen Ehelebens und mechanischen, weil vom Lehrplan strikt vorgegebenen, Ethikunterrichtes so in ihren Kontrollmechanismen verhaftet, dass diese erst langsam abbröckeln müssen. Darunter versteckt sich eine tapfere und entschlossene ältere Dame, die sich den Weg zu ihrem ersten Orgasmus selbst unnötig steinig macht. Der Film hat einen subtilen Humor, ist aber kein Schenkelklopfer, und wenn Nancy beim zweiten Treffen eine ganze Liste zum Abarbeiten mitbringt, am besten innerhalb der nächsten zwei Stunden, dann ist das skurril und komisch, zeigt aber auch Nancys Hilflosigkeit und Angst.

Der körperlichen Nacktheit ist ein Seelen-Striptease vorgeschaltet, der das eigentliche Thema des Films ist und seine Wertigkeit ausmacht sowie das Streben nach Selbstakzeptanz und Selbstrespekt. Es ist die bisher kreatürlichste Rolle von Emma Thompson, und das Spiel von ihr und Daryl McCormack ist eine Offenbarung. Und wer sich auf Sexszenen gefreut hat... Nun, Emma Thompson hat noch nie halbe Sachen abgeliefert.



Die pensionierte Lehrerin Nancy Stokes (Emma Thompson) und der Callboy Leo Grande (Daryl McCormack) beim Schäferstündchen | © Wildbunch Germany

Helga Fitzner - 13. Juli 2022
ID 13710
Weitere Infos siehe auch: https://www.wildbunch-germany.de/movie/meine-stunden-mit-leo


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