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Spanisches Kino

Trips in die

Vergangenheit



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Antonio Banderas trägt einen Drei-Tage-Bart und hat die Haare auf Sturm gebürstet. Da ist es schon klar, dass der von ihm gespielte alternde Filmemacher Salvador Mallo das Alter Ego des Regisseurs Pedro Almodóvar sein soll. Dessen neuer Film Leid und Herrlichkeit spielt sich zwischen zwei Polen ab: Kopfschmerzen und Kreativität, und es vermischen sich Wirklichkeit und Fiktion, wie Almodóvar das in seinen Filmen sehr gerne macht. Mallo leidet nicht nur an ernsteren Krankheiten und Wehwehchen, sondern auch an Depressionen und einer Schaffenskrise. Da kommt er mit über 60 Jahren auf die Idee, das erste Mal harte Drogen, nämlich Heroin, zu benutzen. Das ist ein ziemlicher Aufreger, denn vor über 30 Jahren brach er mit dem Schauspieler Alberto Crespo (Asia Etxeandia), weil dieser seinen Heroinkonsum nicht unter Kontrolle hatte, nun lässt er sich von ihm Stoff besorgen.

Der Anlass des Wiedersehens mit ihm ist die Restaurierung eines über 30 Jahre alten Kinohits mit Crespo in der Hauptrolle, und so sollen beide zur Premiere erscheinen. Das war die Zeit der großen Erfolge, wo sich für Mallo viele Perspektiven eröffnet hatten. Er konnte Madrid verlassen, tourte durch Südamerika und viele andere Länder und frönte seiner leidenschaftlichen Liebe zu Federico (Leonardo Sbaraglia), die aber von dessen Drogenkonsum überschattet war. Diese Geschichte hat er in einem unveröffentlichten Skript festgehalten, das der abgehalfterte Crespo in die Finger bekommt und unbedingt einen Solo-Auftritt daraus machen will, während Mallo zunehmend in seiner lähmenden Depression versinkt. Er lässt Crespo gewähren, der die Geschichte vor einer leeren Leinwand spielt, und eines Abends erkennt sich im Publikum von Crespos Ein-Mann-Show jemand in der Geschichte wieder: Federico...

Je tiefer Mallo in seine Drogen einsteigt, um so ältere Erinnerungen kommen hoch: an seine Kindheit in Armut, seine geliebte Mutter (Penelope Cruz) und an die ungeliebte katholische Kirche. Da der Kleine (Asier Flores) intelligent und musikalisch ist, hat er die Chance, ein Stipendium bei einer katholischen Schule zu bekommen. Er lehnt das vehement ab, aber er muss, denn es ist die einzige Chance für ihn, der Armut der Eltern zu entgehen.

Die Heroin-Trips dienen in Almodóvars Drehbuch als Auslöser für die Rückblenden und als er seinen Film im Mai 2019 beim Filmfestival in Cannes vorstellte, machte er nicht den Eindruck, selbst drogensüchtig zu sein. Almodóvar ist differenziert genug, um keine glatte Eins-zu-Eins-Verfilmung seines Lebens zu produzieren. Allerdings dürfte die Essenz, die er daraus destilliert und künstlerisch verarbeitet, seinem eigenen Leben durchaus nahe kommen. Das macht die Originalität und Authentizität seiner Charaktere und Filme aus. So verrückt und chaotisch wie es darin zugehen mag, die Gefühle, die Verletzung, die Wut, das Begehren, die Leidenschaft und die Leidensfähigkeit wirken immer echt, und sie sind universal. Man muss weder homosexuell, lesbisch u.a. sein, um diese nachvollziehen zu können. Selbst das homosexuelle Erwachen, das Almodóvar häufiger thematisiert, hat eine gewisse Allgemeingültigkeit.

Der allgegenwärtige Katholizismus seiner Kindertage kommt dieses Mal relativ gut weg. Der kleine Salva macht das Beste aus seinen Jahren auf der katholischen Schule, obwohl die Trennung von der Mutter das Schlimmste ist. Denn auch in Leid und Herrlichkeit gibt es eine ikonische Mutterfigur, die ihn über 60 Jahre seines Lebens begleitet und wird in der filmischen Gegenwart von der wunderbaren Julieta Serrano gespielt, die ihrem Sohn noch im hohen Alter eine Stütze ist, ihm aber auch die Leviten liest. Sie nimmt ihrem Sohn ein Versprechen ab: Wenn sie verstorben ist und ihr die Füße zusammengebunden werden, (damit sie nicht seitlich wegkippen), soll er ihr die Fesseln lösen: „Zu dem Ort, an den ich komme, möchte ich unbeschwert gehen“, erklärt sie entschlossen.

Madrid ist eines der wiederkehrenden Motive in Almodóvars Werk. Es ist mehr als nur eine Stadt, an der er offensichtlich sehr hängt. Von 1936 bis 1975 war Spanien eine faschistische Diktatur unter Franco. Die damalige katholische Kirche und das Königshaus gingen eine sehr widersprüchliche Allianz mit den Faschisten ein, so dass die Spanier mehrfach geknechtet waren. Künstler konnten sich nicht frei entfalten und Homosexuelle standen unter der Gefahr strafrechtlicher Verfolgung (was zu der Zeit auch noch in den meisten anderen Ländern der Fall war). Es mutet schon seltsam an, dass Almodóvar und sein filmisches Alter Ego Mallo unter den noch repressiven Umständen nach Madrid zurückkehren, obwohl sie anderswo ein befreiteres Leben hätten führen können. Aber Madrid ist für Almodóvar offensichtlich der Mittelpunkt seines Wirkens. Hier kann er sich in die Sehnsüchte, Nöte, Begierden, Hoffnungen und Träume seine ProtagonistInnen einfühlen und sie auf heimischem Territorium in Szene setzen mit seinem altvertrauten und ebenfalls preisgekrönten Kameramann José Luis Alcaine und dem Filmkomponisten Alberto Iglesias. Auch seine echte Familie ist involviert: Almodóvars Bruder Agustin Almodóvar ist der Produzent und spielt im Film einen Priester. Nach Jahrzehnten der Diktatur kommt das Land in den 1980er Jahren künstlerisch gesehen einer weißen Leinwand gleich, die nun neu benutzt und mit neuzeitlichen Themen gefüllt werden kann. Da kann Almodóvar in die Riege spanischer Regie-Giganten wie Luis Buñuel und Carlos Saura aufgenommen werden, nur dass er später als sie und erst nach dem Ende der Diktatur richtig begonnen hat und die postfaschistische Filmkunst entscheidend mitprägen und bereichern konnte.

Es kann schmerzhaft und mühselig sein, die Knoten der Vergangenheit zu lösen, manchmal findet Almodóvar sehr einleuchtende Bilder dafür, z.B. wenn Mallos Mutter einen Rosenkranz entwirrt. Diese Aussöhnung mit alten Themen geschieht im Film mit Warmherzigkeit sowie einem tiefen Verständnis für das Menschliche und Kreatürliche. Am Ende stellen Homosexualität oder Genderfragen keinen Konflikt mehr dar, da die Selbstakzeptanz erreicht wird.

Der Film ist durchgehend fantastisch besetzt. Mit Penelope Cruz und Julieta Serrano verbindet ihn eine lange Freundschaft. Das gilt auch für Antonio Banderas, der schon in seiner Anfangszeit zu Almodóvars häufig besetzten Schauspielern gehörte, so in Die Haut, in der ich wohne (2011) und Fessle mich (1990). Diese jahrelange Verbindung ist wohl der Grund dafür, dass sich Banderas so gut in seine Rolle hineinversetzen und eine schauspielerische Meisterleistung abliefern konnte. Dafür wurde er in Cannes als bester Schauspieler mit der Goldenen Palme gewürdigt.

Der Film erklärt sich erst, wenn man das Ende kennt, denn da fügen sich Vergangenheit und Gegenwart ineinander, Mallo kann sowohl mit seiner großen Liebe abschließen als auch mit einer Geschichte in seiner Kindheit, die sich sehr spät als der herzerwärmende Kernpunkt des Films entpuppt. Derart gestärkt, ist auch der Weg in die Zukunft wieder offen.

Helga Fitzner - 24. Juli 2019
ID 11582
Weitere Infos siehe auch: http://www.studiocanal.de/kino/leid_und_herrlichkeit


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