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Dänisches Kino

In schiefer

Trauer



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Was passiert, wenn jemandem von einem Tag auf den anderen der Boden unter den Füßen weggerissen wird? Das Drehbuch des dänischen Regisseurs Anders Thomas Jensen zu Helden der Wahrscheinlichkeit ist wieder eine Art Versuchsanordnung, wie schon in seinen Drehbüchern für Nach der Hochzeit (2006) und In einer besseren Welt (2011). Er gibt eine Krisensituation vor und beobachtet die Reaktionen unterschiedlicher ProtagonistInnen mit der abwesenden Emotionalität eines Wissenschaftlers bei einem Laborversuch. Wie bei Men & Chicken (2015) führt er dieses Mal wieder selbst Regie und schlägt erneut mit skurrilem Humor und treffsicherer Gesellschaftskritik zu: in Helden der Wahrscheinlichkeit nimmt er u.a. die technischen Möglichkeiten zur Überwachung aufs Korn. Jensen pfeift, wie immer, auf Political Correctness und lässt hier ein paar Freaks und Unglücksvögel aufeinanderprallen.

*

Die Analysten Lennart (Lars Brygmann) und Otto (Nikolaj Lie Kaas) haben anhand von Algorithmen errechnet, dass Menschen mit geringem Einkommen billigere Autos kaufen als Reiche. Noch in der selben Stunde, in der sie ihre bahnbrechenden Erkenntnisse ihrer Firma vortragen, finden sie sich fristlos entlassen auf der Straße wieder. Am selben Tag wird das Fahrrad der Jugendlichen Mathilde (Andrea Heick Gadeberg) gestohlen, ihr Vater Markus (Mads Mikkelsen) verlängert seinen Einsatz als Soldat in Afghanistan, das Auto ihrer Mutter (Anne Birgitte Link) springt nicht an, sodass die beiden mit der Bahn fahren. Dort sitzt Otto und bietet Mathildes Mutter seinen Sitzplatz an. Der Zug entgleist. Otto und Mathilde überleben, aber die Mutter stirbt. Alles klar? - Gibt es da einen übergeordneten Zusammenhang? Ergibt das alles überhaupt Sinn? Ist alles im Leben Zufall und sind wir dem schutzlos ausgeliefert?

Markus, der von seinem Kriegseinsatz schon traumatisiert ist, kehrt heim und muss nun noch den Verlust seiner Frau verkraften - und seiner pubertierenden Tochter Mathilde beistehen. Dazu ist er bei allen gut gemeinten Versuchen gar nicht in der Lage. Eines Tages stehen Lennart und Otto vor seiner Tür und eröffnen ihm, was schon aus den Nachrichten bekannt war: Bei dem Zugunglück wurde der Kronzeuge gegen den Gangsterboss einer Bikerbande getötet. Und Otto hat im Zug einen Mann gesehen, der in dem Abteil ein fast vollständiges Sandwich und eine volle Getränkeflasche in den Mülleimer geworfen hatte, bevor er ausstieg. Es war also ein Anschlag, und die Biker sind schuld. Endlich eine Antwort, endlich ein Grund. Markus lässt sich aber noch nicht überzeugen. Er will sich der Sache gar nicht stellen. Tot ist tot, und danach kommt nichts mehr. So hat er den erlittenen Verlust auch seiner Tochter erklärt.

Lennart und Otto sehen sich nun gezwungen, einen schwierigen Bekannten zu kontaktieren. Sie können den exzentrischen Emmenthaler (Nicolas Bro) nicht ausstehen, aber sie haben ein bisschen gehackt und sich Videoaufnahmen aus dem Zug kurz vor der Entgleisung besorgt. Darin ist der Müllentsorger zu sehen, und Emmenthaler ist ein Genie, was Gesichtserkennung angeht. Erst findet er einen Ägypter, der seinen Freunden aber nicht passt. Eine gröbere Suche ergibt aber einen erstaunlichen Treffer. Es ist ein Däne und auch noch der Bruder des angeklagten Bikers. Nun ist auch Markus interessiert, und bei einem Besuch bei dem Bruder hält der ihm prompt eine Pistole vors Gesicht. - Es dauert nur wenige Sekunden und der Angreifer liegt mit gebrochenem Genick am Boden. Zu dumm: Markus ist halt noch im Kriegsmodus. Lennart beseitigt die Spuren und ignoriert einen Augenzeugen, der sich ebenfalls im Raum befindet.

Klar bringen die Biker den jungen Mann zum Reden und finden die Vier der Chaostruppe. Schließlich können sie die Überwachungssysteme und alles andere genau so leicht hacken, wie das Quartett. Markus kämpft immer noch wie auf Autopilot, und am Ende sind die Angreifer tot. Um zu verhindern, dass der Rest der Biker noch nachkommt...

Alle Vier sind aus unterschiedlichen Gründen schwer traumatisiert, und alle werden durch die Geschehnisse auf sich zurückgeworfen. Während sich Mathilde mit Hilfe ihres Freundes wacker hält, ist ihr Vater nicht in der Lage, wieder zu sich zu kommen und die Trauer zuzulassen. Doch zwischen den bunt zusammengewürfelten Menschen entstehen Beziehungsgeflechte. Dadurch, dass sie sich ihren Dämonen allmählich stellen, fangen sie an, ihre Themen zu bearbeiten und entwickeln Zusammenhalt und Empathie. Bis auf Markus, dem seine Leichenberge nichts auszumachen scheinen. Wie der ukrainische Stricher Bodashka (Gustav Lindh) die Massaker überleben konnte und nun Teil der Notgemeinschaft wird, ist eigentlich unerklärlich, ist einfach so passiert.



Die Chaostruppe hat Markus' Scheune zum Hauptquartier umfunktioniert, (v. li. n. re.) Emmenthaler (Nicolas Bro), Lennart (Lars Brygmann), Markus (Mads Mikkelsen) und Otto (Nikolaj Lie Kaas) | © 2020 Zentropa Entertainments3 ApS & Zentropa Sweden AB Film


Jensen wollte einen Film über den Sinn des Lebens drehen, und der ist für ihn eigentlich simpel: „Wie bewahrt man Lebensmut, wenn man an nichts mehr glaubt?... Wenn man nämlich akzeptiert, den Tod nie zu verstehen, dann wäre die größte Bedeutung, die man im Leben anstreben kann, Dankbarkeit - und mit den Menschen zusammen zu sein, die man liebt. Und wäre das nicht schon genug?“ Doch erst lässt er die KinozuschauerInnen an einem Spagat zwischen Selbstjustiz und Sinnsuche teilhaben. Es hilft Markus wenig, die mutmaßlichen Mörder seiner Frau zu töten, denn das ersetzt die innere Verarbeitung des Ereignisses nicht. Auch die Technik-Freaks stoßen an ihr Grenzen, denn erstens begehen sie Fehler bei den Berechnungen und dann noch bei der Interpretation.

Wie die schwarze Komödie am Ende gut ausgehen kann, bleibt ein Rätsel. Ist halt bei Komödien so. An dieser Wahrscheinlichkeitsrechnung würde sich vermutlich auch ein Algorithmus aufhängen. Jensen hat den Film mit altbewährten Veteranen besetzt, allen voran, Mads Mikkelsen, Nikolaj Lie Kaas und Nicolas Bro, aber auch die Jungmimen liefern fantastische Leistungen ab, insbesondere Andrea Heick Gadeberg als Tochter und Gustav Lindh, der als Strichjunge dem Menschenhandel zum Opfer gefallen ist. Jensen hat erneut eine Gruppe von Außenseitern geschaffen, setzt der Anfälligkeit und teilweisen Absurdität von Überwachungssystemen den Spiegel vor und zeigt dysfunktionale Menschen, die aber auch alle ihre positiven Qualitäten entwickeln, nur dass sie Angst davor haben, sich ihrer Trauer zu stellen.
Helga Fitzner - 22. September 2021
ID 13160
Weitere Infos siehe auch: https://helden-der-wahrscheinlichkeit.de/


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