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Natja Brunckhorst, die mit 14 Jahren als Drogensüchtige Christiane F. im Drama Wir Kinder vom Bahnhof Zoo vor der Kamera stand, hat eine lange Karriere als Schauspielerin und Drehbuchautorin (TATORTe, Amelie rennt) hinter sich, bevor sie mit Mitte 50 erstmals eine Spielfilmregie angehen konnte. Dass Brunckhorst das dramaturgische Handwerk versteht, war vorauszusetzen, aber auch als Regisseurin überzeugt sie: Alles in bester Ordnung ist eine amüsante, hintersinnige Kombination aus Buddy-Movie und Psychodrama mit gesellschaftssatirischen Einsprengseln.

Brunckhorst weiß um die Reize einer Situationskomik, die sich ergibt, wenn man zwei sehr verschiedene Charaktere, die sich zunächst eher abstoßen, dann aber aufeinander angewiesen sind, zusammenfügt. In diesem Fall handelt es sich um den ehrgeizigen Mathematiker und Software-Entwickler Fynn, den Daniel Sträßer ähnlich wie seine Figur in der Liebesgeschichte La Palma mit jugendlichem Ungestüm und Bockigkeit ausstattet. Die andere Hauptfigur ist die von Corinna Harfouch verkörperte, in selbstgewählter Isolation lebende Marlen, die in einem Dentallabor arbeitet. Sie meidet soziale Kontakte schon aus dem Grund, weil sie ihre Wohnung mit einem Berg an Büchern, Nippes, Andenken und kleinen Haushalts- und Gebrauchsgegenständen vollgestopft hat.

In diesem wuchernden Labyrinth ist das Dekorative zu so übermächtigen Bergen angeschwollen, dass es als Dekor nicht mehr wahrnehmbar ist. Marlen ist kein Messie im klassischen (bzw. klinisch-psychologischen) Sinne, da sie ihre Dinge nicht verdrecken und verrotten lässt. Aber sie sammelt und sammelt Weggeworfenes ohne Unterlass, um es vor der Vernichtung zu retten, sodass kein normales Leben mehr möglich ist. In dieses prämortale Fegefeuer gerät nun Fynn aufgrund eines Wasserschadens in seiner neuen Wohnung, die direkt über der von Marlen liegt. Marlen kann jedenfalls nicht lange vermeiden, dass Fynn ihre Wohnung zu Gesicht bekommt – ein Umherreisender in Sachen Industrie-IT, der fast ohne eigene Möbel auskommt.

Natja Brunckhorst geht als Skriptautorin nicht den geradlinigen Weg, nutzt nicht jede sich anbietende Gelegenheit, um aus der Gegensätzlichkeit ihrer Charaktere Funken sprühen zu lassen. Sie entwickelt eher ein Szenario, das ihren Figuren Zeit gibt, neben den Unterschieden auch Gemeinsamkeiten festzustellen und sich aufeinander zuzubewegen. Um es mit großen Vorbildern zu sagen: Mehr Frank Capra (Ist das Leben nicht wunderbar?) statt Billy Wilder (Manche mögen’s heiß; Avanti Avanti). Das nimmt bei der Story Tempo raus, andererseits erhöht es die Glaubwürdigkeit.

Fynn ist ein ungebetener, aber zumindest toleranter Gast in Marlens selbstgeschaffenem Universum, das sich unaufhaltsam ausdehnt und ihre Schöpferin bald zerdrücken könnte. Zusätzlich droht eine Räumung, wenn der Hauswart wegen der defekten Heizungsrohre mit Handwerkern Zugang zu Marlens Wohnung erzwingen wird. Fynn stößt Marlens Durcheinander nicht grundsätzlich ab, denn auch er pflegt die Distanz zu anderen Menschen, die ihn in seinem Programmierrappel und seinem Universum aus Organigrammen eher stören. Sein Durcheinander ist als solches nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Im dramaturgischen Sinne vorhersehbar ist zwar, dass er und Marlen durch ihre sich vertiefende Begegnung – die allerdings platonisch bleibt – neue Perspektiven für ihre Lebensführung gewinnen und einander bereichern. Der letzte Clou indes, wie Fynns Hilfe für Marlen konkret aussieht, enthüllt Natja Bruckhorst erst ganz am Schluss ihrer rundweg unterhaltsamen, warmherzigen Tragikomödie, die wohltuend auf jede Art von billiger Psychologisierung und Zynismus verzichtet.



Alles in bester Ordnung (C) Lichtblick/Niklas Lindschau

Max-Peter Heyne - 26. Mai 2022 (2)
ID 13642
https://www.filmweltverleih.de


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