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DVD-Kritik

NS im

Untergrunz



Bewertung:    



Heutzutage hört man hiesige Volkslieder nur noch selten. Sie sind nicht nur bei der Jugend sichtlich in Vergessenheit geraten. Das schwäbische Volkslied „Da unten im Tale“, vertont von Johannes Brahms um 1894, wird nun in einem jüngst auf DVD erschienen Kinofilm auf anrührende Weise interpretiert. Ein vielköpfiger Chor singt es sphärisch meditativ während eines filmischen Höhepunkts. Dieser sanft dahinperlende, wehmütige Gesang bildet im Horrorfilm Schlaf (2020) einen effektvollen Kontrapunkt zu einer parallel gezeigten Szene, in der ein zu Tode verängstigtes Mädchen in einem dunklen Raum qualvoll mit ihren Fesseln und Knebeln kämpft: „Und wenn i dir's zehnmal sag', daß i di lieb,/ und du willst nit verstehen, muß weiter i gehn.“ Regisseur Michael Venus deutet durch szenische Engführung des Gesanges mit gezeigter Brutalität an, dass Volkslieder zu Abgründen beigetragen haben mögen, wie den im Film fokussierten nationalsozialistischem Gedankengut. Doch ist die Assoziationskette der Verbindung alter Volksweisen mit völkischer Deutschtümelei nicht recht abgeschmackt, klischee- und vorurteilbehaftet?

Schlaf legt seinen Fokus auf das bedrohliche Unterbewusste. Die Filmhandlung spielt in dem beschaulich verlassenen, am Harzer Wald gelegenen Provinznest Stainbach. Marlene (stets der Panik nah: Sandra Hüller) checkt hier in das Kurhotel Sonnenhügel ein. Die labile Flugbegleiterin leidet unter Schlafstörungen. Sie glaubt in einer Prospektanzeige des Hotels den Ort ihrer Albträume wiederzuerkennen. Noch am ersten Hotelabend erleidet sie einen schweren Schock und wird ins nahegelegene Krankenhaus gebracht. Um dem Trauma ihrer Mutter auf die Spur zu kommen nimmt sich daraufhin auch ihre fast erwachsene Tochter Mona (Gro Swantje Kohlhof) ein Zimmer im besagten Hotel.

In Coronazeiten vermag man sich recht leicht gespenstisch leere Hotelkomplexe vorzustellen. Auch in Schlaf ist das sterile, andeutungsreiche Hotelambiente meist bedrückend menschenleer. Die wenig vertrauenserweckenden Hotelbesitzer Otto (August Schmölzer) und Lore (Marion Kracht) begründen dies gegenüber ihrem jungen Gast damit, dass gerade keine Saison sei. Jagdtrophäen hängen auf dunklen Holzwänden. Es gibt lange, verwinkelte Gänge. Das Dienstmädchen Franzi (Martina Schöne-Radunski) quiekt schon einmal in der Küche lustvoll gellend laut und anhaltend. Eine Familiendynastie männlicher Hoteliers blickt von finsteren Fotografien herab. Die Tochter erkennt auf Kritzeleien ihrer Mutter mit Albtraumerinnerungen Orte im Hotel wieder. Schon bald erfährt Mona vom Personal, dass es im Hotel drei unerklärliche Selbstmorde gab.

Wie zuvor bei ihrer Mutter verschwimmen auch bei Mona alsbald Alltagsrealität und Albtraumebene. Eine Wildsau und Männer mit irren Schweinemasken tauchen auf. Mona irrt im Mondlicht umher, entdeckt im Wald eine Ruine. Die blasse und rätselhafte Trude (Agata Buzek) erscheint im roten Kleid wie eine Wiedergängerin aus der Vergangenheit. Mona erfährt, dass der gefundene Ruinenturm eine frühere Sprengstofffabrik sei, in der polnische Zwangsarbeiterinnen ausgebeutet wurden.

Leider wirken in Michael Venus ambitioniertem Debütfilm die Figuren besonders gegen Ende recht eindimensional überzeichnet. Die albtraumhaften Szenen muten mitunter zu stilisiert und überfrachtet an. Es gibt eher laute Schockeffekte, aber es fehlt ein konsequenter Spannungsbogen. Misogyne oder völkische Ambitionen der Dorfbewohner erscheinen zu banal unmotiviert. Es wurde zu sehr auf eine „Inspiration des Drehortes“ gesetzt und auf eine Erzählung verzichtet. Doch wenn auch unsere Träume ohne Drehbuch auskommen, so benötigen doch Filme über Träume ein solches.

Eine letztmalig groteske Steigerung erfährt die Handlung, wenn Sandra Hüller gegen Ende, als aus dem Koma erwachende Marlene, ihrer Tochter instinktgeleitet flugs mit aus dem Nichts erstarkten Kräften meilenweit zur Hilfe eilt und dabei wie ein wiederkehrender Zombie dreinschaut. Mit der Kanüle, die sie noch von der Intensivstation hinter sich herzieht, wirkt sie unfreiwillig komisch, wie Loriot in dem berühmten Sketch mit der Rindsroulade. Überhaupt: die Hüller (Deutsche Filmpreise u.a. für Toni Erdmann, Finsterworld und Requiem) liegt die meiste Zeit stuporös im Bett – welch eine Verschwendung schauspielerischer Ressourcen!
Ansgar Skoda - 19. Mai 2021
ID 12920
Weitere Infos siehe auch: https://salzgeber.de/schlaf


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