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DVD-Kritik

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Klassikerin



Bewertung:    



Wir befinden uns in der wohlhabenden Londoner High Society. Die beiden Titelheldinnen werden beim Gang durch Palastgärten gezeigt. Sie lustwandeln durch hochherrschaftliche Gewächshäuser oder fahren im offenen Cadillac spazieren. Die Kamera zeigt Eingänge von Schlössern oder Innenhöfe von Palästen und historischen Landsitzen. Die adlige Vita Sackeville-West thront mit ihrem Ehemann, dem Diplomaten Harold Nicolson, an langen Tafeln, eingedeckt mit allerlei Köstlichkeiten. Lange Einstellungen präsentieren vornehme Räume mit hohen Decken, festlich geschmückte Säle, weite Ausblicke, aristokratische Festanlässe, im Großen und Ganzen Pomp im Überfluss.

Filme über realhistorische Personen müssen sich an ihren geschichtlich verbürgten Vorbildern messen. Die Freundschaft und Affäre der beiden intellektuellen Schriftstellerinnen Virginia Woolf (1882-1941) und Vita Sackeville-West (1892-1962) ging in die Literaturgeschichte ein. Chanya Buttons Liebesfilm Vita & Virginia beginnt mit dem Druck von Virginia Woolfs Roman Jacob’s Room Oktober 1922 und endet mit dem Druck ihres Romans Orlando 1928. Beide Romane wurden erstmals im eigenen Verlag des Ehepaars Woolf gedruckt, der Hogarth Press. Hier arbeitet der Film mit kurzen, sinnlichen Aufnahmen von der Entstehung eines Buches, wenn die Prägung des Einbandes oder die Setzung der Seiten gezeigt wird.

1922 war die Autorin Virginia Woolf vierzig Jahre alt. Die Australierin Elizabeth Debicki – heute 31 – erscheint von Anfang an deutlich zu jung für ihre Rolle der Virginia Woolf. Zur Zeit des Filmdrehs um 2017 war sie siebenundzwanzig. Die adlige Vita Sackeville-West war realhistorisch zehn Jahre jünger als Woolf. Gemma Arterton – heute 35 – in der Rolle der Vita würde in den dargestellten 1920ern vom Alter her also halbwegs passen, wäre ihr Co-Star nicht sichtlich jünger. Elizabeth Debickis blasse, mädchenhafte Aura entspricht nicht den überlieferten Fotos von Woolf, ihrer realhistorischen Verhärmtheit und dem espritstarken Intellekt, der in ihrer Prosa durchscheint. Debicki wirkt in jeder Einstellung zerbrechlich, gefühlvoll und nah am Wasser gebaut. Kein Wunder also, dass das Interesse der emanzipierten, wohlhabenden und weltgewandten Vita an Virginia die bekannte Vordenkerin der Moderne sichtlich aus der Bahn wirft. Vita umwirbt Virginia mit Nachdruck und weckt bald die Neugier Virginias.

Virginia widmete später ihre fiktive Biographie Orlando ihrer Geliebten Sackeville-West. Die adlige Schriftstellerin Vita war so Vorlage und Inspiration des utopischen Romans. Ein Schlagabtausch in der 88ten Minute des Films, bei dem Virginia der ebenso bewegten wie beunruhigten Muse ihre Idee für Orlando präsentiert, erscheint recht unterhaltsam:


Vita: „Du hast ernsthaft die Absicht, mich in diese Figur hineinzuprojizieren?“ Virginia: „Es handelt von deiner Fleischeslust und den Verlockungen, denen dein Geist ausgesetzt ist. Du fliegst wie ein Pfeil durch die Zeit. Du wirst ein Mann sein, eine Frau, altmodisch, modern; was meinst du?“ „Welch ein Spaß für dich.“ „Es soll eine Art Phantasiebiographie werden, mit Porträts deiner Vorfahren, Fotografien, Illustrationen.“ „Weshalb es nötig sein wird, dich deinem Opfer zu widmen.“ „Ich werde dich sehen müssen, mehrmals, einfach dasitzen. Dich ansehen! Dich zum Reden bringen. Zweifelhafte Dinge überarbeiten. Ich möchte deine seltsamen und unstimmigen Seiten erhellen und dann auch wieder verdunkeln.“


Dieser Tausch der Rollen, in dem die sprödere Virginia einen aktiveren Part übernimmt und Besitzansprüche an Vita formuliert, schafft einen effektvollen Wendepunkt im Film. Die porträtierte Beziehung ändert sich; nicht nur die im Film vorgetragenen Briefe aneinander werden facettenreicher. Das auch durch zahlreiche Weichzeichnungen und Überraschungsperspektiven effektvoll bebilderte Liebesdrama ist bis in die Nebenrollen prominent besetzt. Isabella Rosselini mimt die strenge, wachsame und einschüchternde Mutter Vitas. Oscarpreisträgerin Emerald Fennell spielt die selbstlose und besorgte Schwester Virginias, die Malerin Vanessa Bell. Rupert Penry-Jones ist als eifersüchtiger und nichtsdestotrotz selbst zu Männern hingezogener Gatte Vitas ein schmucker Hingucker. Peter Ferdinando hat als Virginias Gatte Leonard ein wachsam liebendes Auge auf Virginia, weiß jedoch auch misogynen Vorurteilen von Virginias Hausarzt zartfühlend Contra zu geben. Die DVD wird durch Extras bereichert, die Interviews mit der Regisseurin, den beiden Hauptdarstellerinnen und fünf der Nebendarsteller bieten.
Ansgar Skoda - 9. Oktober 2021
ID 13197
https://www.kochmedia-film.de/


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