Ins Offene
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Bewertung:
Bruce LaBruce ist ein kontroverser und umstrittener Regisseur. Seine Underground- und Avantgarde-Filme brechen mit Tabus. Der 62jährige Kanadier zeigt gesellschaftlich unmögliche Liebe und Sexualitäten und zelebriert auch Nacktheit im Alltag. Seine anarchisch oder revolutionär anmutenden Filme verstören, provozieren, queeren und lösen Kontroversen aus.
In The Visitor (2024, nun auch auf DVD erschienen) borgt sich LaBruce die Grundkonstellation bei Pier Paolo Pasolinis Klassiker Teorema – Geometrie der Liebe (1968). Ein Eindringling konfrontiert eine vierköpfige Familie mit erotischem Avancen und einem Spiel der libidinösen Ebene. Während Pasolini sein Drama in einer Mailänder Industriellenfamilie verortet, perspektiviert LaBruce die Geschichte in London mit Reflexionen einer eigenen Bildlogik.
LaBruce arbeitet mit fragmentarischen oder viergeteilten Bildern, Farbveränderungen, einem Flackern, Weichzeichnungen und wackelnden Einstellungen (Schnitt: Judy Landkammer). Anfangs fokussiert Jack Hamiltons Kamera einen bewegten Koffer, aus dem jemand heraustritt. Ein geheimnisvoller nackter Schwarzer (Bishop Black) wurde hier, sozusagen als Einwanderer, in einem Koffer angespült. Unterlegt ist dieses Eintreffen mit einer menschenverachtenden Radioansprache, in der Migranten mit auszurottendem Ungeziefer verglichen werden. Der Visitor klopft an die Tür der luxuriösen Villa einer wohlsituierten Familie. Der Unbekannte baut sowohl zur Dienstbotin (Luca Federici) als auch zum athletischen Familienvater (Macklin Kowal), zur freizügig-liederlich gekleideten Mutter (Amy Kingsmill), zur bärtigen Tochter (Ray Filar) und zum langhaarigen Sohn (Kurtis Lincoln) eine libidinöse Beziehung auf.
Es entspinnt sich ein Reigen, mit überraschender Derbheit gewürzt. Feine Schnitte und Bildideen verbinden ein Nebeneinander von Körperlichkeit, Unterwerfung, Freiheit und Ekstase. Es geht um Selbstverlust, Hörigkeit und fragile Entschlossenheit. Im Filmteam choreografiert eine italienische „Intimitätskoordinatorin“, Lidia Ravviso, archaische Bildfantasien, die jedwede Wirklichkeit verweigern. Mit bizarren Einfällen spielt LaBruce hier auf der B-Movie-Klaviatur seines Exploitation-Kinos. Neben Orgien, demütig-unterwürfigen Partnering, gibt es auch Fußfetischismus zu bestaunen; oder libidinöse Begegnungen in einem Kirchenraum. Sinnliche Bewegungen und Blicke eröffnen sich, wenn die Figuren unmittelbar aufeinander reagieren, mit sichtbarer Lust und gegenwärtig, voller Glut. In der Filmfamilie werden Bedeutungen neu ausgehandelt, gemeinsame Räume neu kreiert.
Die Figuren, allesamt ein bisschen Tagträumende, sprechen dabei wenig miteinander. Die Ästhetik wird durch einen tragenden Score mit elektronischer Beat-Musik von Hannah Holland & Manuela Schinina unterlegt. Dialoge werden oft eingeblendet und bestehen aus plakativen Parolen. Zeitlupen oder ein Verweilen der Kamera sorgen für kontemplative Momente des Erwachens. Der muskulöse, schwarze Visitor gibt sich am Ende als pansexueller Revolutionär aus. Er verschwindet ebenso schnell wieder, wie er gekommen ist.
The Visitor ist selbstironisches Kino mit Lust an tätowierten Körpern, Make-up und allerlei gewagten Kostümierungen. In dem kreativen, frechen und überdrehten Film entdecken die Figuren Energien und gewinnen neues Selbstbewusstsein, um dann doch grausam und wenig vorhersehbar zu verzweifeln. The Visitor ist eine uferlose Geschichte voller Pathos; schlussendlich ist das Gezeigte jedoch auch recht unerheblicher, naiver und verträumter Trash. In Erinnerung bleibt vor allem LaBruces’ sichtliches Interesse am Abgründigen.
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The Visitor | (C) Salzgeber
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Ansgar Skoda - 30. Januar 2026 ID 15673
Weitere Infos siehe auch: https://salzgeber.de/visitor
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