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DVD-Kritik

Nach einer

wahren Lüge



Bewertung:    



Als die chinesisch-amerikanische Filmemacherin Lulu Wang hörte, dass ihre eigene Großmutter unheilbar an Lungenkrebs erkrankt sei und nur noch drei Monate zu leben habe, beschlossen sie und ihre Familie, es der alten Dame zu verschweigen. Die daraus entstandenen Konflikte verarbeitete Wang in ihrem Drehbuch zu The Farewell, bei dessen Verfilmung sie die Regie führte und 2019 einen großen Erfolg in der Independent Filmszene erzielte.

Die Großmutter Nai Nai (Shuzhen Zhao) lebt in China, als die Familienmitglieder die Nachricht ihrer Krebserkrankung erhalten. Sie arbeiten teils in China, in Japan und in den USA und überlegen, wie man ein Treffen der Großfamilie arrangieren kann, ohne das Nai Nai (chinesischer Kosename für Großmutter) den wahren Grund mitbekommt, dass alle sie nämlich nochmal sehen und sich von ihr verabschieden wollen. Also wird eine Fake-Hochzeit eines ihrer Enkelkinder inszeniert, zu der alle anreisen. Am härtesten getroffen ist Nai Nais erfolglose Enkeltochter Billi (Schauspielerin und Rapperin Nora Lum aka Awkwafina), die in New York lebt, mit 30 Jahren immer noch nicht unter der Haube ist, und der gerade ein Stipendienantrag abgelehnt wurde. Billi hängt am meisten an Nai Nai, und die Familie ist besorgt, dass die emotional überwältigte Außenseiterin sich so benimmt, dass die Großmutter den wahren Grund für das Manöver mitbekommt.

In der Tat gibt es Momente, in denen Nai Nai misstrauisch wird, da ihr aber immer wieder versichert wird, dass sie nichts Schlimmes hat, lässt sie sich beschwichtigen. In China ist es verbreitet, Sterbenskranken ihren Zustand zu verschweigen. Für eine chinesische Familie ist es eine Art Ehrensache, die Bürde des Wissens für die Person zu tragen, mit allen Ängsten, der Verzweiflung und den Täuschungen. Ein Arzt sagt im Film, dass die Angst vor dem Tod genau so schlimm wäre, wie der Krebs selbst. Im Osten ist das Leben eines Menschen Teil eines Ganzen. In den USA ist das anders, wo der Mensch als Individuum gilt und die Doktoren verpflichtet sind, es den Erkrankten zu sagen. Zwischen diesen beiden Polen spielt sich die Handlung ab, in der es trotz des traurigen Hintergrunds durchaus turbulent und lustig zugeht. Denn die liebe Omi Nai Nai blüht während der Hochzeitsvorbereitungen auf, und es macht der Matriarchin sichtlich Spaß, die Leute herumzukommandieren.

Auch die Filmmusik des New Yorker Komponisten Alex Weston ist eine Mischung aus Ost und West mit klassischen Streicherklängen, Chorgesängen und Pop, eine Reflexion gegensätzlicher Strömungen, aber auch vieler Gemeinsamkeiten. Wang gelingt ein Balanceakt zwischen Lüge und Wahrheit, Trauer und Freude, und gleichzeitig eine Feier des Lebens und des Abschiedsschmerzes.

Die Risiken und Nebenwirkungen des Aufeinandertreffens einer großen Familie unterscheiden sich in West und Ost kaum. Lange Reden während der Hochzeitfeier, grenzwertiges Karaoke-Singen, übermäßiger Alkolholgenuss sind weit verbreitet. Dann kommt allerdings das Aufstellen zum gemeinsamen Familienfoto, von dem viele wissen, dass es wohl das letzte sein wird, und das hat dann schon tragische Züge. - Ausgerechnet eine Friedhofsszene beim Besuch des verstorbenen Großvaters gerät dann skurril, denn sie streiten sich über den Ablauf der Rituale. Welche Gaben werden wie arrangiert, wie viele Verbeugungen und Anrufungen des Verstorbenen, da gehen die Meinungen auseinander. Interessanterweise sind die Exilchinesen altmodischer als die in China lebenden, denn sie können mit der rasanten Entwicklung in China gar nicht Schritt halten.

The Farewell ist eine warmherzige Dramödie über die Familie und andere Widrigkeiten, die stellenweise fast dokumentarische Züge trägt. Der Film ist zum Teil auch an den Originalschauplätzen von Wangs echter Familie gedreht, was zur Authentizität beiträgt. Die Schauspielkunst von Awkwafina als Billi ist auf jeden Fall ganz großes Kino, und die Darstellerin der Nai Nai Shuzhen Zhao ist zwar seit 60 Jahren Schauspielerin, aber bislang eher aus dem Fernsehen bekannt. Die charmante Dame gibt mit 75 Jahren ihr Kinodebüt.



Billi (Awkwafina) und ihre Großmutter (Shuzhen Zhao) stehen sich sehr nah | © DCM Film Distribution GmbH

Helga Fitzner - 17. April 2020
ID 12168
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