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DVD-Kritik

Geheimnisvolle

Autorenschaft



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Der Stern des Literaturpapstes Jean-Michel Rouche (Fabrice Luchini) ist plötzlich im freien Fall. Stein des Anstoßes ist das ursprünglich abgelehnte Manuskript eines literarisch wertvollen Romans, das nicht er, sondern seine eifrige Assistentin Daphné Despero (Alice Isaac) entdeckt und groß herausgebracht hat. Dessen Autor soll der einfache Pizzabäcker Henri Pick gewesen sein, was der in seiner Ehre gekränkte Jean-Michel nicht glauben kann und will. In seiner Tragikomödie Der geheime Roman des Monsieur Pick nimmt der französische Regisseur Rémi Bezançon etliche Facetten des Literaturbetriebs unter die Lupe.

Pick ist vor zwei Jahren verstorben und kann nicht mehr befragt werden, aber die Geschichte schlägt riesige mediale Wellen, und als Jean-Michel dessen Witwe während eines Fernsehinterviews mit seinen Zweifeln konfrontiert, wird er vom Sender gefeuert. Damit nicht genug ist Jean-Michels Ehefrau begeisterte Anhängerin des Buchs und wirft ihren grantelnden Ehemann kurzerhand aus der gemeinsamen Wohnung. Dieser hat die Lage sehr unterschätzt: Früher hatte er als Koryphäe die Macht, junge AutorInnen zu unterstützen oder zu vernichten, doch nun zählt seine Expertenmeinung nicht mehr so viel, denn die Leserschaft ist von der Pizzabäcker-Story so fasziniert, dass der Roman und seine literarische Qualität zweitrangig geworden sind. Das wird auch von einem entsprechenden Marketing gelenkt.

Nun hat Jean-Michel unfreiwillig viel Zeit, der Sache nachzugehen. Es geht ihm nicht nur darum recht zu haben: Alles, was sein Leben bislang ausgemacht hat, steht auf dem Prüfstand. Seine langjährige Expertise lässt keinen anderen Schluss zu: Henri Pick wurde nie dabei gesehen, wie er Literatur gelesen oder geschrieben hätte, demnach kann er keine fortgeschrittenen literarischen Fähigkeiten erworben haben, geschweige denn einen Einblick in die russische Literatur gewonnen und literaturgeschichtliche Anspielungen verfasst haben, die in den Roman eingeflossen sind. Jean-Michel bereist nun einen von Paris weit entfernten Winkel in der Bretagne, wo das Manuskript gefunden wurde. Dort wird er sich des Wirbels um das Buch erst richtig bewusst. Der Fundort ist ein winziges Archiv, die „Bibliothek der abgelehnten Bücher“, in der Manuskripte gelagert werden, die nie veröffentlicht wurden. Das kleine Zimmer ist nun zum Pilgerort avanciert und zieht Touristen an. Henri Picks Pizzeria wurde von einem Crêpes-Bäcker übernommen, der nun aber ständig Pizza machen muss, weil die Besucher das verkannte Genie mit einer Pizza feiern wollen.

Jean-Michel recherchiert nun, wer in der Gegend als wahrer Autor in Frage käme und geht dabei eine unfreiwillige Allianz mit Picks Tochter Joséphine (Camille Cottin) ein, deren Familie erheblich in ihrer Ruhe gestört ist. Beide haben kaum kriminalistischen Spürsinn, finden aber die Russin Ljudmilla (Hanna Schygulla), die das Vorbild für die im Roman beschworene große Liebe sein könnte. So entwickelt sich die Geschichte gegen Ende zu einem kleinen Krimi und der „Täter“, sprich Autor, ist... Bezançon verwebt Wahrheit, Fiktion und Mythos geschickt miteinander und zeigt auf augenzwinkernde Art die Macht des Marketings und die dadurch drohende Nivellierung und den Qualitätsverlust von Buchinhalten.

*

Ein winziges Beispiel für diese Entwicklung ist auch der deutsche Verleihtitel dieses Films, der etwas irreführend ist und dem Filminhalt nicht gerecht wird. Es gibt derzeit eine Häufung von „Monsieurs“ in deutschen Titeln französischer Filme, die aber eine Erwartungshaltung auf Komödien und leichtere Unterhaltung evozieren. Das trifft für Das Geheimnis des Henri Pick, wie der Originaltitel in einfacher Übersetzung heißen würde, nicht zu. Fabrice Luchini [Molière auf dem Fahrrad, 2014] ist einer der hochkarätigsten Mimen seines Landes und glänzt durch subtiles Spiel und Zurückgenommenheit. Der Film hallt auch nach, denn einerseits ist es traurig, dass umfassende Sachkenntnis und die eigentliche Qualität eines künstlerischen Produkts heute oft in den Hintergrund treten angesichts von teils überbordenden Marketingstrategien. Auf der anderen Seite ist da die Tragik unveröffentlichter Bücher, die wegen der Promotion und Fortführung von bekannten und bereits erfolgreichen Produkten nie den Weg in die Druckerei schaffen. Insgesamt ist der Film eine vernügliche Hommage an die Literatur und die Widrigkeiten, deren Niveau und inhaltliche Relevanz zu erhalten.



Ljudmilla (Hanna Schygulla) könnte das Vorbild für die große Liebe im Roman sein, Joséphine (Camille Cottin) und Literaturkritiker Jean-Michel (Fabrice Luchini) befragen sie. | © Roger Arpajou

Helga Fitzner - 18. Mai 2020
ID 12247


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