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DVD-Kritik

Jenseits der

Bourgeoisie



Bewertung:    



Seit Beginn der Filmgeschichte hat es in fast allen nationalen Filmkulturen immer wieder einzelne Werke und ganze Epochen und Genres gegeben, deren Protagonisten Arbeiter und die Themen deren Erfahrungen und Probleme waren. Insgesamt aber ist der Film ein ebenso bürgerliches Medium wie das Theater. Die Bourgeoisie und ihre Lebenswelt ist in ihm augenfällig überrepräsentiert. Sie kommt im Film, im Vergleich zum Proletariat, deutlich häufiger vor als in der Realität.

Im britischen Film des vergangenen halben Jahrhunderts sind es zwei Regisseure, die durch ihre Neigung zur Arbeiterklasse herausragen: Ken Loach und der sieben Jahre jüngere Mike Leigh. Jetzt ist eine Box mit fünf seiner Spielfilme aus den Jahren 1996-2014 erschienen. Um die ganze Breite von Leighs Schaffen zu ermessen, müsste man freilich Filme wie etwa Naked und Topsy-Turvy hinzufügen.

Um den extremen Realismus zu erzielen, der seine Filme, wie die von Ken Loach, auszeichnet, hält Mike Leigh den Handlungsverlauf vor seinen Schauspielern zurück. Sie kennen nur ihre eigenen Rollen und werden von den Dialogen und dem Verhalten ihrer Partner überrascht. Dabei lässt Leigh, vergleichbar dem älteren Amerikaner John Cassavetes, im Vorfeld, für das er sich viel Zeit nimmt, improvisieren und hinzu erfinden. Ähnlich wie bei Robert Altman oder bei Denys Arcand bestehen Leighs Filme meist aus mehreren parallelen Geschichten, die nur lose oder gar nicht zusammenhängen und oft Fragmente bleiben.

Während die übrigen Filme der Auswahl, außer Mr. Turner, einem Kostümfilm im strengen Sinn, was die Engländer „Period Picture“ nennen und mit großer Sorgfalt pflegen, und in dem sich die meisterliche Kamera und die Lichtgestaltung von Dick Pope der Malerei von William Turner anverwandeln, in der Gegenwart spielen, versetzt Vera Drake von 2004 in die frühen fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Das Thema des Films ist das selbe wie in Friedrich Wolfs Drama Cyankali von 1929: die illegale Abtreibung. Während Wolf jedoch die Perspektive der Frauen einnimmt, die abtreiben lassen, versetzt sich Mike Leigh in die Problematik der Frau, die sich als Helferin von Schwangeren sieht, deren soziale Lage keine andere Möglichkeit zulässt als eben die illegale Abtreibung, für die sie kein Geld nimmt, und die am Ende zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wird. Die letzte Einstellung zeigt ihre Familie, die ohne sie schweigend um den Tisch herum sitzt. Ihr gehört die Sympathie des Regisseurs. Dabei verzichtet er auf polarisierende Zuspitzung. Der Kriminalkommissar, der Vera Drake verhört, ist kein Unmensch. Er tut lediglich seine Pflicht in Befolgung der damals herrschenden Gesetze. Wie Friedrich Wolf erkennt Mike Leigh die Ungerechtigkeit einer Gesellschaft, in der Wohlhabenden Türen offen stehen, die den Armen verschlossen bleiben. Aber er sieht nicht nur in den Frauen Opfer, die sich der Inanspruchnahme von illegaler Hilfe „schuldig“ machen, sondern auch in jenen, die ihnen helfen.

Das Gegenbild zur Schlusseinstellung von Vera Drake ist das Ende von Another Year, in dem die verzweifelte und überspannte Mary (überwältigend: Lesley Manville) im Kreis der befreundeten Familie von Gerri (Ruth Sheen) und Tom (Jim Broadbent) zu sich und möglicherweise zu einem inneren Frieden zu finden scheint. Und einmal mehr demonstriert Mike Leigh, was den Film – nicht nur den Stummfilm, für den Béla Balázs die Theorie umrissen hat – von allen anderen Künsten unterscheidet: die Sprache des Gesichts in der Großaufnahme.

Uneinheitlich wie das thematische Material in Leighs Filmen ist auch die Cinematographie. Die Kamera wechselt zwischen extrem langen „two shots“ – unvergessen die Einstellung in Secrets & Lies (dt.: Lügen und Geheimnisse), in der sich Cynthia (Brenda Blethyn) in einem tristen Restaurant zum ersten Mal mit ihrer erwachsenen Tochter Hortense (Marianne Jean-Baptise) trifft, die sie gleich nach der Geburt zur Adoption frei gegeben hat, und sich plötzlich erinnert, dass sie eine folgenreiche Affäre mit einem Farbigen hatte – und Schnitt-Gegenschnitt-Passagen. Der Rhythmus trägt viel bei zu der vorherrschenden depressiven Stimmung, die nur gelegentlich durch hoffnungsvolle und sogar durch komische Momente unterbrochen wird.

Übrigens gibt es wenig Regisseurinnen, die Frauen, zumal aus der sogenannten Unterschicht, so einfühlsam, so präzise abgebildet haben wie Mike Leigh. Gerade der Verzicht auf Idealisierung macht seine Filme so ungemein menschlich und letzten Endes emanzipatorisch: in Hinblick auf die soziale Lage und in Hinblick auf das Geschlecht. Die Frauen in Leighs Filmen sehen nicht aus wie Covergirls von Vogue oder Cosmopolitan und verzichten damit auf die übliche Diskriminierung von Geschlechtsgenossinnen, die deren Schönheitsideal nicht entsprechen.

Im Bonusmaterial geben die Darsteller, von denen einige, ebenso wie Dick Pope, in mehreren Filmen Mike Leighs mitgewirkt haben, sowie der Regisseur selbst Auskunft über seine Arbeitsweise. Sie relativiert die Bedeutung des Drehbuchs, das Syd Field, beispielsweise, die TV-Dramaturgien, die nichts so sehr fürchten wie das Risiko, und manche Filmschulen zum Dogma erhoben haben.
Thomas Rothschild – 12. Dezember 2021
ID 13354
https://www.studiocanal.de/


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