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DVD-Kritik

Dem Freunde

das Herz



Bewertung:    



„Ähm, Max. Ich weiß ja, du magst keine großen Reden. Ich mache es kurz und schmerzlos. Ähm. Es wird komisch sein, ohne dich. Aber gleichzeitig, mein Gott. Wie soll ich das sagen. Es wird komisch sein ohne dich. Aber wenn du zurückkommst, ist es alles anders, mit einer ganz neuen Energie. Ganz sicher wirst du dort drüben tolle Erfahrungen und vieles mehr machen und um einiges reicher zurückkehren. Du wirst uns sicher hier fehlen, und damit meine ich uns allen hier.“


Mit vielen Pausen verabschiedet Matthias (kurz „Matt“: Gabriel D’Almeida Freitas) leicht verschämt bei einer Privatfeier seinen Freund aus Kindheitstagen, Maxime (kurz „Max“: Xavier Dolan). Beiden Endzwanzigern fällt es schwer, einander in die Augen zu schauen. Die Gastgeberin des Abends, Matts Mutter Francine (Micheline Bernard) moniert erstaunt, sie seien sonst eloquentere Reden von Matt gewohnt. Matts Freundin Sarah (Marilyn Castonguay) fragt ihn später im Auto, ob er wirklich glaube, dass seine Rede zu Max‘ Abschied irgendjemanden gefallen haben könnte. Ihre Frage bleibt unbeantwortet.

Max möchte seinen langjährigen Freundeskreis für zwei Jahre verlassen, um in Australien als Kellner zu jobben. Wenige Wochen vorher haben sich Matt und Max innig vor der Kamera geküsst, für eine Wette und ein Filmprojekt von Matts Halbschwester. Im Filmverlauf wird beiden Freunden langsam klar, dass sie doch innigere Gefühle füreinander hegen könnten, als nur freundschaftliche. Der Abschied fällt schwerer, als noch geglaubt.

Der 32jährige Xavier Dolan mimt in Matthias & Maxime (2019) nicht nur eine der Titelrollen, er besorgte auch die Regie, das Drehbuch, die Produktion und Montage. Der behutsame Liebesfilm, der jetzt auch auf DVD erschien, ist nach Einfach das Ende der Welt (2016) und Sag nicht, wer du bist (2013) ein erneuter Geniestreich des Kanadiers. Das Drama ist dicht komponiert, mit andeutungsreichen, atmosphärischen Bildern und einem stimmungsvollen Soundtrack.

Xavier Dolan trägt als Maxime ein Feuermal im Gesicht. Es könnte symbolhaft für ein Zeichen des Makels stehen. Auf einer Party nennt Matt seinen Freund Max boshaft „Tintenfleck“, um ihn zu verletzen. Niemand lacht; es herrscht betretendes, bedeutungsvolles Schweigen. Matt arbeitet erfolgreich als Anwalt, wohingegen Max scheinbar keiner geregelten Arbeit nachgeht und im Gegensatz zu Matt auch beziehungslos ist. Während sich Francine als liebevolle Mutter um das Wohlergehen ihrer Kinder bemüht, hat Max eine boshafte, egozentrische, hilfsbedürftige und alkoholkranke Mutter. Manon (Anne Dorval) raucht im Schlafrock Kette, während sie ihren Sohn anblafft. Übergriffige Mütterfiguren kennen Cineasten bereits aus Dolans Filmen I killed my mother (2009) und Mommy (2014), in denen auch jeweils Anne Dorval die weiblichen Hauptrollen spielte. In Matthias & Maxime ist Dorval erneut ein Ereignis, wenn ihre Manon manipulativ und ausfallend den Sohn verletzt und beleidigt. Max möchte die Vormundschaft über seine Mutter an eine Tante abgeben, um ins Ausland gehen zu können. Doch auch die Tante erscheint nur bedingt belastbar.

Dolan spielt mit lebendigem und ausdrucksvollem Gesicht die Verzweiflung und Scham eines jungen Mannes, der nicht wirklich weiß, wohin er gehört. Auch Gabriel D’Almeida Freitas mimt seine Figur des Matt ausdrucksstark, wenn er tatsächliche Gefühle sichtlich verlegen überspielt. Zurückhaltend und subtil wird die Verbindung zwischen Matt und Max atmosphärisch aufgeladen. Auch die Nebenfiguren der Alltagskontakte der beiden sind exzellent besetzt. Das Drama erscheint bis ins Detail sorgsam durchkomponiert, einige Szenen wirken sogar rhythmisch zur stimmungsvollen Musik choreographiert. Mal erleben wir affektierte Partybesucher im Slow Motion beim Kiffen und Pantomime-Ratespiel, dann sehen wir, wie eine Obdachlose im Schlafsack liegend Zeichen in die Luft malt. Das Unausgesprochene zwischen Max und Matt ist von Anfang an da. Andeutungsreich wird es bald immer stärker und deutlicher, bis es den ganzen Film einnimmt. Ganz große Kunst.
Ansgar Skoda - 22. Dezember 2021
ID 13376
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