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DVD-Kritik

Challenge accepted - Urbaner Tanz zur Resozialisierung



Bewertung:    



Katja von Garnier machte vor 24 Jahren mit dem Kultfilm Bandits auf sich aufmerksam. Der Musikfilm handelte damals von einer Frauenband, die aus dem Gefängnis flieht. Auch ihr Tanzfilm Fly (2021) erzählt von der Selbstverwirklichung einer gerade eingelieferten, jungen Gefängnisinsassin. Als Reunion wurde Fly beworben, denn die heute 55jährige Regisseurin besetzte erneut die prominenten Darstellerinnen ihres Bandits-Cast: Jasmin Tabatabai, Katja Riemann und Nicolette Krebitz. Wie bereits Bandits wartet Fly mit gebrochenen Charakteren, sozialen Dynamiken, einer schnell geschnittenen Musikvideoclip-Ästhetik und einem starken Soundtrack (Songs u.a. von Kelvyn Colt, Anderson Paak, Lenny Kravitz feat. Busta Rhymes) auf. Fly schaffte es in die Vorauswahl für den Deutschen Filmpreis 2022, der am 24. Juni verliehen wird.

Die 20jährige, rebellische Bex (Svenja Jung) sitzt in ein Berliner Gefängnis. Die Pädagogin Sara (Nicolette Krebitz) und Anwältin Dr. Goldberg (Katja Riemann) lassen die provokative Einzelgängerin wählen zwischen zwei Optionen der Resozialisierung. Bex kann Müll im Park aufsammeln oder an einem experimentelleren Resozialisierungsprogramm der Tanztrainerin Ava (Jasmin Tabatabai) teilnehmen. Ava versucht unter ihren Programm-Teilnehmenden, athletische und Street Dance-begeisterte Einzelgänger, eine Gemeinschaftsdynamik zu entwickeln. Bald schickt sie ihre Truppe während wöchentlicher eintägiger Ausgänge zu urbanen Tanz-Battles. Bex öffnet sich langsam ihren Mitmenschen und beginnt eine Romanze mit einem Mittänzer, Jay (Ben Wichert). Doch die junge Frau wird unvermittelt von einem Trauma der Vergangenheit eingeholt, einem fahrlässigen Unfall, bei dem sie eine andere Person fast umgebracht hätte.

Die zerbrechliche, zurückhaltende, aber trotzige Bex, facettenreich und ausdrucksstark verkörpert von Svenja Jung, ist zentrale Hauptfigur des Films. Die drei Bandits-Hauptdarstellerinnen fungieren nur in Nebenrollen, doch Figurenzeichnungen erinnern sehr an Bandits: Nicolette Krebitz gerät als verpeilte, überforderte, lässig-fröhliche und flirtfreudige Pädagogin Sara beruflich in eine Klemme. Sie steigt in das Taxi ihrer taffen Freundin Ava und heuert prompt die powervolle, besonnene und konzentrierte, aber beruflich unterforderte Freundin an. Die Blicke der beiden Frauen sprechen Bände, wenn Sara Ava überredet, sie als Tanztrainerin einzusetzen. Bildmotive erinnern hier an Rivalitäten im Kultfilm Bandits. Im Handlungszentrum steht jedoch vor allem die sich anbahnende Romanze zwischen Bex und Jay. Der Gefängnisalltag erscheint ein bisschen realitätsfern, wenn etwa Jay ausgerechnet mit der Zitation von Rilkes Der Panther Bex Interesse weckt. Auch einige Wendungen sind wenig glaubwürdig und klischeehaft, wenn zu Filmanfang ein ambitionierter Tanzlehrer (Andreas Pietschmann) die Häftlinge nicht disziplinieren kann und selbst provoziert und gedemütigt wird. Eine Homophobie liegt hier inhaltlich eigentlich nahe, wird aber geflissentlich umgangen, denn die Inhaftierten quälen sich mit ihren Selbstzweifeln laut Drehbuch von Daphne Ferraro ja vor allem selbst, und nicht andere Menschen.

Ava baut Vertrauen auf, indem sie ihre Schützlinge tänzerisch Elemente wie Feuer-Wasser-Erde-Luft darstellen lässt und keine Vorschriften, sondern Hilfestellungen gibt, wie sie selbst erklärt. Bald tanzen Avas Schützlinge im Museum oder nach dem Ziehen von Wartenummern während amtlicher Gänge, einer sogar als Dönerbuden-Verkäufer. Avas mentorinnenartige Ansprachen gegenüber Bex muten betont didaktisch an: „Warum ich will, dass ihr euch zeigt; weil Menschen, die einen Fehler gemacht haben, dazu neigen, sich zu verstecken.“ Oder sie rät: „Selbstbestrafung ist nicht der Weg, mit Fehlern umzugehen; sondern sie sich zu vergeben.“ Dabei ist tatsächlich wohl eher in den meisten Fällen eine mangelnde Einsichtsfähigkeit der eigenen Schuld das Problem. Bei genretypischen, späteren Wettbewerben geht es natürlich nicht um das Gewinnen, sondern um Synergien und darum „Austausch und Spaß“ zu haben.

Flotte, moderne Tanzmoves und -choreographien der Berliner Breakdance-Gruppe Flying Steps bereichern den recht vorhersehbaren Tanzfilm. Situationskomik und unterhaltsame Figurenzeichnungen halten sich mit bemüht tiefgründigen und manchmal hölzernen Szenen die Waage. Im Bonusmaterial spricht Katja von Garnier über die Auswahl und Besetzung der Nachwuchsdarsteller und jungen Tänzer. Neben Hip-Hop-Freestyle-Weltmeister Ben Wichert sticht im Ensemble auch der international renommierte, 29jährige kurdische Tänzer und Schauspieler Majid Kessab hervor.
Ansgar Skoda - 3. Mai 2022
ID 13606
https://www.studiocanal.de/dvd/fly


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