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Kommentar


Triumph der Eventkultur

Immer mehr Festivals, aber immer weniger Kinos in Deutschland

Mehr als zwanzig Filmfestivals werden mittlerweile in Deutschland zwischen dem 1. - 20. November abgehalten – zählt man Österreich und die deutschsprachige Schweiz noch hinzu, tendiert die Zahl sogar Richtung dreißig. Für die jeweiligen Städte, darunter Wien, Stuttgart, Biberach, Duisburg, Mannheim, Neubrandenburg, Cottbus, Lübeck, Braunschweig, Kassel, Osnabrück sowie Berlin und München, wo ohnehin fast andauernd Festivals stattfinden, und das örtliche Publikum ist das natürlich grundsätzlich eine feine Sache: Fast alle diese Festivals sind im regionalen Kulturleben fest verankert und die Stammgäste fiebern ‚ihrem Festival‘ meist schon entgegen. Die Besucherzahlen sind meistens erfreulich hoch – bei den Nordischen Filmtagen Lübeck mit neuen skandinavischen Filmen z. B. 27.000 Tickets in nur viereinhalb Tagen – und die Stimmung entsprechend gut.

Doch eine von vielen Lokalpolitikern und Sponsoren angestrebte, überregionale Berichterstattung ist angesichts der Überschneidung der Festivals nicht mehr möglich. Auf die vermeintlich so wichtigen Branchenvertreter und Journalisten wird keine Rücksicht genommen: Nun hat auch noch die Leitung von Deutschlands größtem Dokumentarfilmfest in Leipzig angekündigt, von Oktober auf den November umzusteigen. Von Absprachen keine Spur. Die Festivalorganisatoren sehen die Entwicklung naturgemäß entspannter und bestätigen, dass sie von einer immer stärkeren Ausdifferenzierung des Publikums leben. Die Terminprobleme dieses organisierten Wahnwitzes mögen ‚lediglich‘ die Journalisten sowie einige Redakteure, Produzenten und Distributoren betreffen. Schwerer wiegt indes, dass zwar die Zahl an Festivals ansteigt, die Zahl der Kinos bzw. Leinwände in Deutschland aber kontinuierlich sinkt.

Die Event-Kultur, also das punktuelle Buhei innerhalb weniger Festivaltage, siegt über die mühsame Fleißarbeit, die Kinobesitzer tagein-tagaus betreiben müssen. Dr. Michael Kötz, seit zwanzig Jahren Leiter des neben der Berlinale zweitältesten und renommiertesten Filmfestivals in Deutschland, des heutigen internationalen Filmfestes Mannheim-Heidelberg (früher: Filmwoche Mannheim), hat keinen Zweifel: „Die Festivals haben teilweise die Funktion der früheren Programmkinos übernommen.“ Manche Kinobetreiber hätten „die Intensitätsstärke und Ernsthaftigkeit für die Filmkultur“ aufgegeben – „nicht gerne und nicht freiwillig. Die Veränderungen bei den Programmkinos geschahen, weil die Kinogänger im Alltag immer weniger bereit waren, sich auf Filmkunst einzulassen. Die Kinos mussten sich anpassen, wenn sie nicht untergehen wollten“, so Kötz.

Als einstiger Mitstreiter einer Politisierung des Kinos in den sechziger Jahren ist der Mannheimer noch heute ein strenger Verfechter der Hochkultur – also des intellektuellen Autorenfilms – und hat den Verzicht auf gefälligen Mainstream und medienwirksamen Glamour und Starkult auch im 60. Jubiläumsjahrgang Mitte November tapfer durchgezogen: "Nur wer sichtbar machen kann, dass er die Aufgabe des Programm-Kuratierens ernst nimmt, wird in Zukunft vielleicht gegenüber den Multiplexen als Alternative bestehen können“, zeigt sich Kötz überzeugt.

„Programmkinos sollten Festivalfilme nicht als Konkurrenz sehen, sondern deren Existenz als Herausforderung, gemeinsam die Filme ans Publikum zu bringen. Dafür sind mehr Absprachen zwischen Festivalleitern und den Kinos nötig.“ Ein einzelner Festivaldirektor könne den Trend zur „ökonomischen Verwertbarkeit“ zwar nicht durchbrechen – aber man könne „sich bekannt dafür machen, es nicht mitzumachen“, so Kötz‘ Credo. Wie auch auf anderen Festivals lockte das Mannheimer Programm ein Publikum in die Säle, das sich vor sperrigen oder ästhetisch ungewöhnlichen Filmen nicht scheut. Für die Verleiher sind viele Festivals mit ihrem eher bildungsbürgerlichen, in der Altersstruktur gemischtem Publika daher „ein guter Gradmesser für den späteren Einsatz“ dieser oder ähnlicher Filme in den Großstädten, betont Torsten Frehse, Geschäftsführer des Berliner Filmverleihs „Neue Visionen“, die zurzeit z.B. den Dokumentarfilm über den Dichter Thomas Brasch vertreiben.
Auf dem Braunschweiger Filmfest – auch schon im 25. Jahr – ließ Festivaldirektor Volker Kufahl mit Kolleginnen und Kollegen die Frage diskutieren, was für eine Zukunft die Filmfeste haben, wenn die Eventkultur weiter wuchert. Kufahl selbst wirkte dem Massensterben der kleinen Braunschweiger Kinos – sechs sind nach der Eröffnung eines Multiplexes mit acht Sälen unwirtschaftlich geworden – entgegen, indem er mit Mitstreitern ein mit zwei Sälen bestücktes Kino für anspruchsvollere Kost, das „Universum“, übernommen hat. So kann er auch übers Jahr jenes alternative Programm zeigen, mit dem er das Festival bestückt. Eine zukunftsträchtige Strategie? „Für uns in Braunschweig hat es sich bislang als erfolgreich erwiesen“, sagt Kufahl.

Anderswo wird die Programmvielfalt zunehmend kleiner – selbst in Millionenstädten wie in München und Hamburg, wo im vergangenen Jahr mehrere Kinos ersatzlos schließen mussten, aber auch in der Kinohochburg Berlin, wo eine Privatinitiative von Filmfans derzeit verzweifelt versucht, das Charlottenburger Traditionshaus „Kurbel“ zu retten, das nach dem Willen des Vermieters wie so viele Kinos einem lukrativeren Kleidergeschäft weichen soll. Anders als Opern und Theater, die – selbst wenn sie privatwirtschaftlich betrieben werden –, grundsätzlich als Orte des Kulturschaffens als subventionswürdig gelten, bleiben Kinos meist gänzlich den privatwirtschaftlichen Entwicklungen in den jeweiligen Städten überlassen.



(siehe HP unten!)


Max-Peter Heyne - red. 5. Dezember 2011 (3)
ID 5522

Weitere Infos siehe auch: http://www.rettetdiekurbel.blogspot.com/


E-Mail an Max-Peter Heyne



 

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