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Fazit

Das 30. Festival des osteuropäischen

Films in Cottbus findet im Corona-Jahr

als 4-wöchige Online-Ausgabe statt



Noch im Oktober war man guter Dinge, dass das 30. FILM FESTIVAL COTTBUS als geteilte Präsenz- und Online-Ausgabe stattfinden kann. Das Jubiläum sollte zumindest für das treue Cottbuser Publikum im Kino erlebbar sein. Aber auch eine vorsorgliche Verlegung in den Dezember konnte das Festival nicht vor dem nächsten Corona-Lockdown retten. Was erst als Notbehelf gedacht war, erwies sich nun als großes Glück. Fast alle Filme des reichhaltigen Programms konnten und können als Stream angeboten werden, und das nicht nur eine knappe Woche wie sonst, sondern bis zum 31. Dezember. Seit dem 8. Dezember kann das Heimpublikum aus immerhin 14 Sektionen Spiel,- Kurz- und Dokumentarfilme auswählen. Da hat man die Qual der Wahl. Für nur 3,99 EUR pro Stream ist das aber durchaus vertretbar.

*

Im Fokus steht natürlich wie immer der Spielfilmwettbewerb. Die international besetzte Jury konnte ihre Preisträger aus wie immer 12 Spielfilmen auswählen. Der Hauptpreis, die Lubina für den besten Spielfilm, ging zum dritten Mal an den russischen Regisseur Ivan I. Tverdovskiy für Conference. Eine Entscheidung, die vollkommen in Ordnung geht, versteht der junge Russe doch nach wie vor sein Handwerk. Wenn auch diesmal etwas die politische Schärfe fehlt, die seine Cottbuser Beiträge wie etwa Correction Class (2014) oder Zoologiya (2016) auszeichnete. Dafür geht der Film wieder tief in zwischenmenschliche Beziehungen. Conference ist eine Reflexion über die Folgen der Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater von 2002 und hier vor allem die Folgen für die Opfer. Die Jury lobte die ruhig inszenierte Trauerarbeit einiger ProtagonistInnen des Films, den Tverdovskiy zum Teil direkt am Originalschauplatz drehte. Eine Mutter, die damals das Theater und ihre Familie verlassen hatte und aus Schuldgefühlen darüber als Nonne in ein Kloster ging, organisiert eine als Gedenkkonferenz angemeldet Veranstaltung im Theater, um mit anderen Opfern über ihre Erfahrungen zu sprechen. Mit ihrer Familie und besonders mit der Tochter ist sie seit Jahren darüber im Streit, ob man weiter an das traumatische Ereignis erinnern, oder die Vergangenheit nicht doch endlich ruhen lassen sollte, Der Film ist über 2,5 Stunden eine psychische und emotionale Zumutung, die sich aber durchaus lohnt.



Conference | (C) VEGA Film


Emotional nicht weniger aufwühlend sind die Wettbewerbsbeiträge I Never Cry vom polnischen Regisseur Piotr Domalewski, und Oasis vom serbischen Regisseur Ivan Ikić, die ebenfalls mit Preisen für die beste Regie und das Schauspielensemble ausgezeichnet wurden. Einen Schauspielpreis verdient hätte sicher auch Zofia Stafiej als 17jährige Ola, die in I Never Cry allein nach Irland fahren muss, um den dort bei der Arbeit als Hafenarbeiter tödlich verunglückten Vater zurück nach Polen zu holen. Ein durchaus spannendes Roadmovie mit Einblick in für so viele Polen typische Familienschicksale und natürlich einer starken junge Frau. Jung sind auch die ProtagonistInnen in Oasis. Der Film behandelt eine emotional belastete Dreiecksbeziehung zwischen zwei Mädchen und einem Jungen in einem serbischen Heim für geistig gehandicapte Jugendliche. Liebe, Eifersucht und Suizidversuche. Die drei ringen um eine mögliche Ausdrucksweise ihrer Gefühle füreinander und gegen die HeimerzieherInnen, die sich zu den Gefühlswelten der Jugendlichen nicht entsprechend verhalten können. Der Film ist dabei nicht nur sozialkritisch sondern auch ganz großes Kino.



I Never Cry | (C) Piotr Sobocinski Jr


Aus gediegenem Mittelmaß ragen nur noch die düstere türkische Dystopie In the Shadows über Menschen und Maschinen in einem überwachten Bergwerk von Regisseur Erdem Tepegöz, oder der ungarische Episodenfilm Treasure City von Regisseur Szabolcs Hajdu, der den inneren und äußeren Zerfall der Budapester Gesellschaft zwischen Anpassung und Widerstand gegen die Orban-Regierung zeigt. Zwei recht unterschiedliche Mutter-Tochter-Beziehungen behandeln der kroatische Film Mater von Jure Pavlovic und der litauische Beitrag The Castle von Lina Lužytė. Muss sich in The Castle die taffe 13jährige Monika für ihre Musikkariere gegen die drastischen Sparauflagen ihrer Mutter Jolanta durchsetzen, ist in Mater die mit ihrer Familie in Berlin lebende Jasna plötzlich mit der an Krebs erkrankten störrischen Mutter in der kroatischen Heimat konfrontiert.

Es lohnt aber auch ein Blick in den Jugendfilm-Wettbewerb U18. Hier bekam der kasachische Beitrag 18 Kiloherz von Regisseur Farkhat Sharipov den Hauptpreis. Als Wir Kinder vom Bahnhof Zoo auf Kasachisch annonciert, erinnert der Film aber von den drogeninspirierten Traumsequenzen bis zum Techno-Soundtrack (Born Slippy von Underworld) eher an das etwas poppigere westliche Vorbild des Drogen-Jugendfilms, den britischen 90er-Jahre-Kultstreifen Trainspotting. Dennoch ist die Story um zwei Schulfreunde, die einen Drogenfund in Geld umsetzen wollen und dabei an die falschen Leute geraten, durchaus sehenswert. Wesentlich intensiver ist da der rumänische Beitrag Otto the Barbarian von Regisseurin Ruxandra Ghitescu. Der Teenager und Punkmusiker Otto trauert um seine depressive Freundin, die Selbstmord begangen hat. Er verweigert sich den Intensionen von Eltern wie Sozialhelfern, schaut Erinnerungsvideos und verhält sich ansonsten außer zur Mutter der Freundin eher ablehnend bis aggressiv. Eine liebevolle Beziehung pflegt er nur noch zu seinem dementen Großvater Bubu. Der Film verfolgt den verschlossenen Jungen dabei, wie er mit seinen Schuldgefühlen kämpft, bis er sich langsam öffnet.

Ein weiterer Blick in die zahlreichen Nebenreihen des Festivals sei ebenfalls noch empfohlen. Dabei kann man in der Reihe „Heimat“ so Seltsames wie eine Forschungsexpedition des Frontmanns der Cottbuser Kult-Band Sandow, Kai-Uwe-Kohlschmidt, auf den Spuren des Lausitzer Entdeckers Ludwig Leichhardt nach Australien erleben, oder in der Sektion „Russky Den“ den Hurra-patriotischen Film AK-47-Kalaschnikow über den russischen Konstrukteur des legendären Sturmgewehrs. Von den Traumata der russischen Bevölkerung nach dem Großen Vaterländischen Krieg anhand von zwei jungen Frauen im damaligen Leningrad berichtete der Film Dylda (dt.: Bohnenstange), der nach seiner Premiere 2019 in Cannes in diesem Jahr seinen deutschen Kinostart hatte, aber wegen der Corona-Krise zu Unrecht etwas untergangen sein dürfte. Wer mehr über die aktuelle Lage und Stimmung in Russland wissen will, sollte unbedingt den Dokumentarfilm Homo Sperans von Andrei Konchalovsky sehen. Abseits der großen Metropolen geht der bekannte russische Regisseur den Fragen nach den Besonderheiten Russlands nach, was typisch russisch ist, oder warum die Gefragten Russland lieben. Aber auch retrospektiv zum Jubiläums-Thema Wende/Deutsche Wiedervereinigung hat das Cottbuser Filmfestival einiges zu bieten. Mehr muss man nicht sagen. Großes Kino eben, wenn auch gezwungenermaßen nur in kleinformatiger Netzversion.





Stefan Bock - 22. Dezember 2020
ID 12666
Weitere Infos siehe auch: https://www.filmfestivalcottbus.de


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