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Unsere Neue Geschichte (Teil 19)

Wenn Visionen

Wahrheit

werden



Bewertung:    



Viele beschweren sich zurecht, dass gängige Politik und Wirtschaft in die völlig falsche Richtung gehen. Da könne man nichts machen, glauben viele resigniert. Kann man doch, beweisen die drei UnternehmerInnen im Film Fair Traders des Schweizers Nino Jacusso. Der Filmemacher stellt drei GeschäftsführerInnen vor, die erfolgreich auf dem freien Markt agieren und gleichzeitig für faire Arbeitsbedingungen und nachhaltige Produktion sorgen. Dabei stehen der Mensch und der Planet Erde im Vordergrund, und auf Wachstum und Effizienzmaximierung wird bewusst verzichtet.

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Als der Schweizer Unternehmer Patrick Hohmann (Remei und bioRe Stiftung Rotkreuz )1990 in Indien und Tansania Biobaumwolle anbauen lassen wollte, hielten ihn viele für einen realitätsfernen Sonderling. Denn in Indien sind z. B. 95 Prozent der Baumwolle schon gentechnisch verändert. Lange war es nur ein Versuch, doch er ließ nicht locker und unternahm das, was ihm ein inneres Bedürfnis war. So überzeugte er Anbauer in Indien und Afrika, sich auf das Projekt einzulassen mit dem Versprechen für Nachhaltigkeit, faire Arbeitsbedingungen mit einem festen Grundlohn sowie Prämien zu sorgen. Dieses Versprechen hat er gehalten. In der Schweiz gibt es den Großverteiler Coop, für dessen Bio-Modemarke Hohmann produziert. Durch den regelmäßigen und fairen Lohn verbesserte sich das ganze Umfeld vor Ort; nur was sollte man mit den Kindern machen, die selbstverständlich nicht für ihn arbeiten durften? Also stellte Hohmann Material für den Bau einer Schule kostenlos zur Verfügung. Heute arbeiten rund 8.000 Bio-Baumwollanbauer für ihn, und die Zahl der Schulen ist auf 18 gestiegen. Im finanziellen Sinne ist Hohmann nicht reich geworden, aber das Unternehmen wirft genug Gewinn ab, um sich selbst und die Bauernschaft zu tragen. Hohmann kann nun auf ein erfülltes und sinnvolles Leben zurückblicken. All seine Produkte sind CO²-neutral. Ein Gewinn von zwei bis drei Prozent reicht ihm aus, um weiterzumachen. Die Firma ist bewusst nicht an der Börse notiert. Er tut es „nicht fürs Geld, aber für die Menschen und für die Erde“.

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Man muss nicht in die Ferne schweifen, um seinen Beitrag zu leisten. Die Schweizerin Claudia Zimmermann (Bioladen Küttigkofen) wollte schon immer biologische Landwirtschaft in einem geschlossenen Kreislauf und einen Hofladen betreiben. Es ist eine große Leistung bei der bestehenden Bürokratie, erfolgreich in Sachen Nachhaltigkeit, Ökologie und Ernährungssouveränität zu arbeiten. Der Film bewahrt zwar den Blick auf das Positive, aber als unangemeldet ein Kontrolleur vorbeischaut, entschuldigt selbst der sich, dass er schon wieder da ist. Die Szene bleibt unkommentiert und spricht Bände. Claudia Zimmermann und ihr Mann lassen ihn alleine nachschauen, weil er sich schon bestens auskennt. In der nächsten Einstellung ist der Bauer dann doch dabei. Die zu überprüfenden Schweine haben so viel Auslauf, dass sie sich vor dem Fremden verstecken konnten, als ihr Hirte dabei ist, kommen sie erwartungsvoll angestürmt.

Zimmermann stärkt mit ihrem Hofladen auch die dörfliche Gemeinschaft, die dort einen Treffpunkt hat und sich so auch mit der Wertschätzung von Lebensmitteln und dem Bewahren der Natur auseinandersetzt: „Wir produzieren gemeinsam mit der Natur“, erklärt sie. „Ich will mir nicht alles leisten können, ich will meinen Alltag glücklich verbringen.“ Sie bezahlt ihre bäuerlichen Lieferanten fair und macht sich die Mühe Lebensmittel, die nicht die Norm für den Supermarkt erfüllen, über spezielle Läden doch noch zu retten.



Sina Trinkwalder stellt in ihrer Fabrik Zero-Waste-Textilien her | © Reck Filmproduktion Zürich


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Sina Trinkwalder (manomama GmbH Augsburg) wäre wahrscheinlich nicht beleidigt, wenn man sie ver-rückt nennen würde. Sie war früher in der Werbebranche tätig, fühlte sich aber ausgelaugt und unglücklich. Kredite oder Förderung bekam sie keine für ihre schräge Idee, und sie musste sich das breite Wissen über Textilverarbeitung auch erst aneignen. Daraufhin hat sie ihr gesamtes Privatvermögen in ein Textilunternehmen gesteckt, in dem Zero-Waste-Mode hergestellt wird, die also zu 100 Prozent abbaubar ist und keine Berge von giftigem Müll hinterlässt. Klar, dass die Rohstoffe biologisch sein müssen. Als wäre das nicht schon Herausforderung genug, sind ihre Angestellten Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt keine Chancen mehr hatten und jetzt bis zur Pensionierung bei ihr tätig und wieder Teil der Gesellschaft sein können. Sie beschäftigt mittlerweile 150 Arbeitskräfte in ihrer erfolgreichen Firma, weil Trinkwalder der Ansicht ist, dass es nicht ginge, dass man heute „mindestens einen doppelten Doktor“ haben müsse, um eine Arbeit zu bekommen. Trinkwalder will nicht quantitativ, sondern qualitativ wachsen.

Damit immer noch nicht genug, unterstützt sie auch Obdachlose. Sie näht wetterfeste Rucksäcke für sie und hat etliche Menschen motiviert, diese auch zu füllen, sei es mit Lebensmitteln, Socken oder selbst gestrickten Mützen. „Ich kann nicht die Welt retten, das müssen wir schon gemeinsam machen“, meint sie, die Unterstützer haben keinen finanziellen Vorteil, erkennen aber die Sinnhaftigkeit in ihrem Handeln. Natürlich hat es auch herbe Rückschläge gegeben: „Wobei scheitern nicht schlimm ist, aufgeben ist schlimm“, und sie hat immer weiter gemacht. Im Film trifft sie dann auf Patrick Hohmann, und beide sind begeistert voneinander. Ohne Menschen, die sich auf Biobaumwolle spezialisiert hätten, könnte Trinkwalder diese auch nicht weiterverarbeiten: „Ihre Vision ist der Nährboden von meiner Vision“, lässt sie Hohmann wissen.

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Das Engagement der drei Akteure hat immer weitere Kreise gezogen. Regisseur Jacusso erklärt dazu: „Jenseits von ausbeuterischen Wirtschaftsformen zeige ich drei Persönlichkeiten der freien Marktwirtschaft, die Verantwortung für die Gesellschaft und für die nachfolgenden Generationen übernehmen. Sie handeln fair, sie wirtschaften nachhaltig, sie sind zufrieden mit der Größe ihres Betriebes, sie stellen das Wohl aller Beteiligten in den Mittelpunkt ihres Handelns. Der Film zeigt, dass eine Postwachstumsökonomie heute bereits möglich und realistisch ist, wenn der Wille dafür vorhanden ist.“
Helga Fitzner - 27. März 2019
ID 11308
Weitere Infos siehe auch: https://www.fairtraders.ch/


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