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UNSERE NEUE GESCHICHTE (Teil 43)

Wenn

Nahrung zur

Waffe wird



Bewertung:    



„Wer Waffen verkauft, kontrolliert Armeen, wer die Nahrung kontrolliert, kontrolliert die Gesellschaft, wer Saatgut kontrolliert, kontrolliert das Leben auf der Erde“, das ist die Lebenserkenntnis der indischen Umweltaktivistin Vandana Shiva. Sie taucht immer wieder in den Medien auf, um gegen den Raubbau der Erde durch Konzerne zu demonstrieren, sich für Ernährungssouveränität, Biodiversität, eine ökologische Agrar- und Ernährungswende und verwandte Themen einzusetzen. Nun haben die Filmemacher James & Camilla Becket die erste filmische Dokumentation ihres Werdegangs produziert, die ein verhältnismäßig umfassendes Bild der gewaltfreien, humorvollen, aber durchaus resoluten Gelehrten bietet. Das besondere an Vandana Shiva – Ein Leben für die Erde ist ein kleiner Einblick in ihr Privatleben; ihre Schwester Mira, ihr Bruder Kuldop und ihr Sohn Kartikey Shiva schildern sie aus familiärer Sicht. Shivas beruflicher Werdegang wird von der Inderin Ritu Menon kommentiert, einer feministischen Autorin und Verlegerin, die wertvolle Interpretationen und Hinweise beisteuert. Hinzu kommen hervorragend recherchierte Dokumentarfilmaufnahmen der geschilderten Ereignisse.

Der Film nimmt die anfangs geäußerten Überzeugungen auf und zeigt anhand von Shivas Lebensweg, wie sie zu ihnen gekommen ist. Sie wurde in der indischen Universitätsstadt Dehradun am Fuße des Himalaya geboren. Ihr Vater war ein Waldhüter und nahm die Kinder mit auf Inspektionsreisen. Er brachte ihnen alles bei: „Der Wald war unser Klassenzimmer.“ Sie studierte später Nuklearphysik, was für ein 1952 geborenes Mädchen ungewöhnlich war, und bewunderte Albert Einstein, weil der Wissenschaft und Intuition zusammengebracht hätte. Nach dem Studium arbeitete sie für den Betreiber eines Atomreaktors. Ihre Schwester Mira ist Medizinerin und fragte sie nach den gesundheitlichen und ökologischen Auswirkungen von Kernkraft und die junge Vandana konnte keine dieser Fragen beantworten.

Shiva erkannte, dass es bei der Wissenschaft nur darum ging, die Natur zu verändern, ohne zu verstehen, wie sich das auf den Rest der Welt auswirkt. „Das war keine vollständige Wissenschaft“, wurde ihr klar, und sie gab ihre Absicht auf, Atomphysikerin zu werden. Wenn man das große Ganze nicht begreife, erkenne man auch keine Muster. Sie bildete sich auf eigene Faust weiter und wandte sich der Quantenphysik zu, denn dabei geht es auch um Wechselwirkungen.

Sie studierte in Ontario, Kanada, wo sie sich auf die Philosophie der Wissenschaft spezialisierte und 1978 ihren Doktortitel in Philosophie erhielt. Bis es so weit war, führte ihr Weg sie immer wieder zurück nach Indien. Anfang der 1970er Jahre begannen Konzerne mit der Holzgewinnung in ihrer Heimat. Dies entzog den Einwohnern ihre Lebensgrundlagen, denn sie waren auf das Sammeln von Brennholz sowie Nahrungsmitteln für Mensch und Tier auf die Wälder angewiesen. So umarmten die Frauen massenhaft Bäume, um sie vor dem Fällen zu bewahren. Vandana Shiva gesellte sich zu ihnen, und weil sie der englischen Sprache mächtig ist, wurde sie zum Sprachrohr der sog. Chipko-Bewegung. Sie war in der Lage Fakten in Form von Diagrammen darzustellen und konnte so auf einer ganz anderen Ebene kommunizieren als die analphabetischen Bäuerinnen, die aber mit den Naturkreisläufen vertraut waren. Das Einkommen durch das Holz stand schlussendlich in keinem Verhältnis zu den Kosten für die Wiederherstellung der Schäden durch eine Flutkatastrophe, die durch die Waldvernichtung entstanden war. Erst danach wurde das Abholzen in dieser Gegend unter Strafe gestellt.

Nach einer Einmischung in die „Wasserkriege“ durch den Kalksteinabbau 1981 im Doon Valley gründete sie 1982 die Forschungsstiftung Wissenschaft, Technologie und Ökologie. Sie erlangte zunehmende internationale Aufmerksamkeit auch durch ihre zahlreichen fundierten Veröffentlichungen. Das blieb nicht ohne Kritik und Gegenwehr jener Kräfte, die sich nicht um ihre Milliardengewinne bringen lassen wollten. Sie und ihre Familie wurden bedroht, aber ihr Vater versicherte ihr, dass sie ihrem Gewissen folgen solle, dann würden sie alle von höheren Mächten beschützt.

1984 explodierte eine Pestizidanlage in Bhopal, und Tausende Menschen starben, und noch mehr wurden gesundheitlich geschädigt. Das waren die Pestizide, die man im Zuge der Grünen Revolution in der Landwirtschaft nutzte, um durch höhere Erträge zu mehr Wohlstand zu kommen. Die Umweltschäden durch Monokulturen und Ackergifte wurden da nicht eingerechnet, und die Auswirkungen auf Mensch und Tier ebenfalls nicht.

Bei den Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Sikhs ging es nach Shivas Auffassung gar nicht um unterstellte religiöse Motive, wie sie herausfand. Es ging um natürliche Ressourcen, die entweder vernichtet oder den Einheimischen vorenthalten wurden. So ging es im Prinzip immer weiter. Als sie 1987 an einer Konferenz der Saatguthersteller teilnahm, erfuhr sie von deren Plänen genverändertes Saatgut einzuführen. Dieses ist hybrid, kann sich also nicht selbst vermehren, muss immer wieder neu gekauft werden, bedarf der ständigen Besprühung mit Pestiziden, Herbiziden und/oder Fungiziden. Und es ist patentiert, gehört also den herstellenden Konzernen. Schon auf dem Rückflug waren Shiva die immensen Gefahren klar.

Deswegen startete sie eine Aktion, in der das originale Saatgut beschützt und bewahrt wurde: So entstanden die Saatgutbanken. „Wir mussten etwas tun, bevor es nichts mehr zu schützen gab“, erinnert sie sich. Die UmweltschützerInnen gingen von Bauer zu Bauer, von Feld zu Feld, um Saatgut zu bekommen. Dieses zu verteilen, zu vermehren und auf ökologischen Anbau umzustellen, war das Ziel. Auf der neu gegründeten Versuchsfarm Navdanya gelang der Beweis, dass man mit diesen Methoden die Welt ernähren kann, ohne Umweltschäden zu verursachen. Die gesammelten Samen werden auch jedes Jahr ausgesät, damit sie sich an die Klimaveränderungen anpassen können. Shiva bezieht immer wieder die Betroffenen mit ein, berücksichtigt die Naturkreisläufe und das Wohlergehen der Menschen. Es werden 260 Reissorten angebaut, und allein in Indien wurden 127 Saatgutbanken gegründet. Beispiele, die auch in anderen Ländern Schule machten.

1999 gab es ein Treffen der WTO, der Welthandelsorganisation. Unterm Strich sollten 1 Milliarde Kleinbauern von ihrem Land vertrieben werden. Beim „Battle in Seattle“ kamen viele AktivistInnen zusammen, die nach dem Vorbild Mahatma Gandhis gewaltlosen Widerstand leisteten. Es kam zu einem gewalttätigen Polizeieinsatz, über den entsprechendes Filmmaterial gezeigt wird. Aber die WTO konnte bei diesem Treffen immerhin keine Beschlüsse mehr fassen. Und so ging es immer weiter und weiter. Die Konzerne ließen nichts unversucht, Monopole zu errichten. Dies gelang ihnen mit genveränderter Bt-Baumwolle, deren Anteil in Indien 85 Prozent betrug. Sie verursacht enorme Kosten, schützt nicht einmal vor Schädlingen, ruiniert aber die Kleinbauern. Im Zeitraum von 1995 bis 2012 haben sich allein in Indien über 284.000 Bauern wegen Überschuldung das Leben genommen.

*

Vandana Shiva hat im Jahr 2022 ihren 70. Geburtstag erreicht und blickt auf ein ereignisreiches Leben zurück. Die Dokumentation ist in dem Sinne nicht ausgewogen, weil nur zum Schluss einige Gegenstimmen kurz zu Wort kommen. Allerdings liegt in Shivas Arbeitsweise schon eine Ausgewogenheit und Ganzheitlichkeit. Das vielleicht wichtigste Samenkorn, das sie gesetzt hat, ist die Saat des Zweifels an den Versprechungen und Narrativen von Konzernen und korrupten Politikern, die nicht das Wohl der Menschheit im Sinn haben. Die industrielle Lebensmittelproduktion ist für rund 40 Prozent der Kohlenstoffemissionen verantwortlich, die im Umkehrschluss durch eine globale ökologische Agrarwende eingespart werden könnten.

„Während wir Vandanas Karriere verfolgen, wie sie lernt, entdeckt und die Punkte zwischen Saatgut, Nahrung, Landwirtschaft, Patriarchat, Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Umwelt und Klima verbindet, ist es unser Ziel, dass auch die Zuschauer:innen diese Verbindungen herstellen. Vandanas Geschenk ist, dass sie uns hilft, die Heilung der Erde mit der Heilung von uns selbst zu verbinden“, erklären die Filmemacher.



Vandana Shiva bei einer ihrer vielen Demonstrationen | Foto: mindjazz pictures

Helga Fitzner - 1. Dezember 2022
ID 13941
https://mindjazz-pictures.de/filme/vandana-shiva/


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