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Dokumentarfilm

„Die Seiten,

die die Welt

bedeuten“



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Der Dokumentarfilm The Booksellers – Aus Liebe zum Buch ist ein kleiner Schwanengesang auf das gedruckte Buch - und dann wieder doch nicht. Der Regisseur D.W. Jung hat Dutzende von antiquarischen Buchhändlern und Buchhändlerinnen in New York besucht, die mit Hingabe ihrem Geschäft nachgehen. Schon die Eingangssequenzen sind eine Ode an die Literatur: „Du sagtest, wir würden der Literatur fast alles verdanken, was wir sind und haben. Wenn Bücher verschwinden, verschwindet die Geschichte. Und auch die Menschen verschwinden. Bücher sind mehr als die Summe unserer Träume und Erinnerungen. Sie sind der Weg zur Selbstüberschreitung... Bücher machen uns zu ganzen Menschen.“ Das ist nicht zu dick aufgetragen, denn für die Leute, die hier zu Wort kommen, sind ihre Buchhandlungen ihre Lebensaufgabe.

Da sind die drei Schwestern Adina Cohen, Naomi Hample und Judith Lowry, deren Vater Louis Cohen 1925 den Argosy-Buchladen gründete, der heute der älteste mit antiquarischen Büchern in New York ist. Die Schwestern erzählen, dass ihr Vater so weitsichtig war, das Grundstück zu kaufen, weshalb das Geschäft erhalten werden konnte. - Die am Broadway gelegene Buchhandlung Strand wurde 1927 von Benjamin Bass gegründet und wird heute von seinen Enkeltöchtern betrieben. Die New Yorker „Book Row“ in Manhattan bestand einmal aus 48 Geschäften, heute ist nur noch das Strand übrig.

Im Film werden wahre Kostbarkeiten gezeigt: eine Gutenberg-Bibel, eine Erstausgabe von Shakespeares First Folio, Bücher mit Ledereinbänden, herrliche Illustrationen, sogar ein Buch, das Jahrtausende altes Mammuthaar enthält, Bücher, die mit Edelsteinen verziert sind und einige Kuriositäten. Es geht allen Händlern und Händlerinnen vor allem darum, Literatur und damit Kultur, Wissen sowie unsere Geschichte zu bewahren. Denn es ist schon ein Niedergang des Buches als zentrales Kulturgut erfolgt und einen Wechsel des Buches von der Wissensvermittlung zum Artefakt.

Auf einer antiquarischen Buchmesse in New York sehen wir einige der ProtagonistInnen wieder. Anders als im Handel über das Internet wird auf persönlichen Kontakt gesetzt, weil dieser der Kundschaft hilft, den Wert und die Besonderheit eines Buches zu verstehen und zu schätzen. Der Film erinnert an ASW Rosenbach (1876-1952), den wichtigsten Sammler in den USA, der antiquarische Bücher populär machte und an die mittlerweile verstorbenen Sammlerinnen und Buchhändlerinnen Leona Rostenberg und Madeleine Stern, die auch Gründerinnen der Buchmesse waren. Jung hat selten gezeigtes Dokumentarmaterial aufgetrieben und die NachfahrInnen einiger Gründer alte Familien- und Geschäftsfotos ausgraben lassen.

Durch E-Books hat das gedruckte Buch aber an Bedeutung verloren, und die Kunstwelt hat sich zum Kunstmarkt gewandelt. In den 1950er Jahren gab es 368 Buchläden in New York, heute sind es nur noch 79. Es hat sich in den letzten 15 Jahren mehr geändert als in den vergangenen 150 Jahren, heißt es im Film. Bücherscouts, die so wichtig waren, um besondere Bücher zu entdecken, gibt es kaum noch. Der Computer hat das Geschäft verändert, aber zum Schlechteren. Die Bücher wurden wesentlich billiger, sodass viele Läden nicht mithalten konnten. Zudem findet im Internet keine Auswahl statt, es ist auch viel Schund im Netz.

Einige Händler und Händlerinnen haben sich spezialisiert, wie Justin Schiller auf Kinderbücher, die teilweise atemberaubende Illustrationen haben. Caroline Schimmel ist Besitzerin einer der weltweit bedeutendsten Sammlungen von Schriftstellerinnen, die lange ein Schattendasein geführt haben und durch sie jetzt auch über ein Netzwerk verfügen. Syreeta-Tore ist Hip-Hop-Archivar, Sammler und Dokumentarfilmer. In seinem Archiv gibt es nicht so viele Bücher, aber Zeitschriften und Dokumente über Hip-Hop, die zur Grundlage von Büchern werden könnten und einen erfahrenen Sammler brauchen. Hier gibt es noch die „Jagd“ auf Objekte, die einmal den Reiz für viele Sammler und Antiquare ausgemacht hat.

Und doch sehen insbesondere junge Antiquare und Antiquarinnen eine Zukunft für ihren Handel, und es gibt noch einiges zu tun. 85 Prozent der Mitglieder im Verband der Antiquare sind männlich. Afro-AmerikanerInnen sind ebenfalls unterrepräsentiert, aber schon zahlreicher geworden. Der Blick wurde offensichtlich auch etwas gegenwartsbezogener. Durch das gezielte Sammeln und Bewahren modernerer Literatur richtet sich die Aufmerksamkeit auf experimentelle Musik, Drogen, Sexualität, Gender-Fragen, Identität. Auch politische Bücher und islamische Literatur spiegeln die gesellschaftlichen Trends der nicht allzu fernen Vergangenheit.

Und die Beobachtungen verheißen Gutes. Während die Generation der um die 40jährigen lieber ein E-Book liest, greifen die um die 20jährigen wieder zum gedruckten Buch. Nach Beschreibung des Filmverleihs ist The Booksellers „ein lebendiger Blick hinter die Kulissen der New Yorker Welt der seltenen Bücher und jener faszinierenden Menschen, die sie bewohnen“ und „lässt uns diese Liebe spüren – als Plädoyer für die Seiten, die die Welt bedeuten“.



Noch gibt es in New York riesige antiquarische Buchhandlungen, doch das Geschäft befindet sich im Wandel | © mindjazz Pictures

Helga Fitzner - 29. Oktober 2020
ID 12564
Weitere Infos siehe auch: https://mindjazz-pictures.de/filme/the-booksellers/


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