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Dokumentarfilm

Die hohe Kunst

des Entertainments



Bewertung:    



Sie treffen sich einmal im Monat zum Tee und das wäre an sich nicht ungewöhnlich, wenn die vier alten Frauen nicht zu den hochkarätigsten Schauspielerinnen Großbritanniens zählen würden. Judi Dench, Maggie Smith und Eileen Atkins sind um die 85 Jahre alt, Joan Plowright wird dieses Jahr 90, und alle vier sind für ihre Verdienste vom englischen Königshaus geadelt worden und dürfen sich „Dame“ nennen, das Äquivalent zum englischen „Sir“. Sie haben dem Regisseur Roger Michell erlaubt, eines ihrer Treffen zu filmen: Tea With the Dames – Ein unvergesslicher Nachmittag hält ein solches Stelldichein fest, das von Lachen, Erzählen und dem Schwelgen in Erinnerungen geprägt ist und er kommt mit relativ wenig Inszenierung und Selbstinszenierung aus.

Die Dames haben einige private Familienfotos beigesteuert, und es werden viele teilweise sehr alte Filmaufnahmen und Mitschnitte von Theateraufführungen von ihnen gezeigt. Sie haben mit vielen anderen Berühmtheiten und Größen zusammengearbeitet, namentlich mit Lord Laurence Olivier, vor dem alle gezittert haben. Joan Plowright war mit ihm verheiratet und ist seit 1989 seine Witwe; sie meint lakonisch: „Er war wie eine Naturgewalt und manchmal auch ein Alptraum.“ Maggie Smith und Eileen Atkins waren schon als junge Frauen relativ unangepasst, was nicht mit dem patriarchalischen Theatersystem harmonierte. Judi Dench ist etwas harmoniebedürftiger, dafür aber diejenige von den Vieren, die am häufigsten flucht, gibt sie zu.



Dame Maggie Smith, Dame Joan Plowright, Dame Eileen Atkins und Dame Judi Dench bei ihrem monatlichen Treffen zum gemeinsamen Tee und Plausch | © Mark Johnson


Die Dokumentation lässt – vermutlich auf Wunsch der Dames – ihre Kindheit während des Zweiten Weltkrieges aus, von der sie sehr geprägt sein müssten. Insgesamt ist das Treffen sehr heiter, und als Dame Maggie auf ihre frühere Ehe mit dem Schauspieler Robert Stephens angesprochen wird, erklärt sie, dass sie nur die schönen Erlebnisse in Erinnerung behalten will. Sie bestätigt, dass die beiden damals als „golden couple“ gehandelt wurden, als goldenes Paar, mehr erfährt man aber nicht. Robert Stephens war einer der vielversprechendsten Talente seiner Zeit, machte sich vieles aber durch seinen Lebenswandel zunichte. Judi Denchs Ehemann Michael Williams war auch Schauspieler, und sie führten eine Ehe ohne Skandale bis zum viel zu frühen Tod von Williams. Eileen Atkins ist die einzige, die keinen Schauspieler heiratete (von der ersten Ehe mal abgesehen), so dass ihr Mann auch nicht im Fokus der Öffentlichkeit steht. Atkins selbst stand erst im letzten Jahr in London zusammen mit Jonathan Pryce auf der Bühne.

Maggie Smith spielt in diesen Wochen einen Monat lang in London, die Theaterkarten waren schon vor der Premiere für den gesamten Zeitraum ausverkauft. Sie ist auch einem jüngeren Publikum bekannt, weil sie in den Harry Potter-Filmen Professor McGonagall gespielt hat und im Fernsehen in Downton Abbey zu sehen war. Judi Dench hat durch Film und Fernsehen einen ähnlichen Bekanntheitsgrad, ihre Paraderolle ist „M“ in den James Bond-Filmen. Neben Dutzenden von anderen Preisen wurde sie allein sechs Mal für den Oscar nominiert und bekam zwei davon. Sie ist stark sehbehindert, arbeitet aber unvermindert weiter. Ende dieses Jahres wird sie in der Verfilmung des Musicals Cats zu sehen sein.

Der Film geht über Smalltalk nicht weit hinaus, und wer sich ein wenig auskennt, erfährt nicht viel Neues. Das ist schon schade. Die Schauspielerinnen stammen nicht nur aus der Zeit, in der Shakespeare noch gebärdenreich deklamiert wurde, sie waren maßgeblich an der Modernisierung des britischen Theaters beteiligt. Die war 1956 mit John Osbornes Blick zurück im Zorn eingeleitet worden und war ein Spiegel des Empfindens der Nachkriegsgeneration, die sich neu orientierte. 1957 folgte Osbornes Stück The Entertainer, das 1960 mit Laurence Olivier und Joan Plowright verfilmt wurde. Ein Filmausschnitt mit beiden ist auch zu sehen, aber er wird seiner kulturhistorischen Bedeutung nicht erläutert.

Michell gleicht diese Defizite aber durch besonders gute und seltene Filmausschnitte aus, die eine längst untergegangene Theaterwelt illustrieren. Es kommt trotzdem nur wenig Wehmut auf. Die Frauen verstehen sich auf die hohe Kunst des Entertainments, so dass es immer unterhaltsam bleibt. Nur selten wird es ernster, wenn sie sagen, dass alle vier zusammen nur drei gesunde Augen haben. Sie brillieren durch Wortwitz, Humor, ein bisschen Sarkasmus und eine unverwüstliche Lust zur Kreativität. - Einzig Joan Plowright beendete vor ein paar Jahren ihre Karriere, weil sie erblindet ist. Alle anderen sind immer noch umtriebig und gefragt. Die fehlende Tiefe in der Konversation wird durch die Gelassenheit und Weisheit des Alters wieder wett gemacht. Der Film ist nicht tauglich fürs Massenkino, aber ein Fest für die Fans der grandiosen Dames.
Helga Fitzner - 21. April 2019
ID 11365

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