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EUROPÄISCHES JUDENTUM IM FILM

Wege aus

der Ohnmacht



Bewertung:    



Überlebende Frauen des Holocausts zu einer Miss-Wahl antreten zu lassen, ist eine ungewöhnliche und durchaus umstrittene Idee, die aber bis 2021 einige Jahre lang in der israelischen Stadt Haifa umgesetzt wurde. Die meisten der Teilnehmerinnen stammen aus einer von Christen finanzierten Einrichtung für Holocaust-Opfer und werden von der Trauma-Therapeutin Izabela Grinberg betreut. Für die Dokumentation Miss Holocaust Survivor hat der Regisseur Radek Wegrzyn ein solches Event mit der Kamera begleitet und sowohl die Initiatorin Grinberg als auch die Miss-Anwärterinnen interviewt.

Es gibt insgesamt zwölf Teilnehmerinnen, die sich vor einer Jury und 2.000 Zuschauern präsentieren wollen, und die Einwände, dass sie vorgeführt werden und seelischen Schaden davontragen könnten, weist die Therapeutin zurück. Die Teilnahme sei freiwillig, es handele sich um „Frauen, die sich entschlossen haben, ihr Leben und ihr Überleben zu feiern“. Es ginge darum, „das Schwarzweiß der Vergangenheit mit ein bisschen Farbe der Gegenwart zu versehen“.

Es kristallisieren sich drei Protagonistinnen heraus, die jede für sich eine Möglichkeit gefunden haben, mit den vergangenen Ereignissen zu leben. Zuerst waren sie mit der Gründung einer Existenz und Familie beschäftigt, aber mit dem Ruhestand kamen vermehrt die Erinnerungen hoch. Sie wollen eigentlich nicht definiert werden über das, was während einer relativ kurzen Periode ihres langen Lebens geschehen ist, aber dies definiert sie indirekt doch, auch wenn sie ihre Familien in den Mittelpunkt stellen.

Madeleine hat nur noch verschwommene Erinnerungen an ihre Kindheit. Sie wurde gegen Kriegsende geboren, war Lehrerin und gibt Gymnasiasten heute noch Mathematikunterricht. Sie ist auch sonst tatkräftig und hilft anderen Holocaust-Überlebenden dabei deren Bedürftigkeit staatlich anerkannt zu bekommen und begleitet sie durch den Bürokratie-Dschungel. Das ist auch bitter nötig, denn ein Viertel der Betroffenen lebt unterhalb der Armutsgrenze.

Rita hat noch lebhafte Kindheitserinnerungen, die schrecklich sind. Ihr Vater hatte auf dem Gelände eines polnischen Bauern eine Erdgrube ausgehoben, in der sich die Familie verkroch: 19 Monate und fünf Tage lang. Sie hatte mehrere Berufe in ihrem Leben und Universitätsabschlüsse in Psychologie, Theologie und Kunsttherapie, sich also von mehreren Seiten an eine Verarbeitung herangetastet über die Wissenschaft, die Theologie und die Kunst. Sie malt bis heute Bilder, die die Grube zum Thema haben, weiß aber immer noch nicht, warum das geschehen ist und welchen Sinn das hatte. Sie kann Gott zwar nicht spüren, ist sich aber sicher, dass es einen geben muss.

Tova ist zur Zeit der Dreharbeiten 95 Jahre alt und die Fitteste von allen, sie trainiert immer noch regelmäßig im Fitnesscenter. Ihre Familie will, dass sie erzählt, aber sie kann nicht. Ein paar Brocken, dass sie im KZ als Facharbeiterin galt und anderen Mädchen helfen konnte. Eines Tages bekam sie Zahnschmerzen, da wurden ihr 14 gesunde Zähne ohne Betäubung gezogen, der schmerzende Zahn blieb drin. Die Erinnerungen richten Schaden an, sagt sie: „Wie kann man so etwas erlebt haben?“ fragt sie sich. Aber über einige Anmerkungen hinaus ist sie nicht in der Lage zu erzählen, nur indirekt lassen sich vielleicht Rückschlüsse ziehen. Das eiserner Training ist bewusst oder unbewusst offensichtlich ihre Art, über ihren eigenen Körper zu bestimmen.

In dem Film wird keiner gedrängt, von den Schrecken im KZ zu berichten, obwohl immer wieder ein paar kleine Details erwähnt werden. Es geht darum, dass sich die Frauen wertgeschätzt fühlen, weshalb sie zur Veranstaltung mit einer Stretch-Limousine abgeholt werden und ein Gläschen Sekt trinken. Angekommen warten schon eine Friseurin und eine Kosmetikerin auf sie. Am Ende bekommen alle Teilnehmerinnen kleine Krönchen, die Siegerin ein etwas größeres. Ob die Absicht der Therapeutin aufgeht, dass sie etwas erlebt haben, was ihnen in der Jugend verloren gegangen ist, ein gewisses Maß an Weiblichkeit und sich schön zu fühlen, erfahren wir nicht mehr. Aber sie werden in dem Heim versorgt, unterstützen sich gegenseitig und haben noch enge Verbindungen zu ihren Familien. Wie viel Courage und Kraft sie aufbringen mussten, um ihr Leben so zu gestalten, wie es ihnen gelungen ist, können vielleicht nur die ermessen, die den Holocaust selber erlebt und überlebt haben.



Rita (vorne), Tova (vierte v. li.) und die anderen Frauen bei der Miss-Wahl | (C) farbfilm verleih

Helga Fitzner - 8. November 2023
ID 14463
Weitere Infos siehe auch: http://farbfilm-verleih.de


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