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Dokumentarfilm

„Was ist ein

gutes

Leben?“



Bewertung:    



Mit einer Dokumentation über Schlüsselkinder im Jahr 2011 fing es an. Da lernten die Filmemacher Tine Kugler und Günther Kurth den damals zehnjährigen Pascal kennen, der den Spitznamen Kalle trägt und in der Allee der Kosmonauten in Berlin lebt. Sein Vater hat die Familie verlassen und sich nie wieder gemeldet, die Mutter muss deswegen ganztägig arbeiten, und sein zwölf Jahre älterer Bruder erlebte den typischen Abstieg von etlichen Jugendlichen, die unter prekären Bedingungen in Plattenbausiedlungen in der Nachwendezeit groß geworden sind. Ghetto-Kinder hat der Vater sie genannt. Die Regisseure waren von Kalle beeindruckt und hielten Kontakt zu ihm und seiner Mutter. So entstand die Idee zu einer Langzeitstudie, von der anfangs keiner wusste, wohin die Reise gehen würde.

Der Dokumentarfilm Kalle Kosmonaut beginnt mit der erschütternden Aussage, dass der damals 16jährige Kalle für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis muss: Körperverletzung unter dem Einfluss von Drogen. Dann erfolgt ein Rückblick. Als Zehnjähriger ist er mit seinem Leben ganz zufrieden, sagt er. Er hat Essen, Klamotten, Spielzeug und ein Dach über dem Kopf. Recht hat er, denn es gibt viele Millionen von Kindern auf der Erde, denen es selbst daran mangelt. Aber die materiellen Dinge sind nicht alles. Er ist sauer auf seinen Vater, hätte aber gerne einen. Die Mutter spielt abends zwar mit ihm Uno, und die beiden haben Spaß, aber tagsüber ist sie halt nicht da.

Nach und nach fügen sich einige Puzzle-Teile zusammen. Als Junge war Kalle häufig bei den Großeltern, die beide Alkoholiker waren. Der Großvater hat die Wende nicht gut verkraftet. In der DDR hatte er ein ausreichendes Einkommen und konnte einmal im Jahr in Urlaub fahren. Er ist Koch, dreht seine Zigaretten selbst und ist anspruchslos, aber er ist vom Leben unter westlichen Bedingungen enttäuscht. Hat ein Junge, der so aufwächst im Leben, eine Chance? Kalle ist während der letzten Dreharbeiten 20 Jahre alt, wieder frei, und bei ihm bestehen einige günstige Faktoren: Er ist gesund, gut aussehend, sportlich, intelligent, sprachbegabt, kreativ und in der Lage über sich und seine Umwelt zu reflektieren. Er hat eine Mutter, die ihn liebt und eine Freundin, die zu ihm hält, mittlerweile haben die beiden einen kleinen Sohn, dem er ein guter Vater sein will. Doch seine Gerichtsakten, die lange Haftstrafe und die Schulden, die sich durch den Prozess angehäuft haben, sind wie Bleigewichte. Und dass er selber denken kann, kommt auch nicht immer gut an.

Er hat in der Haftanstalt seinen Schulabschluss nachgeholt und sogar therapeutische Angebote wahrgenommen, aber es geht ihm nicht gut. Er träumt schlimme Sachen, ist unzufrieden und perspektivlos. „Ich kämpfe gegen mich selber. Das ist mein größter Kampf, der Kampf gegen mich“, sagt er. Er will auf keinen Fall Sozialschmarotzer werden und geht arbeiten. Als er wegen mehrmaliger Verspätung seine Stelle verliert, ist er enttäuscht, weil er nun doch zur Arbeitsagentur muss. Doch dann hat er wenigstens einen Hilfsjob, denn seinen Lebensunterhalt will er unbedingt selbst verdienen.

Während der Haft hat er einige Rap-Songs geschrieben, an denen er noch feilt. Die Kostproben, die er vor der Kamera abgibt, sind durchaus vielversprechend. Er kann sich hervorragend ausdrücken und spricht mit den Texten vermutlich junge Menschen mit ähnlichen Gedanken und Erfahrungen an.

Der Film kann nicht alle Facetten beleuchten, aber die Filmemacher haben einen Weg gefunden, durch Zeichentrickaufnahmen ein paar Leerstellen aufzufüllen.


"Animationen haben in unserem Film eine besondere Bedeutung. Sie visualisieren Kalles Gedanken und Gefühle und all die Momente, die wir in den 10 Jahren verpasst haben oder, wie in der Haftzeit, nicht drehen konnten. Dafür wollten wir jenseits von Bebilderung einen besonderen Stil finden und haben mit dem deutsch-iranischen Künstler Alireza Darvish zusammen gearbeitet, der eine ganz eigene Interpretation für Kalles (Innen) Welten geschaffen hat."


*

Zusammen mit den Animationen, Kalles eigener Musik, den Kompositionen von Philip Bradatsch, einfühlsamen Interviews und teilweise peppiger Aufmachung ist es eine handwerklich gelungene Dokumentation. Mehr noch: Das Schicksal des jungen Mannes geht unter die Haut, man fiebert mit ihm, wünscht, träumt, hofft, dass sich für ihn alles zum Guten wenden möge. Einige Weichen sind nun besser gestellt. Die Mutter hat ihren Lebensgefährten geheiratet, mit dem sich Kalle gut versteht, sein älterer Bruder hat sich gefangen und sich eine gutbürgerliche Existenz aufgebaut. Seine Großmutter ist seit sieben Jahren trocken, und der Großvater kann immer noch gut kochen. Eine Antwort auf seine Frage, was ein gutes Leben sei, ist das nicht. Aber er hat die Resilienz seiner Familie geerbt und das Kinopublikum von verschiedenen Filmfestivals auf seiner Seite, das wohl gerne die Dämonen in seinem Leben verscheuchen würde. Jedoch muss er das wohl selber bewerkstelligen.



Welche Chancen hat ein Kind wie Kalle, das in prekären Verhältnissen in einer Plattenbausiedlung groß geworden ist | © Günther Kurth

Helga Fitzner - 25. Januar 2023
ID 14018
Weitere Infos siehe auch: https://kmoto.de/filme/kalle-kosmonaut/


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