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Dokumentarfilm

Pina Bausch

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Ihre Inszenierungen waren Bühnenereignisse, und sie zählt nach wie vor zu den bedeutendsten ChoreografInnen der Gegenwart. Das klassische Ballett war der Ausgangspunkt, und Pina Bausch (1940-2009) fügte neben den tänzerischen auch theatralische Ausdrucksformen dazu, für die der Begriff Ballett zu kurz gegriffen ist: Wort, Gesang, schauspielerische Elemente, was immer sich ergab, fanden Eingang in ihre Choreografien. Damit entwickelte sie ein neues vielfältiges Genre, das oft unter dem Begriff Tanztheater geführt wird, aber eigentlich viel mehr ist und einen nachhaltigen internationalen Einfluss auf die Tanzszene hatte und hat.

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Der Düsseldorfer Filmemacher Florian Heinzen-Ziob wurde 1986 geboren und hat die innovativen Anfänge von Pina Bausch nicht mitgekommen. In seiner Dokumention Dancing Pina schafft er es auf wunderbare Art, dem Phänomen Pina Bausch auf die Spur zu kommen. Er beobachtet unaufdringlich zwei Ensembles bei Proben zu Neuinszenierungen früher Werke von ihr. Das Ballettensemble der Semperoper Dresden probte 2019 Iphigenie auf Tauris nach der gleichnamigen Oper von Christoph Willibald Gluck. Im Senegal wurde Das Frühlingsopfer mit dem Ensemble der École des Sables 2020 inszeniert, das aus Tänzern und Tänzerinnen aus ganz Afrika besteht. - Die Ballettmusik ist besser bekannt unter dem französischen Titel Le sacre du printemps, mit der ihr Komponist Igor Strawinsky bei der Uraufführung 1913 in Paris Tumulte auslöste. Die dominante Rhythmik und die neuen Akkorde wurden damals nicht als Fortschritt erkannt. Pina Bausch kam die Befreiung von bisherigen Konventionen offensichtlich entgegen, obwohl Strawinsky nach einem rationalen Verstehen seiner Musik strebte und nicht nach Gefühlen.

Zusammen mit den Ensembles gehen wir auf Entdeckungsreise in die magische Welt der Choreografie-Ikone. Da wundern sich einige, dass sie auf einmal nicht mehr perfekt sein müssen, ihre Mängel nicht kaschieren sollen. Bausch sagte einmal: "Mich interessiert nicht, wie die Menschen sich bewegen, sondern was sie bewegt." Die südkoreanische Tänzerin Sangeun Lee ist die 1. Solotänzerin des Balletts der Semperoper und muss jetzt umdenken, weil Bausch für sie wie eine neue Sprache ist, deren Vokabular und Bewegungen sie erst lernen muss. Im klassischen Ballett müsse man immer elegant aussehen, bei Bausch brauche man das nicht, da müsse sie sie selbst sein. „Ich muss authentisch sein und mich so zeigen, wie ich bin. Und das ist gar nicht so einfach.“ Bei den Proben macht die Koreanerin Fehler, weil sie zu viel denkt und deshalb nicht im Fluss ist. Es ist zu ungewohnt, ihre eigene Persönlichkeit mit einzubringen, herauszufinden: „Wer ist die Iphigenie in dir selbst?“

Die TänzerInnen werden von den ehemaligen Bausch-Mitgliedern und heutigen Choreografinnen Malou Airaudo (in Dresden) und Josephine Ann Endicott (im Senegal) begleitet, die in den jeweiligen Original-Inszenierungen mitgewirkt haben. Sie wollen ihre Erfahrungen weitergeben, die wundervollen Stücke wiederbeleben. Aber es sind andere Menschen, und wir leben in einer anderen Zeit, sodass jede Generation ihre eigenen Erkenntnisse daraus schöpfen können und müssen. Es ging Pina Bausch immer darum, die Kontrolle aufzugeben und die Bewegungen geschehen zu lassen. Die TänzerInnen sollten fühlen und eine Geschichte erzählen. Was bist du als Mensch? Was bist du als Künstler? „Für Pina waren wir einfach Menschen. Wir sahen alle unterschiedlich aus, groß, klein, dünn oder dicker“, erzählt Endicott. Deswegen bleibt selbst in den Ornamenten, die das Ensemble formt, das Individuum erkennbar. - Die Inszenierungen sollen auf keinen Fall Kopien der Uraufführungen werden, (von denen dankenswerterweise aber etliche Ausschnitte gezeigt werden), denn dann würden sie ihre Essenz verlieren, es geht um Wahrhaftigkeit und eine echte Begegnung.

Die afrikanischen TänzerInnen kommen aus verschiedenen Kulturkreisen, und einige haben keine klassische (europäische) Ballettausbildung. Beim Frühlingsopfer, das heidnische russische Rituale beschreibt, können einige auf ihre eigenen Kulturen zurückgreifen oder sich darauf zurückbesinnen. Auch sind die afrikanischen Tanzkulturen nicht so verkopft wie viele europäische. Trotzdem müssen sich auch die jungen AfrikanerInnen das Bausch-Erbe erst aneignen. In den afrikanischen Ländern ist der gesellschaftliche Druck auf Frauen stark, sie sollen heiraten, Kinder bekommen, sich um Angehörige kümmern und arbeiten. Tanztheater wird oft mit Prostitution gleichgesetzt, was in Europa vor einigen Generationen auch der Fall war. Insbesondere für die Frauen sind die Proben eine Form des Selbstausdrucks und der Selbstermächtigung. In einigen Kulturen ist die „Opferrolle“ der Frauen noch sehr ausgeprägt und auch in der westlichen Welt zumindest latent vorhanden, und die afrikanischen Tänzer und Tänzerinnen kreieren ihren ganz eigenen Reigen von Macht und der Sehnsucht nach Befreiung.

Die Iphigenie konnte in Dresden noch aufgeführt werden, die Premiere des Frühlingsopfers in Dakar fiel den Corona-Maßnahmen zum Opfer. Nach all den schweißtreibenden Bemühungen ist die Enttäuschung im Senegal groß. Dann wird beschlossen, das Stück wenigstens ohne Publikum am Strand aufzuführen. Florian Heinzen-Ziob, der für Buch, Montage und Regie verantwortlich ist, hat einen Teil davon in unvergesslichen Bildern festgehalten.

Durch die Erfahrungen der Choreografinnen Malou Airaudo und Josephine Ann Endicott konnte man einen Einblick in die Arbeit von Pina Bausch gewinnen und praktisch ein Stück weit mit dabei sein. Näher wird man ihrem Werk posthum wohl nicht kommen. Auch wenn es in Dakar nicht zur Aufführung kam, dürften die Proben für das Ensemble eine Bereicherung sein, die auch die KinozuschauerInnen mitnehmen können.



Das panafrikanische Ensemble École des Sables in Senegal führt Das Frühlingsopfer am Strand auf | © Mindjazz Pictures

Helga Fitzner - 15. September 2022
ID 13805
https://mindjazz-pictures.de/filme/dancing-pina/


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