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Zu klein, zu dünn, zu hässlich. Und Stimme habe er auch keine, bekam der junge Mann zu hören, der unbedingt Sänger und Schauspieler werden wollte. Es war die französische Chanson-Ikone Edith Piaf, die wohl merkte, dass Charles sich nicht verhindern lassen würde. So schenkte sie ihm eine Nasen-OP und 1948 eine Schmalfilmkamera. Die Nase ist ausnehmend hübsch geworden, aber sie dürfte kaum der Ausschlag gewesen sein, dass Charles Aznavour (* 1924 in Paris, + 2018 in Südfrankreich) zu einem Weltstar avancierte. Mit über 800 selbst geschriebenen Chansons und der Mitwirkung in über 70 Filmen gehörte er über etliche Jahrzehnte zu den bekanntesten Gesichtern Frankreichs. Angeregt durch Edith Piaf hat er nicht nur sich selbst gefilmt bzw. filmen lassen, sondern auch viele Prominente aus dem Show- und Filmgeschäft, mit denen er musiziert oder gedreht hat. Vor allem aber hielt er die Kamera auf die einfachen Menschen in vielen, teils fernen Ländern, wie Bolivien, Hongkong, Japan, Israel und dem Kongo.

Ungefähr ein Jahr vor seinem Tod zeigte er dem französischen Filmemacher Marc di Domenico eine Geheimkammer in seinem Haus, in der er sein Filmarchiv aufbewahrte. Er selbst habe sich bis dahin nur selten etwas angeschaut, weil er zu beschäftigt damit war, in der Gegenwart zu leben, erklärte der über 90jährige damals. Aber durch seinen Blick durch die Kamera sei seine Geschichte noch nie erzählt worden. Marc di Domenico hatte freie Hand, daraus den Dokumentarfilm Aznavour by Charles zu montieren, der natürlich eine Hommage an Aznavour geworden ist. Di Domenico hat nur ganz wenig Filmmaterial über ihn aus anderen Archiven besorgt und überwiegend das eigene von Aznavour verwendet; darin ist dieser übrigens nicht so häufig zu sehen. Der Chansonnier hat seine Umgebung aus seiner Sichtweise im Bild festgehalten, eine Art visuelles Tagebuch geführt. Manchmal könne man Erlebnisse nicht in Worte oder Musik kleiden, aber manchmal könnten Bilder das darstellen, erläuterte er. Die Zitate stammen aus seinen Memoiren, Gesprächen und persönlichen Notizen, denen der französische Schauspieler Romain Duris seine Stimme leiht. Di Domenico reiht die Filmausschnitte assoziativ aneinander.

Manche filmen, um Abstand zu halten - Aznavour, um Nähe herzustellen. So zeigte er u.a. die Lebensumstände von Menschen in Afrika, Asien und Südamerika. Er fühlte sich ihnen verbunden. Wenn er Kinder sah, die nur so taten, als würden sie spielen, fühlte er sich an seine eigene Kindheit erinnert. Die Aznavours waren arm, aber an Liebe waren sie reich. Er wusste als Kind schon, dass er ein großer Star werden könne. Er war Autodidakt. In ihm arbeitete es immer - zu jeder Tages- und Nachtzeit. Er wollte die große weite Welt zu seiner Freundin werden lassen.

Mit viel Antizipation und Unsicherheit war seine erste Reise zum Geburtsort seiner Mutter nach Jerewan in Armenien belegt, das damals noch in der Sowjetunion lag. Viele seiner Vorfahren starben während des Völkermords an den Armeniern vor über 100 Jahren. Seine Eltern haben sich vor seiner Geburt auf den weiten Weg nach Frankreich gemacht, großenteils zu Fuß. In Paris wurde dann Charles geboren. „Wir haben nichts und doch alles. In unserer Wohnung wird geschwätzt, gelacht und getanzt.“ Seine Eltern versteckten Juden während der deutschen Besatzung in Paris, weil ihre Familien selbst von einem Genozid betroffen waren.

In Armenien fand er das, was vorher unsichtbar in ihm war. Er begegnete das erste Mal seiner Großmutter, als er um die 40 Jahre alt war, und fühlte sich in ihrer Gegenwart wieder als Kind. Bei seinen Eltern hatte es keinen Wohlstand oder höhere Bildung gegeben, aber Liebe und Herzensbildung. Diese Liebes- und Empathiefähigkeit bei ihm ist auffallend. Und er übernahm Verantwortung, indem er später nach der Gründung des Staates Armenien die Staatsbürgerschaft annahm und armenischer Botschafter in der Schweiz wurde sowie ständiger Vertreter Armeniens bei den Vereinten Nationen in Genf.

Der Soundtrack des Films besteht natürlich aus vielen Chansons von Aznavour. In Hier encore von 1964 schwelgt er melancholisch in der Vergangenheit und betrauert selbst verschuldete Verluste, und in La Boheme von 1965 verklärt er die Jugend sowie Armut und Hoffnungen junger Künstler. Oder Les enfants de la guerre von1966, in dem es um Kriegskinder geht, die vor ihrer Zeit gealtert sind und ihre Kindheit verloren haben. Seinen größten Welthit singt er in englischer Sprache She (1974). - Bei aller Melancholie in seinen Chansons kostete Aznavour das Leben aus. Er zitierte den italienischen Regisseur Federico Fellini „Die Neugier ist das Erwachen der Welt.“ Mit diesen wachen Augen ging Aznavour tatsächlich durch die Welt und so filmte er sie auch.

Mitte der 1960er Jahre war er ein Weltstar, und nach zwei gescheiterten Ehen heiratete er 1967 die Schwedin Ulla Thorrsell, mit der er drei Kinder bekam. Seine Frau und Kinder filmte er gern, aber Ulla hatte auch eine Kamera, mit der sie ihn filmte, manchmal beim Filmen. So entstanden wunderbare Bilder. Er hatte Wohlstand, Ruhm, eine glückliche Ehe und war in seinem Umfeld der Nabel der Welt. Das hätte ihm zu Kopf steigen können und ist es zwischenzeitlich vielleicht sogar, aber unterm Strich war er immer noch ein kleiner Mann, stellte er fest, zumindest von der Körpergröße her. Er wurde bewundert, weil er mit anderen Stars wie Frank Sinatra, Nina Simone und Barbra Streisand befreundet war. Für ihn hatten sie alle gemeinsam, dass sie wegen ihrer Herkunft oder Ethnie zu kämpfen gehabt hatten.

Aznavour hatte offensichtlich die Fähigkeit zum Glück, das Talent zu komponieren, Chansons zu singen, in Filmen komplexe Charaktere darzustellen, und nun bringt er uns als Kameramann auch noch die Welt, das Leben und die Gefühle näher. Er ließ seine Begabungen aus sich heraus, hielt wohl kaum etwas zurück und gab sich an das Leben hin. Vielleicht ist das das Geheimnis seines Lebens und seines Erfolges. Er starb 2018 mit 94 Jahren an einem Herzstillstand.



Aznavour by Charles | (C) Anna Sanders/ Films Artisan/ Producteur Melodium/ France 3/cinéma 2019

Helga Fitzner - 17. Juni 2021
ID 12978
Weitere Infos siehe auch: https://arsenalfilm.de/aznavour/index.htm


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