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63. Nordische Filmtage Lübeck | 3. - 7. 11. 2022

Das Blut

der Frauen

Ein Festival-Fazit




Das Festival NORDISCHE FILMTAGE LÜBECK stand in diesem Jahr unter neuer Leitung: Thomas Hailer, früher für die Berlinale-Jugendfilmsektion „Generation“ zuständig, hatte Linde Fröhlich nach 20 Jahren abgelöst. Außer der Einführung eines Ehrenpreises – an die wunderbare dänische Schauspielerin Trine Dyrholm, die in einem Historienfilm als dänische Königin Magarethe zu sehen war, – hatte Hailer vernünftigerweise an den etablierten Programmstrukturen nichts geändert. Wozu auch? Aus Skandinavien kommen immer wieder sehenswerte Filme, zunehmend auch aus dem Baltikum. Ein veritabler Flop war ausgerechnet der Eröffnungsfilm, die ermüdende Actionplotte Cop Secret aus Island.

* *

Die Lübecker Auswahl der im Norden Europas produzierten Spiel- und Dokumentarfilme 2020 destillierte zwei interessante Schwerpunkte heraus: Geschichten aus Afrika und Geschichten über den Kampf von Frauen um Gleichberechtigung. Das Drama As In Heaven der dänischen Regisseurin Tea Lindeburg ist die Verfilmung des bereits 1920 erschienenen Romans Eine Todesnacht von Marie Bregendahl, die darin autobiografisch das harte Leben auf einem Bauernhof um 1890 schildert: Die pubertierende, selbstbewusste Lise (nuancenreich gespielt von Flora Ofelia Hoffmann Lindahl) ist das älteste von sieben Geschwistern, die mit ihren Eltern und zahlreichen Knechten und Mägden einen Gutshof bewirtschaftet, der immerhin so groß ist, dass er allen ein ausreichendes Leben ermöglicht. Dass Lise gerne die Schule besuchen möchte, wird daher im bäuerlich-konservativem Umfeld als unnütz angesehen. Doch Lise ist deutlich anzumerken, dass sie über ihr bescheidenes Alltagsdasein hinausdenkt und über einen starken Willen verfügt.

Hilflos muss Lise mit ihren jüngeren Schwestern jedoch mitansehen, wie sich bei ihrer hochschwangeren Mutter schwere Komplikationen mit straken Blutungen ergeben, die von der Großmutter und den meisten Mägden als gottgewollt hingenommen werden, bis nach Stunden des Leidens viel zu spät ein Arzt aus der Ferne herbeigerufen wird. Die Angst vor dem Verlust der Mutter mischt sich mit dem Entsetzen Lises über die Gefahren, denen Schwangere urplötzlich ausgesetzt sein können. Die Urängste vor der Grenzerfahrung Geburt, die bei Lise durch ihre Zeugenschaft vom langanhaltenden, körperlichen Leiden ihrer Mutter hervorgerufen werden, schildert Tea Lindeburg mithilfe surrealer Schreckensbilder. Für die gelungene Kombination dieser Einsprengsel in das ansonsten naturalistische Ambiente des Landlebens fern aller Romantik ist der famose Kameramann Marcel Zyskind verantwortlich, der schon die Filme des Briten Michael Winterbottom fotografierte (z.B. In This World, 9 Songs).

Regisseurin Lindeburg verweist auf die traditionellen und patriarchalen Strukturen dieses Ausschnitts der Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die auch von den älteren weiblichen Mitgliedern gestützt werden, und aus denen auszubrechen sich Lise als erste anschickt. Doch während Männer nur stumpfe Randfiguren sind, betont die Filmemacherin das Schicksalhafte des Leiblichen, nämlich der Schwanger- und Mutterschaft von Frauen, das geeignet ist, die Frauen buchstäblich an Haus, Hof und (Wochen-)Bett zu fesseln. Damit richtet Lindeburg den Fokus wieder auf das, was die französische Feministin Simone de Beauvoir (1908-1986) in ihrem 1949 veröffentlichten, programmatischen Buch Das andere Geschlecht als biologischen Determinismus ablehnte: „Die Natur spielt bei der Entwicklung des Menschen eine sehr geringe Rolle; wir sind soziale Wesen.“

Andererseits stellt Lindeburg klar, dass die ökonomische und psychologische Abhängigkeit der Bauersfrauen von den männlich geprägten Arbeitsverhältnissen, dem Glauben und Aberglauben, eine ebenso mächtige Fessel ist. So zielt der kompakt und spannend erzählte Film anhand eines alptraumhaften Einzelgeschehens auf das weite und komplexe Feld geschlechtspolitischer Fragen, was keine geringe Leistung ist.

Bewertung:    



As in heaven | © Jens Wognsen

*

Wo Frauen noch heute die Hölle auf Erden erleben, zeigt der schwedische Dokumentarfilm Sabaya von Regisseur Hogir Hirori. Im Mittelpunkt steht der Polizist Mahmud, der mithilfe einer Gruppe von Unterstützern in Syrien versucht, 2014 von Islamisten verschleppte jesidische Mädchen und Frauen aufzuspüren und zu befreien. Der von Dschihadisten deklarierte „Islamische Staat“ verübt seit den Bürgerkriegen im Irak und Syrien einen Völkermord gegen die Religionsgemeinschaft der Jesiden, wozu auch die tausendfache Entführung minderjähriger Mädchen in der nordirakische Provinz Sinjar gehört, die als Sexsklavinnen (Sabaya) verkauft oder zwangskonvertiert und mit muslimischen Kämpfern zwangsverheiratet werden.

Der Dokumentarfilm schildert quasi hautnah die mühselige und gefährliche Arbeit Mahmuds und seiner Mitstreiter/-innen, die permanent von grausigen Schicksalen von Mädchen erfahren: die miterlebt haben, wie ihre Väter und Brüder erschossen wurden, sie selbst verschleppt, vergewaltigt und gefoltert wurden. Selbst vor der Zwangsehe von sechsjährigen Kindern schrecken manche Islamisten nicht zurück. Das Absurde: Die entführten und geknechteten Mädchen und Frauen leben streng bewacht von ihren Peinigern oder deren Verbündeten mit tausenden anderen Bürgerkriegsflüchtlingen in einem riesigen Lager in Syrien, über deren Verpflegung und Überleben eigentlich die internationale Organisation UNHCR wacht.

Doch die Bilder, die der Film aus Nordsyrien liefert, zeigen, dass innerhalb des Camps Korruption und außerhalb Wildwestmanieren die Regel sind – was sich Mahmud und seine jesidischen Guerillas auch zunutze machen: Sie schleusen komplett verschleierte Frauen als vermeintliche Flüchtlinge in das Camp, lassen sich von diesen Kundschafterinnen per Smartphones hinter den Schleiern Informationen übermitteln, überrumpeln dann nachts die islamischen Bewacher, befreien unter Gewaltandrohung die entführten Frauen und bringen sie zu ihren Stützpunkten (die eigentlich bloße Häuser sind). Die Zuschauer erleben Verfolgungsjagden und Schusswechsel mit den Dschihadisten ebenso mit wie deren Racheaktionen: die Dörfer der Syrer und Jesiden werden in Flammen gesetzt.

Ein eindringliches Dokument, das an einen hierzulande fast vergessenen Völkermord erinnert.

Bewertung:    



Sabaya | © Lolav Media, Ginestra Film

*

Nicht minder packend war der Spielfilm The Blind Man Who Did Not Want To See Titanic, der eines der Highlights war, dessen Import nach Deutschland aber ungewiss ist. Der finnische Regisseur und Drehbuchautor Teemu Nikki schildert in der ersten Hälfte seines ungewöhnlichen Films die Lebensumstände des schwer an Multipler Sklerose erkrankten Filmfans Jaakko, der erblindet und gelähmt in seinem Appartement versucht, ein so normales Leben wie möglich zu führen. Die digitale Technik bzw. sein Smartphone ist dabei eine Allroundhilfe, unter anderem zum Abhören von Nachrichten und der Zeit, aber auch zur Kommunikation mit seinen Eltern und seiner Leidensgenossin Sirpa, die in einer anderen Stadt lebt und die Jaakko nur übers Telefon kennt.

Regisseur Nikki lässt Petri Poikolainen als Laien sein eigenes Schicksal spielen, und ein konsequent angewandtes, visuelles Konzept soll den Zuschauern dessen Einschränkung nachvollziehbar machen: Die Kamera filmt während der gesamten Zeit in Nahaufnahmen Poikolainens Kopf, während der ihn umgebende Rest nur verschwommen und schemenhaft erkennbar ist. Wir sehen also kaum mehr als Jaakko, nämlich nur sein Gesicht. Das ist zunächst gewöhnungsbedürftig und keine Empfehlung für die ersten Sitzreihen. Aber mit zunehmendem Handlungsverlauf gewinnt die Fokussierung an Reiz, zumal das konzentrierte Kammerspiel unversehens zu einem Thriller wird, als Jaakko während seiner überstürzten Reise zu Sirpa in die Fänge von Drogenkriminellen gerät, die sein Konto plündern wollen. Seine Ängste und Gefühle der Hilflosigkeit übertragen sich mit unverminderter Wucht auf das Publikum, dem der Regisseur die letzte bittere Dramatik zwar erspart, aber doch eine Achterbahnfahrt an Gefühlen beschert.

Bewertung:    



The Blind Man Who Did Not Want To See Titanic | (C) Intramovies

*

Einen spektakulären Fall von Hochstapelei schildert der norwegische Regisseur Emil Trier in seinem Dokumentarfilm Trust Me: Vor zehn Jahren wurde der eloquente, selbstsicher auftretende Jungunternehmer Waleed Ahmed von den norwegischen Medien als „norwegische Mark Zuckerberg“ hochbejubelt. Seine vermeintlich ökologisch bahnbrechende Erfindung eines durch Solarzellen angetriebenen Schnellauflade-Geräts für Smartphones war aber erstens nicht seine Erfindung und funktionierte zweitens nicht. Doch weil Ahmed als Sohn pakistanischer Einwanderer positiv diskriminiert wurde, also als Aushängeschild für gelungene Integration der jüngsten Generation von Immigranten gilt, und die grüne Idee des sonnenbetriebenen Geräts so wünschenswert war, wurde weder bei Medien und Politik genauer nachgefragt. Als der Schwindel auffliegt, ist Waleed Ahmed mit einem überforderten, weil in wissenschaftlichen Fragen unbeleckten Kompagnon längst schon zu noch größeren Ufern aufgebrochen und versucht, millionenschwere Deals mit US-amerikanischen Investoren einzutüten.

Um ein Studium und viele Stufen einer Karriereleiter zu überspringen, nutzt Ahmed seine Überzeugungskraft, sucht gezielt den Kontakt mit Promis und hochrangigen Politikern, fälscht Dokumente und gibt sich als Konzertmanager von Justin Bieber aus. Sein tiefer Fall in die Arme des F.B.I. wird noch dramatischer, da er vor Gericht auf Arroganz statt Reue setzt und dafür elf Jahre anstelle von elf Monaten Knast aufgebrummt bekommt. Bitter! Der Reiz dieser eher konventionell gedrehten Doku ist eindeutig das geschilderte Schicksal eines im Schwindeln Hochbegabten.

Bewertung:    


Max-Peter Heyne - 16. November 2021
ID 13298
Weitere Infos siehe auch: https://www.nordische-filmtage.de/


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