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Neues deutsches Kino

Der Kuchen wird kleiner

Aber bitte mit Sahne! - Jahresrückblick auf das deutsche Kinojahr 2019



Der unerwartet große Erfolg des Debüt-Spielfilms der 26 Jahre jungen Regisseurin Nora Fingscheidt, Systemsprenger, ist DIE Erfolgsgeschichte des deutschsprachigen Film 2019. Alle anderen Publikumserfolge, so z.B. die Komödien Das perfekte Geheimnis von Bora Dagtekin (Fuck you Göhte 1-3) oder die noch im Dezember 2018 gestartete 100 Dinge von und mit Florian David Fitz, waren so oder ähnlich zu erwarten gewesen. Nein, halt! Dass der inzwischen sechste (!) Krimi um den stieseligen Kleinstadtbullen Franz Eberhofer, Leberkäsjunkie (Regie: Ed Herzog) mit fast eineinhalb Millionen Ticketverkäufen der erfolgreichste Film der 2013 gestarteten Reihe werden würde, ist ein besonderes, fast ausschließlich bayerisches Phänomen – aber ein sehr sympathisches. Dass gerade die Verfilmung der melancholisch-bittersüßen Kindheitserinnerungen des schwulen Entertainers Hape Kerkeling, Der Junge muss an die frische Luft, einen langen Atem von mehr als einem Jahr Laufzeit entwickelten (bei aktuell noch 13 Kopien, die den Film in der 52. Woche auf knapp 3,7 Millionen Besucher hieven), trifft auch beileibe keine unverdiente Leistung (Regie: Caroline Link). Das Gerichtsdrama Der Fall Collini hielt sich sicherlich nicht nur, aber auch dank Elyas M’Barek monatelang in höheren Regionen (knapp unter 800.000 Tickets) auf.

Bei den Komödien-Blockbustern erstaunt wieder einmal die enorme Diskrepanz zwischen Kritik und Publikum, wenn es um die Bewertung von Humor im deutschen Kinofilm geht: Mehrere Kritiker namhafter Medien brandmarkten das starbesetzte Geheimnis als sexistisch und rückwärtsgewandt, was eigentlich auf ein Machwerk schließen lässt, das sich ein junges, zeitgenössisches Publikum nicht antun würde. Doch rund fünf Millionen Kinozuschauern gingen solche Urteile schlichtweg am Allerwertesten vorbei. Ähnlich ging es wohl den fast 550.000 BesucherInnen der bonbonfarbigen Verballhornungsmaschinerie von Udo-Jürgens-Liedern, Ich war noch niemals in New York. Wie sehr der Einfluss deutschsprachiger Filmkritik mittlerweile gegen Null tendiert – selbst wenn sie noch als ernstzunehmende Variante vorkommt –, zeigte sich auch an ganz anderen Beispielen, wo weder Humor noch der Generationenaspekt für den Graben zwischen den Amüsierwilligen und Kulturverteidigern verantwortlich sein können. Die bierernste und biedere Literaturverfilmung Deutschstunde (Regie: Christian Schwochow, Drehbuch: seine Mutter Heide Schwochow) fand wenig Gnade bei den Profis, aber auch locker über 300.000 Ticketkäufer. Lediglich in den beiden Fällen Systemsprenger (578.000 Tickets bis Mitte Dezember) und Lara (164.0000 Tickets), dem erst zweiten Film von Oh Boy-Regisseur Jan Ole Gerster, waren sich Kritik und Publikum einig in ihrem Zuspruch.

Beide Filme überzeugen durch ein originelles Drehbuch mit suggestiver, den Zuschauer ins Geschehen involvierenden Handlung. Und vor allem das schwer erziehbare Kind in Systemsprenger konnte die Zuschauer nicht kalt lassen. Ein Film als einmalige, fordernde Erfahrung – was sonst nur bei Horrorfilmen zum Instrumentarium gehört, hat auch Nora Fingscheidt verwendet. Doch dass ein Film mit einem schwierigen Thema wie das Scheitern gängiger pädagogischer Rezepte deutlich mehr als 500.000 Zuschauer anlocken würde, konnten selbst die größten Optimisten nicht vorhersehen, die dem Film mehr gewünscht hatten als den bescheidenen Erfolg auf der BERLINALE im Februar, wo der Film von der internationalen Jury um Juliette Binoche lediglich einen Silbernen Bären als origineller Nachwuchsfilm erhielt. Dass Fingscheidts Film trotz viel Rückendeckung nicht in die engere Auswahl der Oscar-Kandidaten für den besten fremdsprachigen Film gelangte, ist eine Enttäuschung, aber kein Makel, schließlich steht Fingscheidt noch am Anfang ihrer Regiekarriere, die sie nun in Hollywood fortsetzen wird (ihre Hauptdarstellerin gab dort an der Seite von Tom Hanks in einem modernen Western bereits ihr Debüt).

Im Schatten von Systemsprenger und den erwähnten Blockbustern sowie einigen leidlich erfolgreichen Kinder- und Jugendfilmen (z.B. Ostwind 3) sind viele Dutzende deutsche Produktionen sang- und klanglos untergegangen. In manchen Fällen völlig zu Unrecht! Besonders bitter traf es Liebesgeschichten wie die sehr eigenwilligen Spielfilmdebüts von Miriam Bliese, Die Einzelteile der Liebe und Heute oder morgen von Thomas Moritz Helm. Aber auch die für ein jugendliches Publikum gedachten, wunderbar verspielt-poetischen Filme Vom Lokführer, der die Liebe suchte…, Cleo und Fritzi – eine Wendewundergeschichte hätten mehr Zuspruch verdient gehabt. Selbst ein mit populären deutschen Stars besetzter Film wie Was gewesen wäre (Christiane Paul! Ronald Zehrfeld!) von Regisseur Florian Koerner von Gustorf lief mit knapp 6.000 Zuschauern quasi unterhalb des Radars. Nicht nur in diesem Fall haben vermutlich eine wenig originelle Synopsis in Kombination mit einem überbordenden Angebot, das Kinogängern viele mitreißendere, in- und ausländische Alternativen bot, für den Flop gesorgt. Für die zahlreichen deutschen Dokumentarfilme des Jahres 2019 lautete die ernüchternde Devise: 5.000 Tickets sind normal geworden.

*

Zu Beginn der BERLINALE sorgte die Bundeskulturministerin Monika Grütters für einigen Wirbel, als sie den deutschen Produzenten bei ihrem Festivaltreffen zu verstehen gab, angesichts der vielen Fördergelder aus öffentlicher Hand müssten deutsche Filme qualitätsvoller sein. Egal, nach welchen Maßstäben man dies messen will, konnten sich viele angesprochen fühlen. Denn wieder einmal waren deutsche Filme im Ausland auf Festivals und im Kinoalltag wenig präsent – es sei denn, die Exportfachleute von German Films und Goethe-Institut organisierten entsprechende Spezialreihen. Im Laufe des Jahres waren durchaus einige Filme mit Qualität, Originalität und Substanz zu sehen. Indes: ihr potentielles Publikum erreichten sie nicht, Systemsprenger, Deutschstunde und Lara bleiben die Ausnahmen. Klar ausgedrückt heißt das: Selbst wenn ein Dutzend sehenswerter deutscher Arthaus-Filme auf den Markt kommen, gibt es für eine "so große" Zahl keinen Bedarf. Jedenfalls nicht (mehr) im Kino. Der Markt, der (noch) nach Mehr verlangt, ist ins Internet und zu den Streaming-Diensten abgewandert. Dort ist noch Hunger vorhanden, und viele der Protagonisten des deutschen Kinos sind dort bereits aktiv – manche, wie Deutschstunde-Regisseur Christian Schwochow sogar auf internationalem Parkett (die englische Serie The Crown). Dagegen ist nichts einzuwenden. Für den deutschen Kinofilm aber bedeutet dies, dass der Kuchen an Ticketverkäufen immer kleiner wird.

Max-Peter Heyne - 23. Dezember 2019
ID 11905
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