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31. FILMFESTIVAL COTTBUS | 2. bis 7. November 2021

Fazit

Spielfilm-Wettbewerb




Schnee, Eis, harte Regeln und Arbeit hinter Gefängnismauern sowie strikte Briefzensur, das hört sich nach einem diktatorisch-patriarchalem Albtraum an. Und doch tritt in Péter Kerekes‘ beim 31. FILMFESTIVAL COTTBUS mit der Lubina für den Besten Spielfilm geehrten 107 Mothers kein handelnder Mann in Erscheinung. Der Ort des fast dokumentarisch erzählenden Films ist ein ukrainisches Frauengefängnis in Odessa, deren Insassinnen schwanger oder bereits Mütter kleiner Kinder sind. Sie haben schwere Verbrechen wie Mord aus Leidenschaft begangen und müssen zum Teil langjährige Haftstrafen absitzen. Bewacht werden sie ausschließlich von Wärterinnen, die auch die Kinder betreuen. Nach dem 3. Geburtstag entscheidet sich, ob das Kind bis zur Freilassung der Mutter an Verwandte abgegeben werden kann, oder in ein Waisenheim muss.

Hauptprotagonistinnen sind die junge, wegen Mordes an ihrem Geliebten zu 7 Jahren Haft verurteilte Lesya (Maryna Klimova) und die Wärterin Iryna (Iryna Kiryazeva), die die Frauen zu ihren Taten, ihrer Schuld und Hoffnungen für die Zukunft befragt. Auch in Unterrichtsstunden lernen die Frauen sich mit ihren Taten auseinanderzusetzen. Während 3 Jahren sehen wir die ambivalente, allein lebende Wärterin Iryna aber auch bei der Zensur der Briefe der inhaftierten Frauen und in privaten Szenen mit ihrer überfürsorglichen Mutter, während anderseits das Leben Lesyas im Gefängnis zwischen Arbeit, Schule, Spiel mit ihrem Sohn und dem vergeblichen Versuch, das Kind an ihre Mutter oder Schwester abzugeben, gezeigt wird. Auch Iryna entwickelt eine engere Beziehung zu Lesyas Sohn, was letztendlich auch zu einer nicht schwer zu erratenden Lösung des Problems führt.

Der slowakische Dokumentarfilmer Péter Kerekes legt mit seinem, fast ausschließlich mit Laien besetzten ersten Spielfilm ein Statement für gegenseitige Achtung und Nächstenliebe vor und führt den Blick in eine sonst verschlossene Welt. Man sieht den streng reglementierten Alltag der inhaftierten Frauen, erhält Kenntnis nicht nur über ihre Taten, sondern nimmt ebenso Anteil an ihren Sorgen und der Liebe zu ihren Kindern. Die starke, unaufdringliche Emotionalität des fiktiven Films, der aus dem wahren Leben der Protagonistinnen schöpft, hat die Jury zu Recht überzeugt.


Bewertung:    



107 Mothers | (C) trigon-film.org

*

Zwölf Filme aus neunzehn Produktionsländern konkurrierten um die Lubinas, und doch vermochten nur wenige wie 107 Mothers zu überzeugen. Am ehesten noch der mit 160 Minuten längste Beitrag im Spielfilmwettbewerb. Der polnische Geschichts-Thriller Leave No Traces von Jan P. Matuszyński behandelt einen wahren Fall aus der Zeit kurz nach dem Ende des Kriegszustands im sozialistischen Polen 1983. Der Abiturient Grzegorz Przemyk (Mateusz Górski) und sein Freund Jurek Popiel (Tomasz Ziętek) werden von der polnischen Miliz verhaftet. Auf der Wache wird Grzegorz vor den Augen von Jurek von den anwesenden Milizionären mit Schlägen und Tritten brutal misshandeln, so dass er wenig später im Krankenhaus an den inneren Verletzungen stirbt. Die Mutter von Grzegorz, die oppositionelle Dichterin Barbara Sadowska (Sandra Korzeniak), versucht über einen Anwalt die Schuldigen vor Gericht zu bringen. Die polnische Staatsmacht und ihre Organe wie Polizei, Staatsanwaltschaft und Geheimdienst beginnen den Fall zu manipulieren, um die Schuld der Miliz zu vertuschen. Es wird massiv Druck seitens der Organe auf die Familie des Opfers und des Zeugen Jurek ausgeübt, die der Solidarność nahe Staatsanwältin abgelöst und letztendlich zwingt man die Sanitäter, die Grzegorz ins Krankenhaus gefahren haben, zu einem Geständnis der Tat.

Der Film trägt diese Zusammenhänge minutiös zusammen, zeigt die Aussichtslosigkeit der Betroffenen, sich gegen die massive Einflussnahme des Staats gegenüber der Justiz und den Spitzeleien des Geheimdienstes zu wehren. Selbst der aufrecht bleibende Jurek wird auf Druck von seinem eigenen Vater bedrängt die Aussage gegen die Milizionäre zurückzuziehen und vor Gericht von der neuen Staatsanwältin als unglaubwürdig dargestellt. Es zeigt sich aber auch der Zusammenhalt der oppositionellen Kräfte gegen das kommunistische Regime des Generals Jaruzelski, der hier auch mal in einer Sitzung mit seiner typischen Sonnenbrille zu sehen ist. In einer Nebenrolle tritt Adam Bobik als der ein Jahr später vom Geheimdienst ermordete Priester Jerzy Popiełuszko auf. Ein eindrucksvolles Stück Geschichtsaufarbeitung, das angesichts der Politik der in Polen regierenden PiS-Partei an Aktualität gewinnt. Jan P. Matuszyński erhielt dafür die Lubina für die beste Regie.

Bewertung:    



Leave No Traces | (C) Łukasz Bąk

* *

Trotz einer Mehrzahl interessanter starker bis zwiespältiger Frauenfiguren in den Wettbewerbsfilmen konnte keine der dort agierenden Schauspielerinnen den Preis für eine herausragende darstellerische Einzelleistung erringen. Weder Marina Redzepovic als sich bei Intrigen und Machtspielchen zwischen Direktorin, Kollegium und Elternbeirat aufreibende Vertrauenslehrerin Anamarija im kroatischen Film Staffroom (Das Lehrerzimmer) von Regisseurin Sonja Tarokić noch Vanja Ćirić als alleinerziehende, berufstätige Mirjana zwischen nervender Mutter und pubertierender Tochter in Zrinko Ogrestas Film A Blue Flower oder Kosovare Krasniqi als sich gegen die traditionelle Männergesellschaft im Kosovo auflehnende Schülerin Venera in Looking For Venera von Regisseurin Norika Sefa fanden Anklang bei der Jury.

Den Schauspielpreis erhielt der Georgier Levan Tediashvili für seine Rolle als Ex-Ringer und sowjetischer Olympionike Khakchi, ein Mann mit großem aber leider auch schwachem Herzen, der seinem zum Studium nach New York ausgewanderten Sohn Soso bei der Begleichung seiner Spielschulden bei der russischen Mafia beistehen will. Der mit lakonischem Humor aufwartende Spielfilm Brighton 4th von Regisseur Levan Koguashvili gibt einen Einblick in eine Auswanderer-Community in einem Männerwohnheim im New Yorker Stadtteil Brooklyn, die sich aus vielen der ehemaligen Sowjetrepubliken zusammensetzt, gemeinsam leidet, feiert und sich gegenseitig hilft. Zugegebenerweise ein Film über eine fast exklusive, recht traditionelle Männergemeinschaft, aber ebenso herzliche wie emotionale Vater-Sohn-Beziehung, die auch von den Jurys des FIPRESCI-Preises der internationalen Kino-Presse und des Preises der Ökonomischen Jury belohnt wurde.

Bewertung:    



Traditionell stark waren auch die Beiträge mit russischer Beteiligung im Spielfilmwettbewerb. Der in großer Koproduktion von Finnland, Russland, Estland und Deutschland entstandene Eröffnungsfilm des Cottbuser Festivals Abteil Nr. 6 von Juho Kuosmanen hatte wohl den größten Publikumsanklang und konnte so auch den begehrten Publikumspreis erringen. Die Verfilmung des in die 1990er Jahre verlegten gleichnamigen finnischen Romans von Rosa Liksom folgt der finnischen Archäologie-Studentin Laura (Seidi Haarla) auf einer winterlichen Zugreise von Moskau nach Murmansk auf der Halbinsel Kola. Sie trifft in ihrem Abteil auf einen jungen betrunkenen Russen (Yuriy Borisov), der ihr die krudesten Sachen aus seinem Leben erzählt. Über die Länge der Fahrt kommen sich die beiden aber näher und es entwickelt sich aus erster Zuneigung sogar eine zunächst schüchterne Liebe. Laura will nicht nur alte Höhlenmalereien erforschen, sondern ist auch auf der Flucht aus ihrem Leben und Suche nach sich selbst. Der zuerst recht rasante Film verliert am Ende dann aber zusehends den Faden.

Bewertung:    



Abteil Nr. 6 | (C) Sami Kuokkanen, Aamu Film Company

* * *

Eine russische Bonny-und-Clyde-Story, beruhend auf wahren Begebenheiten, erzählt der Film In Limbo von Regisseur Alexander Hant. Die verliebten Teenager Sasha (Jenia Vinogradova) und Danny (Igor Ivanov) fliehen im Wagen des Polizeibeamten Victor, Stiefvater von Sascha, vor ihren autoritären Eltern aus dem heimischen Ekatrinburg in die Wälder der russischen Provinz. Sie proben eine Art kleine anarchische Revolution, bei der sie zunächst die Slogans allgegenwärtiger Reklametafeln übersprühen, oder Leute mit der Videokamera zur Einschätzung ihrer Lebensumstände befragen. Immer mehr driften sie aber bewaffnet mit Pistole und Kalaschnikow selbst in die Gewaltmuster der russischen Gesellschaft ab. Verfolgt von der Polizei und ihren der Kommunikation unfähigen Eltern kommt es dann schließlich zum unausweichlichen Showdown in einer Waldhütte. Eine zunächst noch lustige Teenagerrevolte scheitert an der Unerbittlichkeit staatlicher Gewalt.

Bewertung:    


Stefan Bock - 8. November 2021
ID 13280

Weitere Infos siehe auch: https://www.filmfestivalcottbus.de


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