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42. Filmfestival Max Ophüls Preis

Die Hunnen

kommen

DAS MASSAKER VON ANRÖCHTE


Bewertung:    



60. Geburtstag und 10. Todestag. 2020 war das Schlingensief-Jahr. Davon zeugt nicht nur ein hervorragender Dokumentarfilm von Bettina Böhler. Das Theater in Oberhausen (Geburtsstadt des umtriebigen Allroundkünstlers) veranstaltete sogar ein ganzes Spektakel. Im Rahmen von „Schlingensief 2020“ entstand auch der vom Theater Oberhausen produzierte Spielfilm Das Massaker von Anröchte, der nun im Wettbewerb des Max-Ophüls-Preis Saarbrücken lief. Nach einem Drehbuch von Dramatiker Wolfram Lotz filmte die Crew um Regisseurin Hannah Dörr mitten im Coronajahr zwischen zwei Lockdowns einen von Lotz so genannten „Anti-Tatort“ an Drehorten im Ruhrgebiet wie Oberhausen, Mülheim, Bottrop und Bochum. Inspiriert von Christoph Schlingensiefs „Deutschland-Trilogie“ überträgt Lotz in einer Hommage an den Regisseur dessen satirischen Blick auf das Nachkriegs- und Nachwende-Deutschland in eine nicht weniger satirische Sicht auf den deutschen Kleinstadtwahnsinn unserer Zeit. Dazu setzt Regisseurin Hannah Dörr ihren Film in ein relativ bleiches, farbverwaschenes 4-3-Format. Eine klassische TV-Ästhetik gepaart mit der für Schlingensief so typischen Amateurhaftigkeit, was hier nicht unbedingt abwertend zu verstehen ist.

Dazu muss man sagen, Anröchte ist durchaus überall [s. auch Freies Land]. Die Trostlosigkeit der Bilder mit verrammelten Häuserfronten, an denen Kommissar Konka und sein Assistent Walter immer wieder von einer Seite zur anderen durchs Bild laufen, ließe sich so sicher auch in anderen Provinzgegenden Deutschlands finden, genau wie der Kleinstadtmief und großspurige Provinzpolitiker, die für ein paar Touristen jeden Dreck unter den Teppich kehren wollen. Ausnahmen bestätigen hier natürlich die Regel. Aber was ist los in Anröchte? Eben nicht viel, bis auf ein paar plötzlich auftauchende reitende Hunnen, die wahllos unbescholtene Bürger köpfen. Ein durchaus gekonnter Auftakt ganz im Stil des Trash-Meisters Schlingensief. Dabei hat die Regisseurin nach eigener Aussage die meisten Gewalt- und wohl auch einige Sexszenen aus Lotz‘ Drehbuch gestrichen. Also die Köpfe rollen hier nicht gerade wie Kohlköpfe über den Acker. Eine falsch zusammengesetzte Leiche sieht man dennoch in der Pathologie. Hier wird auch die übliche Sprechweise sonntäglicher Tatortfolgen aufs Beste persifliert.

Weg von der normalen Realität des Tatort mit seinem konventionellen Whodunit-Konzept ist Wolfram Lotz auf der Suche nach einer aus der Fiktion des Theaters heraus erschaffenen neuen Realität. So in etwa heißt es zumindest in seiner Rede zum unmöglichen Theater. Gleiches lässt sich natürlich auch auf den Film übertragen. Regisseurin Dörr hat als Assistentin bei Frank Castorf an der Berliner Volksbühne oder als Videokünstlerin am Maxim Gorki Theater, dem HAU u.a. Bühnen ebenfalls genügend Theaterluft geschnuppert, als das ihr dieser Anspruch fremd wäre. Und so stürzen die beiden Kriminalisten wie vom anderen Stern ins provinzielle Anröchte. Dem Muster nach Derrick und sein Assistent Harry, kombiniert und sinniert Kommissar Konka (ein Schelm, wer da an Honka denkt) beim Frühstück im Hotel über das Motiv, bis ihm die Sinnlosigkeit dessen bewusst wird, während Assistent Walter ihm die Koffer nachträgt und ansonsten über das Böse im Menschen, den Hass und die fehlende Liebe nachdenkt. Der Mensch, ein Wolf unter Wölfen u.ä. hochtrabend Philosophisches.

Aber auch das ist als aufgesetzte Metaebene die reinste Satire. Die Frage nach dem Bösen ist als treibende Kraft genauso untauglich und sinnentleert wie die Frage nach dem eigentlichen Täter, den Honka dann irgendwann eher im Vorbeigehen stellt. Der langjährige Castorf-Mime Hendrik Arnst gibt seinem Kommissar etwas Bärbeißiges, aber auch schwer Melancholisches mit Hang zum kurzen Gewaltausbruch. In seinem Schatten wirkt Julian Sark als idealistischer aber weitestgehend stummer Assistent Walter ebenso verlassen und verzweifelt. Immer wiederkehrend sind das alltägliche Frühstück und stupide Szenen im Hotelzimmer zwischen Regionalfernsehen, Börsenmeldungen, Teleshoppingkanal und Telefonanrufen. Bei ihren Streifzügen durch die trostlose Kleinstadt mit kafkaesken Rathausfluren, Fleischerladen, Rummelplatz, Dorfdisko und unterirdischem Bunker treffen sie auf die merkwürdigsten Figuren, Verdächtige und zwei relativ unmotivierte Dorfpolizisten.

Die Konstellation von zwei Großstadtpolizisten auf Sinnsuche in der fernen Provinz mag nicht gerade neu sein, bekommt hier aber etwas herrlich Absurdes, wie man es eben nur aus den Filmen von Christoph Schlingensief oder auch Helge Schneider kennt. Also etwas für eingefleischte Fans.



Das Massaker von Anröchte mit Henrik Arnst (li.) und Julian Stark | (C) Theater Oberhausen - öFilm

Stefan Bock - 21. Januar 2021
ID 12702
Das Massaker von Anröchte (D 2021)
Regie, Schnitt und Szenenbild: Hannah Dörr
Drehbuch: Wolfram Lotz
Bildgestaltung: Jesse Mazuch
Kostümbild: Svenja Gassen
Maskenbild: Juli Schulz und Jenny Uhlig
Dramaturgie: Elena Liebenstein
Musik: Anton Weil
Mit: Hendrik Arnst, Julian Sark, Max Bretschneider, Sophia Burtscher, Yuri Egnlert, André Armin Hegner, Mathias Max Herrmann, Burak Hoffmann, Elisabeth Hoppe, Anna Polke, Magda Lena Schlott, Theatergruppe Blindflug, Klaus Zwick u.a.


Weitere Infos siehe auch: https://ffmop.de/


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