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DVD-Kritik

Das Scheusal

als Kultfigur



Bewertung:    



Lars Eidinger zählt zu den meistgelobten deutschen Schauspielern seiner Generation, und ein Meilenstein seiner beneidenswerten Karriere war, nach Hamlet, die Titelrolle in Richard III. an seinem Stammhaus, der Schaubühne am Lehniner Platz, in der Regie von deren Leiter Thomas Ostermeier.

In neueren Inszenierungen des nicht eben selten aufgeführten Dramas wird die körperliche Deformation Richards III., an deren historischer Verbürgtheit die Forschung Zweifel anmeldet, eher zurückgenommen, mehr behauptet als gezeigt. Eidinger spielt den Richard als einen übertrieben hinkenden buckligen Glöckner von Notre Dame, bei dem sich nicht entscheiden lässt, ob seine Gebrechen die Ursache oder der Ausdruck seiner Bösartigkeit sind. Diese Bösartigkeit könnte sich durch die hasserfüllte Niedertracht relativieren, auf die Richard gleich im ersten Akt, bei der von einem Mann gespielten Margareta, trifft, wenn diese nicht so schnell aus dem Blickfeld und dem Gedächtnis geriete.

Das Intimste macht Ostermeier zum Öffentlichen, indem er Eidinger monologische Partien und Beiseites in ein von oben herabhängendes Mikrophon sprechen lässt. Richard scheint seine Ruchlosigkeit zu genießen. Er bietet sie dem Publikum lächelnd dar als Beweis seiner intellektuellen Überlegenheit, ein Vorläufer der NS-Mörder oder von Nathan Leopold und Richard Loeb.

Besonders gut gelingen Ostermeier die clownesken Elemente, die Shakespeare selbst in diesem blutrünstigen Stück einstreut. Sie kommen eher diskret daher, reizen Sarkasmus und Komik nicht aus. Dabei dürfen die Schauspieler, die mehrere Rollen bekleiden und in der Struktur des Dramas im Schatten der Hauptfigur stehen, ihre Verfügbarkeit unter Beweis stellen. Gerade Szenen, die an Gangsterfilme erinnern, machen erfahrbar, was das Theater nach wie vor zu leisten vermag. Auch die „Besetzung“ der Königssöhne Edward und Richard mit Puppen ist hier, anders als in zahlreichen Inszenierungen der vergangenen Jahre, noch keine Mode, sondern sinnfällig. Sie mögen noch so altklug daherschwätzen – sie werden von den Mächtigen im wörtlichen Sinne manipuliert.

Nirgends kommt Shakespeares Richard so nah an Molières Tartuffe heran, den Lars Eidinger zwei Jahre vor dem englischen Usurpator gespielt hat, wie in der Szene, in der er sich heuchlerisch und in geistlicher Begleitung bitten lässt, die Krone anzunehmen. Eidinger macht daraus ein Kabinettstück, das seinen Ruf rechtfertigt. Und es bedarf keiner Verkleidung, um darin Mechanismen zu erkennen, die bis auf den heutigen Tag Machtkämpfe in der Politik beherrschen. Die Szene ist auch beispielhaft für das ausgewogene Timing der Inszenierung, für die exakte Platzierung von Pausen, für die Balance zwischen Tempo und Langsamkeit. Hier bestätigt sich die Schaubühne als eines der nach wie vor erstrangigen Theater im deutschen Sprachraum.

Den bekanntesten Satz des Dramas – „Ein Pferd! ein Pferd! mein Königreich für 'n Pferd“ – sagt Richard III. bei Ostermeier nicht in der Schlacht, sondern im Schlaf. Er stirbt nicht durch Waffen, sondern an seinem schlechten Gewissen, das er, immerhin, zu haben scheint, und durch die Geister der Ermordeten. Den siegreichen Richmond und die Apotheose braucht es hier ebenso wenig wie Fortinbras in vielen Hamlet-Inszenierungen.

Alles ist schäbig in dieser Welt der Intrigen und der Mordlust: die in gelbbraunes Licht getauchte, mit Sand bedeckte zirkusarenaartige, nur sehr entfernt an das Globe Theatre erinnernde Rundbühne, die einzelne Figuren vom Zuschauerraum her betreten, vor einem kargen Gerüst und der Brandmauer, deren Türen in Nebengemächer führen, die man eher als Gefängniszellen imaginiert denn als königliche Gemächer.

Ostermeier greift nicht auf eine der zahlreichen vorliegenden Übersetzungen zurück, sondern ließ sich von seinem Dramaturgen Marius von Mayenburg eine neue machen. Dass der dafür Tantiemen einstreicht, dürfte ein nicht unerwünschter Nebeneffekt sein. So recht glücklich mag man mit dieser Fassung nicht werden. Von Mayenburg bedient sich zwar einer gegenwärtigen Sprache, will aber nicht ganz auf den Shakespeare-Ton verzichten. Dem Ergebnis fehlt es einerseits an Rhythmus und Musik der vertrauten Schlegelschen Übersetzung, aber auch an der Transparenz, die diesen Verlust wettmachen könnte. Sie leidet an ihrer Unentschlossenheit und macht nicht wirklich plausibel, was durch diesen erneuten Anlauf, im Vergleich etwa zu den Übertragungen von Erich Fried, Thomas Brasch oder Frank Günther, gewonnen wäre.

Den Versuch der Annäherung an die Gegenwart unterstützt die schrille musikalische oder vielmehr bruitistische Untermalung durch den Schlagzeuger Thomas Witte und elektronische Beigaben.

Aufgenommen wurde die jetzt als DVD zugängliche Aufführung allerdings nicht im markanten Berliner Mendelsohnbau, sondern in Zusammenarbeit mit der Produktionsgesellschaft La Compagnie des Indes und in der Filmregie des Österreichers Hannes Rossacher, der sich mit Musikvideos einen Namen gemacht hat, beim Festival d‘Avignon in einem typischen Opernhaus des 19. Jahrhunderts.

Nicht zu toppen? Wir denken an die Richards der vergangenen Jahrzehnte, an Hilmar Thate, an Gert Voss, an Ernst Stötzner (einen zum Berliner Ensemble übergelaufenen Star der alten Schaubühne), an Norman Hacker, auch an Ian McKellen und Al Pacino. Lars Eidinger zählt zu den meistgelobten deutschen Schauspielern seiner Generation...

*

P.S.: Die DVD enthält ein Begleitheft. Ich habe es nicht gelesen. Ich lese nie die Begleithefte und die Pressetexte, weil sie mich am Schreiben hindern. Sie würden meine eigenen Gedanken lenken, und es wäre mir peinlich, wenn ich auf einen Satz stieße, den ich von mir aus ähnlich formuliert habe. Ich möchte nicht in den Verdacht geraten, abzuschreiben. Es nervt mich, wenn andere es tun. In ihrer Gesellschaft fühle ich mich unbehaglich. Beihefte können für den Konsumenten einen Dienst leisten wie Programmhefte im Theater. Für den Kritiker sind sie eher schädlich. Und grundsätzlich sollte ein Kunstwerk, eine Theateraufführung ebenso wie ein Film, ein Bild, ein Gedicht, ein Roman, ausdrücken, was es zu sagen hat. Den Rest erledigt der Rezipient. Wenn er dann mehr erfahren möchte über Hintergründe, Zusammenhänge, Interpretationsmöglichkeiten, mag er sich Informationen einholen. Die freilich bekommt er überall besser als bei den Machern, die erklären, was sie wollten. Das ist für die Katz, wenn sie es nicht getan haben.
Thomas Rothschild – 27. November 2020
ID 12625
https://www.naxos.de/neuheiten/4260415080295/


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