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„Niemand sprach über den Krieg. Niemand. In Frankreich nicht, in Amerika nicht, nirgendwo. Die Leute wollten davon nichts hören. Die Leute wollten die Zukunft, nicht die Vergangenheit.“ (Marthe Cohn im Dokumentarfilm über ihr Leben)

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Die inzwischen 101jährige Marthe Cohn (1920, als Marthe Hoffnung, im französischen Metz geboren) schwieg über fünfzig Jahre über ihr Leben vor 1945. Sie folgte 1996 einem an Zeitzeugen gerichteten Aufruf der USC Shoah Foundation, einer Stiftung von Steven Spielberg. Erst dann begann sie in Vorträgen überall in der Welt über ihre Erfahrungen als Spionin des französischen Geheimdienstes im Deutschen Reich um 1944 zu sprechen und veröffentlichte ihre Kriegserinnerungen. Diese Biografie Im Land des Feindes: Eine jüdische Spionin in Nazi-Deutschland erschien übersetzt hierzulande 2018. In einer jüngst auf DVD erschienen Dokumentation erklärt sie auf Französisch mit deutschem Untertitel offen: „Ich finde es sehr wichtig, das Erlebnis weiterzugeben. Insbesondere Frauen haben anfangs nicht gesprochen.“

Die deutsche Regisseurin und Drehbuchautorin Nicola Alice Hens begleitete die gerade mal 1,50 Meter kleine Frau über vier Jahre für einen Dokumentarfilm über ihr Leben, Chichinette. Wie ich zufällig Spionin wurde (2019). Im Film erleben die Zuschauer eine neugierige, verschmitzte, energievolle und lebendige alte Dame. Sie reist mit ihrem amerikanischen Ehemann Major zu Lesungen und Ehrungen und spricht auf Veranstaltungen. Sie wird auch beim Alltag zu Hause in den USA gezeigt, etwa bei Hausarbeiten wie dem Kofferpacken oder dem Bestücken der Waschmaschine. Bereichert wird das Erzählte oft durch dazu passende Landschaftsaufnahmen – etwa vom Schwarzwald oder vom Rheinfall – oder szenische Animationen, die das Berichtete bebildern.

Marthe Hoffnung wächst als eines von sieben Kindern in einer jüdisch-orthodoxen Familie auf. Sie ist zwanzig Jahre alt, als die Deutschen 1940 in Frankreich einmarschierten. Juden in Frankreich werden zunehmend durch Repressionen bedroht. Marthes Schwester und Marthes Verlobter beteiligen sich im Untergrund an der Résistance und werden von den Deutschen ermordet. Die Familie flieht nach Südfrankreich. Sie verstecken sich in Dörfern oder im Hinterland. Im November 1944 wird Paris befreit. Als Elsässerin spricht Hoffnung fließend Deutsch. Die unscheinbare blonde und blauäugige Frau geht zum französischen Geheimdienst, um als Spionin im Deutschen Reich eingesetzt zu werden. Dort erhält sie während der Ausbildung den Spitznamen „Chichinette“ (kleine Nervensäge), weil sie viele Rückfragen stellt, alles genau wissen möchte und die Verantwortlichen immer wieder darum bittet, endlich eingesetzt zu werden.

Unter dem Decknamen "Martha Ulrich" soll sie sich als deutsche Krankenschwester ausgeben, die ihren vermissten Verlobten im Deutschen Reich sucht. Nach vierzehn gescheiterten Versuchen gelingt es ihr im Winter 1944/45 zu Fuß über die Schweiz nach Deutschland zu kommen. Sie hilft als Krankenschwester einem SS-Soldaten. So wird ihr Vertrauen geschenkt, das den Grundstein für ihre späteren Ermittlungen legt. Zu ihren wichtigsten Meldungen an den französischen Geheimdienst zählen Angaben über die Evakuierung der Siegfriedlinie im Nordwesten Freiburgs und zu den Stellungen deutscher Truppen im Schwarzwald.

Hoffnung arbeitet nach dem Zweiten Weltkrieg wieder als Krankenschwester in Frankreich. 1959 heiratet sie den US-amerikanischen Medizinstudenten Major L. Cohn und geht mit ihm in die USA. Im Film erklärt Cohn die Beweggründe zur Wegreise aus Deutschland und Europa mit den Worten: „Damals dachte ich, ich muss hier weg, damit ich nicht vergesse, was sie uns angetan haben!“

* *

Die DVD der feinfühligen und sensiblen Dokumentation wird durch umfangreiches Bonusmaterial bereichert. So spricht in den Outtakes die Historikerin Joëlle Boyer-Ben Kemoun über fehlende Akzeptanz für Frauen, die sich im militärischen Widerstand beteiligen wollten, alltägliche und eher einfache Aufgaben der Frauen in der Resistance und die Bedeutung von Cohn. Auch ein Kurzvortrag von Mechthild Gilzmer, Professorin für französische Kulturwissenschaft in Saarbrücken, bereichert ein das Bonusmaterial ergänzendes Filmgespräch. Gilzmer meint, dass etwa 10 Prozent der militärischen Widerständler gegen Nazideutschland Frauen gewesen seien, ihnen jedoch nur selten öffentliche Denkmäler zuteilwurden. Die Extras ergänzt ein Mitschnitt einer Autoparade vor dem Haus der Cohns mit Geburtstagsgrüßen zum Hundertsten in Zeiten von Corona. Ein spätes Porträt einer mutigen Widerständlerin, das die Reihe wichtiger Zeitzeugnisse, etwa auch ehemaliger Holocaust-Insassen wie Ruth Klüger (weiter leben. Eine Jugend, 1992), Adolf Bürger (Des Teufels Werkstatt, 1999) und der heute 96jährigen Esther Bejarano (Man nannte mich Krümel, 1989) erweitert.
Ansgar Skoda - 26. Mai 2021
ID 12933
Weitere Infos siehe auch: https://www.missingfilms.de/index.php/filme/14-filme-katalog/287-chichinette


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