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Heute vor 20 Jahren
ist Thomas Brasch
gestorben.


Bewertung:    



Dass Thomas Brasch zur kleinen Zahl der genialen Schriftsteller in der deutschen Nachkriegsliteratur zählt, dürfte weitgehend bekannt sein. Dass er mit den vier Filmen, die er bei seinem frühen Tod hinterlassen hat, auch einer der überragenden Regisseure ist, die in einem Atem mit Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders, Alexander Kluge und Werner Schroeter zu nennen wären, wenn noch Maßstäbe existierten, hat sich kurioserweise nicht herumgesprochen. Auf den Listen der 100 besten deutschen Filme, erstellt vom Deutschen Kinemathekverbund oder vom NDR, die solche Titel enthalten wie Die Supernasen, Manta Manta, Die Mädels vom Immenhof, Wenn der Vater mit dem Sohne, Schulmädchenreport oder Das Boot, taucht der Name Brasch – man glaubt es kaum – nicht auf.

Der Suhrkamp Verlag immerhin hat zusammen mit absolut MEDIEN die Filme in seiner verdienstvollen DVD-Reihe zugänglich gemacht. Und man kann sich davon überzeugen, dass es wohl außer dem Himmel über Berlin von Wim Wenders keinen Film gibt, der ein genaueres Bild von Berlin im Jahrzehnt vor dem Mauerfall entworfen hätte als die ersten zwei Filme von Thomas Brasch, Engel aus Eisen und Domino, die Assoziationen zum amerikanischen Gangsterfilm ebenso zulassen wie zu Antonioni.

Auf den ersten Blick mag der vierte und letzte Film von Thomas Brasch – nach den genannten und der niederländischen Verfilmung seines Theaterstücks Mercedes – als ästhetische „Zurücknahme“ beurteilt werden, als ein Schritt in Richtung Mainstream. Wenn freilich die Verpflichtung des US-Filmstars Tony Curtis einen kommerziellen Erfolg erleichtern sollte, dann ist die Rechnung nicht aufgegangen. Thomas Brasch hatte das Angebot, diesen Film in Hollywood zu drehen. Die Bedingungen, die man ihm dafür stellte und die anzunehmen er sich weigerte, kennzeichnen die Norm, die auch in den Köpfen europäischer Kinobesucher verankert ist, die „unser Unterbewusstsein kolonialisiert“ hat (Wim Wenders). Nach dem Willen der amerikanischen Produzenten durfte der Regisseur, den Tony Curtis spielt, unter keinen Umständen sterben, er durfte den Film nicht in Deutschland drehen, weil er als Jude dort nicht wieder hingehen würde, er musste ein sympathischer Mann sein, und zwar vom Anfang bis zum Ende, und der Film musste eine Liebesgeschichte haben. Dass Brasch gegen diese Regeln verstoßen hat, ist wahrscheinlich die Ursache für seine sträfliche Unterschätzung. Im Übrigen entspricht das raffinierte Vexierspiel des Films im Film im Film keineswegs dem Mainstream. Es stürzt den Zuschauer in eine Verwirrung, die Aufschluss gibt über das Fortleben der Vergangenheit in der Gegenwart.

Anders als jene Ost-Renegaten, die in der Bundesrepublik willkommen waren, weil sie mit ihrer Anklage gegen Honecker die lästige Abrechnung mit dem Nationalsozialismus entsorgen halfen, hat Thomas Brasch, der in der DDR immerhin im Gefängnis gesessen und für seinen Widerstand gegen den Staat bezahlt hatte, niemals vergessen, was die Nazis der Menschheit angetan haben, und auch zu einer Relativierung von deren Verbrechen ließ er sich nie herab. In einem Interview, das auf der DVD enthalten ist, sagt er (und sein Gesichtsausdruck lässt keinen Zweifel daran, wie ernst es ihm ist): „Der Faschismus ist so lange her wie eine Sekunde in meinem Leben. Wenn ich die Geschichte der Menschen ansehe – so lange ist er her. Eine Sekunde ist er her.“ Und weil die Verhöhnung des Antifaschismus auf der Tagesordnung steht, weil das heute im Rausch des Gender-Mainstreaming und auch durch dieses verdrängt wird: Elisabeth Bergner, Blandine Ebinger, Stella Kadmon, Kurt Gerron, Fritz Grünbaum, Peter Lorre, Ernst Deutsch, Paul Henreid, Otto Tausig, Max Reinhardt, Erwin Piscator, Fritz Kortner, Viktor Ullmann, Arnold Schönberg, Alexander von Zemlinsky, Hanns Eisler, Paul Dessau, Bruno Walter, Georg Kreisler, Gertrud Kolmar, Anna Seghers, Hilde Spiel, Alfred Döblin, Stefan Zweig, Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht, Erich Fried oder Jura Soyfer wurden nicht wegen ihres Geschlechts ins Exil verjagt oder ermordet, und es waren nicht nur Männer, die von der Beseitigung der lästigen Konkurrenz profitierten.

Der Passagier – Welcome to Germany sei kein KZ-Film, sagt Thomas Brasch. Das ist freilich nur die halbe Wahrheit. Dem Autor mag die Geschichte des „Verrats“, der Retouche einer eigenen Biographie, von der dieser Film handelt, besonders am Herzen gelegen haben. Aber das Ergebnis ist zumindest auch ein Film über den Nationalsozialismus, und er bildet in mancher Hinsicht ein Gegenstück zu den amerikanischen Beiträgen zum Thema, am ehesten noch vergleichbar dem Verschlag von Armand Gatti. Jurek Becker hat am Drehbuch mitgearbeitet, George Tabori spielt im Film eine Rolle, die ihm auf den Leib geschrieben scheint. Die Leute um Thomas Brasch – sie sind inzwischen alle tot – wussten, wovon sie sprachen. Vielleicht verbieten sie sich deshalb jede Sentimentalität. Die können sich nur die Kinder der Täter leisten, die in ihren Tränen das Eingeständnis ersäufen, dass sie die Erben der Mörder sind.

Heute vor 20 Jahren ist Thomas Brasch gestorben.
Thomas Rothschild – 3. November 2021
ID 13269
https://www.suhrkamp.de


Post an Dr. Thomas Rothschild

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