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70. BERLINALE

Panorama 2020

WELCOME TO CHECHNYA



Der investigative Journalist, Filmemacher und Sachbuchautor David France lieferte mit seinem Dokumentarfilm Welcome to Chechnya einen Beitrag in der Sektion Panorama zur 70. Berlinale 2020 in Berlin.

Krisentelefon: „Sag mir was los ist…“

Anruferin: „Mein Vater, er hat rausgefunden, dass ich lesbisch bin, er ist in der tschetschenischen Regierung [...] wenn ich abhaue… sie werden mich umbringen…“

Krisentelefon: „Wir kommen.“

Telefonate dieser Art kommen täglich bei der Hotline an. Dann fährt jemand los, holt ab, bringt unter, bringt Essen und Getränke vorbei, organisiert Pässe, Visa, Ausreisen usw. Diese Menschen setzen sich unvorstellbaren Gefahren aus, um andere zu schützen und zu retten.

Der Versuch der Ausrottung von Lesben, Schwulen, bi-, trans- und -intersexuellen Menschen, kurz LGBTQI (engl. Abkürzung) in der russischen Teilrepublik Tschetschenien 2017 wurde weltweit nicht zu Kenntnis genommen, außer in den LGBTQI-Communitys und Menschenrechtskomitees. Über Nacht wurden in einer koordinierten Aktion von den Behörden Schwule, Lesben, Bisexuelle verhaftet, in illegale Gefängnisse geschmissen und gefoltert. Es wurde von ihnen verlangt, andere zu denunzieren. Viele Inhaftierte wurden zu Tode gefoltert. Andere wurden nach ihrer Freilassung in ihren Familien Opfer von Ehrenmorden, denn in den Familien ist die Scham groß. Schwule Söhne werden umgebracht, oder sie verschwinden spurlos und bleiben verschwunden, lesbische Töchter werden ein Leben lang zu Hause eingesperrt.

Der von der russischen Regierung eingesetzte Präsident Ramsan Kadyrow wies in einer Pressekonferenz alle Anschuldigungen zurück und behauptete höhnisch und zynisch, diese Untermenschen gehören sowieso ausgerottet, das Blut muss rein bleiben, und - es gäbe keine queeren Menschen in Tschetschenien.

*

Atemlos sieht man 107 Minuten der Hoffnung, der Angst, der Gewalt und der Grausamkeit, aber auch der Liebe, der Trauer und des Mutes. Und 107 Minuten lang schießen hier in Berlin 2020, 70. BERLINALE, den Mutigen unter uns Gedanken zu dieser Art Widerstand durch den Kopf, ob sie solche Aktionen in irgendeiner Form unterstützen können. Hinter weinen jedoch alle, auch diejenigen, die einfach nur froh sind, in Deutschland zu leben.

Der 1958 geborene David France zeigt schonungslos Menschen in Aktion und Verfolgte mit einer ausgewählter Kamera- und Tontechnik. Sie bietet den Verfolgten den größtmöglichen Schutz und kann offen Gesichter und Gespräche, Wohnungen, Unterstützungsaktionen, Aktivistinnen und Aktivisten zeigen. Aufwändige Technik wurde erfunden und eingesetzt und eine ausgeklügelte Guerillataktik, um die Menschen, die ihm das Vertrauen schenken, mit ihm diesen Film zu machen, nicht in ihren Verstecken zu verraten.

In der Pressekonferenz wurde dazu immer wieder angesetzt, David France und das Film-Team waren um größte Geheimhaltung bemüht.

Es gibt geheime Wohnungen, in denen die Verfolgten leben, es gibt sehr viele Gerettete. Aber leider nicht nur. Anya, 21, hat es nicht ausgehalten, so lange alleine in einer geheimen Wohnung zu leben, nicht spazieren oder shoppen gehen zu können. Sie ging raus.

Sie heißen: Akhmad, Grischa, Anya, Bogdan und viele Ungenannte. Mit Decknamen und falschen Gesichtern gefilmt, nur die Geschichten, die sie erzählen, sind wahr.

„If they don’t kill you, you‘re a winner“,sagt David Isteev, LGBTQ-Aktivist, Russia. Mit diesen dürren Worten fasst er es zusammen. Er koordiniert das Russische LGBT-Netzwerk, ist Journalist.

Warum Tschetschenien? wird immer gefragt. Doch es ist nicht alleine Tschetschenien, es ist Georgien, es ist Dagestan, es ist…

Und was treibt die Menschen an, diese Rettungsaktionen zu machen, sich selbst für andere so in Gefahr zu bringen?

Olga Baranova, aus Moskau, Gründerin der Moskauer Community Center für LGBT+ Initiatives; ist eine der Hauptaktivistinnen in diesem Film. Sie ging bewusst das Risiko ein, auf der Pressekonferenz wird sie gefragt: „Bereuen Sie ihren Schritt?“ - Sie darauf: „Nein, aber es ist jetzt auch für mich zu gefährlich, möchte Asyl beantragen, muss…“

Seit 2017 wurden viele Menschen gerettet, viele davon leben in nicht genannten Ländern, die Angst vor Verfolgung werden sie jedoch nie verlieren. Denn auch diejenigen, die weggehen, werden nie in Sicherheit sein.

* *

David Frances Dokumentarfilm ist der erste über die Menschen vor Ort, die sich zusammentun, um das Leben anderer und ihr eigenes zu retten. Er ist ein wichtiger Film im Kampf gegen eine ultrakonservative Regierung und ein Hoffnungsträger für Menschen, denen wichtig ist, dass sich in Tschetschenien etwas verändert.

Zelim Bakaev, ein sehr bekannter tschetschenischer Popstar, der in Moskau lebte, fuhr im August 2017 für eine Woche Urlaub in seine Heimat. Seitdem ist er verschwunden. Es heißt, er sei schwul.

Bei diesem Film geht es nicht darum zu gewinnen oder Preise einzuheimsen. Es geht darum, dass er gedreht wurde, dass er gezeigt wurde, dass ihn sehr viele Menschen gesehen haben und es aufhört, dass in Tschetschenien LGBTQI-Menschen verfolgt, inhaftiert, gefoltert und ermordet werden. Und dass Grundrechte und Menschenrechte eingehalten werden und so etwas nicht mehr passieren darf.

Bis dahin ist noch ein weiter Weg.


Bewertung:    



Welcome to Chechnya | (C) Public Square Films

Hilde Meier - 1. März 2020
ID 12043
Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinale.de/


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