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72. BERLINALE

PANORAMA

Nelly & Nadine


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Sylvie Bianchi sinniert, umspielt von Katzen, in ihrer Küche, auf ihrem Bauernhof, in Frankreich über die Hinterlassenschaften ihrer Großmutter Nelly Mousset-Vos auf dem Dachboden: Koffer, Kisten, zu Dutzenden gestapelt. Zögerlich nähert sich die Enkelin den Papieren, den Dokumenten, den Fotos und damit den Familiengeheimnissen: die KZ-Aufenthalte ihrer Großmutter, ihr Überleben dort und die lesbische Liebesgeschichte mit Nadine Hwang.

Es hätte eine romantische Liebesgeschichte werden können. Jedoch waren für die Begegnung von Nelly & Nadine weder Ort noch Zeit dafür ideal.

Langjähriges Schweigen liegt über vielen lesbischen Lebensgeschichten aus dieser Zeit und auch heute noch an diesen Orten (doch nicht mehr lang - siehe Gedenkkugel-Diskussion).

Umso mehr berührt der warme, offene Dokumentarfilm Nelly & Nadine von Regisseur Magnus Gertten, Schweden, Jahrgang 1953 durch seine geduldige Spurensuche nach den Lebens- und Leidensgeschichten der Frauen.

Im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück lernen sich Nelly und Nadine 1944 kennen, am Weihnachtsabend küssen sie sich das allererste Mal und verlieben sich unsterblich ineinander. Beide wissen nicht, ob sie jemals wieder frei sein werden und das Lager überhaupt überleben.

Verschiedene Vorgeschichten haben Nelly und Nadine in die Nazigefangenschaft, in die Deportation in ein deutsches Konzentrationslager, nach Ravensbrück, und Nelly auch nach Mauthausen, geführt.

Die Belgierin Nelly Mousset-Vos (1906-1987) war eine bekannte Opernsängerin, die durch oft Europa tourte. Aus einer Ehe mit Edourd Vos hatte sie zwei Töchter, Claire (geb. 1927) und Claude (geb. 1931).

Ab 1941 war Nelly Agentin im Widerstand im Netzwerkes LUC organisiert, Deckname Claire. 1943 wurde sie in Paris von der Gestapo in einer Nacht und Nebelaktion verhaftet und ohne Anklage in verschiedenen Gefängnissen festgehalten. Im Herbst 1944 erfolgte ihre Verschleppung in das KZ Ravensbrück, wo sie am 1. Dezember 1944 ankam. Anfang 1945 wurde sie noch nach Mauthausen in Österreich überstellt, am 22. April 1945 befreite das Schweizer Rote Kreuz Mauthausen. Nelly erreichte am 1. Mai 1945 Brüssel und fand ihre Familie wieder.

Nadine Hwang (1902-1972) wurde als Tochter eines chinesischen Diplomaten in Madrid geboren, wo ihr Vater arbeitete und ihre Mutter, eine Belgierin, kennenlernte. Als die Familie nach China zurückging, kam Nadine auf eine französische Klosterschule in Peking. Dennoch konnte sie in China ein für damalige Verhältnisse sehr freies Leben führen. Doch 1933 zog es sie nach Paris. Sie verkehrte mit der lesbischen Salonniere und Schriftstellerin Natalie Clifford Barney, war zeitweise deren Geliebte und bewegte sich in deren berühmt-berüchtigtem Umfeld, auch als Sekretärin und Chauffeurin. Während des Krieges lebte Nadine Hwang an der spanischen Grenze und verhalf Menschen zur Flucht vor den Nazis nach Spanien. Nach ihrer Verhaftung wurde sie im Mai 1944 nach Ravensbrück geschafft, wo sie an Weihnachten 1944 Nelly kennenlernte.

Ab da regierte die Macht der Liebe. Nach dem ersten Kuss waren die beiden unzertrennlich und unterstützten sich in dem harten Alltag eines Konzentrationslagers, um in den kalten Barracken zu überleben, den Naziterror auszuhalten, sich gegenseitig zu bestärken und zu trösten und das karge Essen zu teilen.

Im Februar 1945 kam es zur Trennung der beiden, denn Nelly wurde ins KZ Mauthausen überstellt, das Vorzimmer zur Hölle genannt. In Lumpen gekleidet und entkräftet konnte sie die schwere Arbeit im Steinbruch nicht bewältigen, wurde schwer krank und überlebte nur knapp die Schikanen.

Nadine Hwang wurde vom Roten Kreuz am 18. April 1945 aus Ravensbrück befreit und nach Malmö gebracht. Die Rettungsaktion und Evakuierung der ca. 15.000 Überlebenden aus deutschen Nazilagern mit den „Weißen Busen“ war in Schweden ein großes Thema in den Medien und wurde breit gefilmt und fotografiert. Nadine Hwang fiel auf einem dieser Fotos auf. Ihr Blick gab auch einem Betrachter, dem schwedischem Regisseur Magnus Gertten, Rätsel auf, die er im Dokumentarfilm Every Face has a Name 2015 zu ergründen suchte. Der Film Nelly & Nadine gehört zu seiner Trilogie (Harbour of Hope 2011, Every Face has a Name 2015). Seit 2007recherchierte er in Archiven in Malmö zum "28. April 1945".

Bei einer Vorführung von Every Face has a Name kam es zu einem Kontakt mit der Enkelin Sylvie B. und zur Zusage zu diesem weiteren Dokumentarfilm.

"Wir haben gleich gedreht", sagte Magnus Gertten. Nur so konnte er das Herantasten einfangen, das Zögern der Enkelin, sich dem Ganzen zu stellen. In 10 Monate Schnitt entstand der Film. So wurde unter dem Blick der Kamera langsam Kiste für Kiste in Angriff genommen, die Papiere gelesen und die Fotos angeschaut: Zeugnisse einer großen Liebe, Einblicke in einen Konzentrationslager-Alltag, in Folter und Überlebenskampf, in ein vertrautes lesbisches Liebesleben nach der Befreiung, und auch in ein - verschlossenes - Seelenleben mit großen Schmerz und großem Glück.

Nach ihrer Befreiung fanden Nelly und Nadine erst 1946 wieder zusammen und beschlossen, für immer zusammen zu bleiben. Nelly ließ sich scheiden, um mit Nadine zu leben und nahm ihre Tochter Claude mit. Die Frauen zogen nach Venezuela und lebten 20 Jahre als Cousinen gemeinsam in einer Wohnung in Caracas mit einem sehr offenen Bekanntenkreis, dem ihre Liebe ein offenes Geheimnis war. Nelly arbeitete in der Französischen Botschaft, Nadine in einer Bank. Anfang der 1970er zogen sie nach Brüssel zurück, wo Nadine 1972 starb.

Nelly verheimlichte bis zum Schluss ihrer Familie ihre Liebe, ihren Aufenthalt im Konzentrationslager und den Beginn der Beziehung mit Nadine dort.

Feinfühlig dem Thema gegenüber, der Enkelin, der Geschichte und mit großem Respekt für diese lesbische Liebesgeschichte schuf Magnus Gertten einen großartigen Film. Er freue sich, sagte er, dass Nelly und Nadine ihm die Gelegenheit gegeben haben, diesen Film zu machen, über Menschen, die für die Freiheit, zu lieben, wen sie möchten und zu leben wie sie möchten und so zu sein, wie sie möchten, kämpfen. Darüber Filme zu drehen, sei für ihn "der privilegierteste Job der Welt".

In seinem bewegenden Dokumentarfilm Nely & Nadine bringt Magnus Gertten eine starke Beziehung, eine tiefe Liebe und eine große Hoffnung auf Anerkennung von vielfältigen Liebensgeschichten rüber und rettet eine großartige lesbische Liebes- und Lebensgeschichte vor dem Vergessen.



Nelly & Nadine von Magnus Gertten | (C) Gustav Boge / Auto Images

Hilde Meier - 15. Februar 2022
ID 13458
Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinale.de


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