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ACHTUNG BERLIN | 10. - 17. April 2019

Theater in der Provinz, eine Datsche bei Potsdam und Zombies im Thüringer Wald




Vor zwei Tagen ging die 15. Ausgabe des ACHTUNG BERLIN new berlin film award mit der Preisverleihung im Kino Babylon zu Ende. Den Hauptpreis für den besten Film verlieh die Spielfilmjury an Frau Stern von Regisseur Anatol Schuster. Ein Film, „der sich selbst in jeder Einstellung treu bleibt“, wie es in der Begründung heißt. Frau Stern (Ahuva Sommerfeld) ist eine 90 Jahre alte Berliner Jüdin, die den Holocaust überlebt hat und nach einem erlebnisreichen und erfüllten Leben entscheidet, „dass es nun an der Zeit ist, aus der Welt zu gehen“. Dabei behilflich sein soll ihr ihre Enkel Elli (Kara Schröder), zumindest mit Kontakten in die Drogenszene von Berlin-Neukölln zur Beschaffung einer Waffe. Was ziemlich verrückt klingt, hat schon die Kritiker und Filmfreunde beim Filmfestival Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken für sich eingenommen.

Das ist ein echter Berlinfilm, von denen das Festival Achtung Berlin auch lebt. Für einen Preis in Saarbrücken hatte es für Frau Stern noch nicht gereicht.



Ganz anders ein weiterer Beitrag, der ebenfalls von dort nach Berlin weiterreiste. Das melancholische Mädchen von Regisseurin Susanne Heinrich bekam in Saarbrücken den Hauptpreis und ging dafür in Berlin leer aus. Unterschiedlicher können Geschmäcker und Filme nicht sein. Der hochartifizielle Essayfilm erzählt in einzelnen kleinen Episoden von einer jungen Schriftstellerin (Marie Rathscheck) mit Schreibblockade, die auf der Suche nach einer Bleibe auf verschiedenste Menschen in Berlin trifft. Ein Film, der die Straße weitestgehend meidet, dafür aber die Kunst- und Kreativszene daheim im Bett, bei der Therapie, in Cafés oder Galerien aufs Korn nimmt und dabei auch noch die Rolle der Frau ironisch reflektiert. Ein zugegeben etwas sperriges Format, das phasenweise wie postmodernes Theater wirkt.

Bewertung:    



Das melancholische Mädchen | (C) DFFB_Anges-Pakozdi

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Neben einigen Beziehungskomödien und Coming of Age-Filmen war aber das Thema Kunst und Theater bei ACHTUNG BERLIN recht häufig vertreten. So etwa auch im Wettbewerbsfilm Arme Ritter von Regisseur Florian Schmitz, der eine Dreiecksgeschichte zwischen den Jugendlichen Chiara (Lilli Meinhardt), ihrem Freund Peter (Marcus Abdel-Messih) und dem angehenden, nach Wahrhaftigkeit strebenden Performer Erik (Christoph Bertram) erzählt, die sich auf einem Kunstfestival kennenlernen. Auf dem Weg zwischen Leipzig, wo Erik am Schauspiel vorsprechen will, und Berlin, wo Chiara und Peter leben, verlieren sich die Wege der drei und führen erst später in Berlin wieder zusammen. Nachdem Konkurrent Peter nicht mehr zwischen ihm und Chiara steht, sucht der für einen Auftritt probende Erik nach einer neuen Chance. Das ist recht independent, improvisiert und semidokumentarisch gedreht und hätte sicher auch besser in die Sektion „Berlin Independent“ gepasst. Dort gab es dann aber neben dem Wettbewerb auch einige andere interessante Beiträge zu sehen.

Bewertung:    

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Alle in einem Boot von Regisseur Tobias Stille trägt sein Anliegen schon im Titel. Der Theaterregisseur Paul (Thilo Prothmann) probt für eine Off-Produktion mit einem relativ unterbezahlten Ensemble von freien SchauspielerInnen in einer alten Berliner Fabrikhalle. Er hat sich einen ganz persönlichen Stoff vorgenommen, der von seinem Großvater handelt, der mit seiner jüdischen Frau und ihrem Kind (seinem Vater) auf einem Schiff voller jüdischer Flüchtlinge einst von Hamburg nach Kuba vor den Nazis floh. Vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) wird ihm eine Gruppe arabischer Geflüchteter geschickt, die er in sein Stück einbauen soll. Darin sieht Paul zunächst eine Chance sein Projekt quer zu finanzieren und träumt außerdem schon vom Erfolg und einer Einladung zum Theatertreffen. Leider hat er die Rechnung ohne sein Ensemble gemacht, in dem es nun immer mehr zu brodeln beginnt und sich erste Ressentiments und kleine Feindseligkeiten breitmachen. Als auch noch die Finanzierung stirbt, geht ihm das deutsche Ensemble von der Stange, und er muss allein mit den recht ambitionierten Flüchtlingen weiter machen. Das ist recht ambitioniert und trotz turbulentem Ende aber auch etwas altbacken betulich erzählt.

Bewertung:    

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Ganz anders dagegen unRuhezeiten von Eike Weinreich und Koregisseur Alexej Hermann. Der Titel des Films, der ebenfalls im Theatermilieu spielt, hat eine doppelte und dazu noch ironische Bedeutung. Vom Theater Oberhausen - noch unter Intendant Peter Carp - mitproduziert, ist er eine Hommage an die Welt des Theaters, auch wenn es irgendwo in einem westdeutschen Provinznest steht, das hier fiktiv auch noch Armstadt heißt und von Subventionskürzungen und einem bevorstehenden Intendantenwechsel bedroht ist. Hierher hat es die beiden Jungschauspieler Thieß und Moritz (Thieß Brammer und Moritz Peschke) verschlagen. Thieß wartet auf seine erste große Rolle in der Orestie, die ihm aber Konkurrent Moritz wegschnappt. Trotzdem versuchen beide etwas gegen den drohenden Niedergang der Provinzbühne, an der der neue Intendant schon die Nichtverlängerungen verteilt, zu unternehmen und fahren ans Deutsche Theater Berlin und Deutsche Schauspielhaus Hamburg („Was sollen wir denn in München?“), um von den großen Stars etwas zu lernen.

Recht uneitel ziehen sich hier die SchauspielerInnen Edgar Eckert, Camill Jammal, Benjamin Lillie, Franziska Machens, Ulrich Matthes und Katrin Wichmann bei hochtrabenden Gesprächen selbst durch den Kakao und löffelt in der Kantine Intendant Ulrich Khuon neben den beiden die Stars suchenden Jungschauspielern in aller Seelenruhe seine Suppe. In Hamburg lässt dagegen Herbert Fritsch das Regie-Arschloch raushängen und traktiert seine fast verzweifelnde Schauspielerin Annika Meier mit unsinnigen Probenanweisungen. Thieß und Moritz müssen erkennen, dass auch an den großen Häusern nur mit Wasser gekocht wird, und begehren gegen den sie umgebenden Wahnsinn auf. Das ist eine herrliche, mit vielen Insidergags gespickte Betriebssatire, die Themen wie Unterfinanzierung, Gender Pay Gap, Kollegenneid, ignorante Provinz-Kritiker oder auch das Kommentarwesen des Internetportals Nachtkritik behandelt. In einer Nebenrolle als Regisseur eines chaotischen Weihnachtsmärchens am Theater ist der Ex-RTL-Nachrichtenmann Hans Meiser zu sehen.

Bewertung:    



unRuhezeiten | (C) Alexej-Hermann

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Ebenfalls sehr witzig ist der Film Datsche von Regisseurin Lara Hewitt, der zwar nur am Rande etwas mit großem Künstlertum zu tun hat, aber auf eine sympathische, weniger moralisierende Weise einiges zum Thema Flüchtlinge und Fremdenhass erzählt. Der New Yorker Schauspieler Valentin (Zack Segel) hat von seinem deutschen Großvater eine Datsche in der Nähe von Potsdam geerbt und zieht für den Sommer dort ein, um seine Familiengeschichte zu erforschen. Im Dachboden der schön ostigen Ex-DDR-Laube hat sich aber auch der von Abschiebung bedrohte Äthiopier Adam (Kunle Kuforiji) eingenistet und lebt von den Früchten des etwas verwilderten Gartens, den Valentin gemäß den strengen Regeln der Gartensparte wieder auf Vordermann bringen muss.

Dazu bestellt er sich via Internet-Couchsurfing-Portal ein paar Mistreiter wie den dauerbekifften Argentinier Zorro (Juan Carlos Lo Sasso), den verklemmten Bayern Stefan (Luis Lueps) und die geheimnisvolle Griechin Maria (Marie Celine Yildirim). Diverser kann eine WG kaum sein. Dazu eckt die internationale Truppe auch bei einigen sehr deutsch-korrekten Schrebergärtnern wie dem verbissenen Hitlerverschnitt Gregor (Christian Harting) an. Genüsslich werden hier ein paar deutsche Klischees aus Sicht der globalisierten Webcommunity verulkt, aber auch die Generation Rollkoffer bekommt ihr Fett weg. In jedem Fall ein großer Spaß für alle, die sich selbst nicht zu ernst nehmen.

Bewertung:    

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Um die Natur im weiteren Sinne geht es auch in dem einzigen echten Genrefilm des Wettbewerbs. Der Zombiestreifen Endzeit von der Regisseurin Carolina Hellsgård ist dazu noch eine rein weibliche Filmproduktion, die auf dem gleichnamigen Comic der Jenenserin Olivia Vieweg basiert. Einen Zombiefilm im Thüringer Wald hat es sicher so noch nicht gegeben. Die bewaldete Naturkulisse, in der sich die beiden jungen Frauen Vivi (Gro Swantje Kohlhof) und Eva (Maja Lehrer) auf der Flucht von Weimar nach Jena gegen eine von einem Virus befallene Zombiearmee erwehren müssen, ist dann aber wie eine weitere Mitspielerin und hat auch eine gewollt philosophische Bedeutung. Und dabei nicht unbedingt nur die naheliegende Assoziation vom Osten als blutrünstiges Zombieland.

Kennengelernt haben sich die beiden Frauen beim Dienst am Absperrzaun, der die Städte vor den durch die Natur streifenden Zombiehorden schützen soll. Nicht nur das sich die zunächst schwächere Vivi gegen die stärkere und abgebrühte Eva behaupten muss, beide Frauen werden auf ihrer Flucht nicht nur mit Zombies, sondern immer wieder auch mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Vivi, die sich schuldig fühlt, ihre kleine Schwester bei einem Zombieangriff im Stich gelassen zu haben, begegnet den schrecklichen Ereignissen wiederholt in ihren Träumen. Das Element Natur verkörpert auch die wie eine Waldfee in einem abgelegenen Hof lebenden Gärtnerin (die bekannte dänische Schauspielerin Trine Dyrholm), die Vivi das Zombiephänomen als eine Art Selbstreinigung der Natur erklärt. Ein Apokalypse, die nicht das Ende, sondern einen neuen Anfang bedeutet. Auch wenn das etwas esoterisch klingt, und einige Anleihen bei schon bekannter Zombieliteratur nimmt, ist die Umsetzung, auch was das genreübliche Szenario betrifft, durchaus beeindruckend.

Bewertung:    



Endzeit | (C) Anke Neugebauer Grown Up Films ZDF


Stefan Bock - 19. April 2019
ID 11360
Weitere Infos siehe auch: https://achtungberlin.de/


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